Montreal, Montag, 12. Juli 2021, wir stellen uns vor wie in der Zentrale von Ubisoft ein Krisenmeeting stattfindet. Der Meetingsleiter ergreift mit zitternder Stimme das Wort: “Leute, wir haben ein Problem. Wir haben einen Account von CTZN gebannnt.” Bedrückende Stille überschwemmt den Raum.

Natürlich lässt sich darüber streiten, ob dieses Szenario realistisch ist oder nicht, aber es ist durchaus vorstellbar, dass unser Gedankenspiel zumindest teilweise Wirklichkeit werden könnte. Doch was ist geschehen?

Am gestrigen Montag kursierte auf Twitter die Meldung, dass ein Smurf-Account von G2 Esports Starspieler Ben ‘CTZN’ McMillan gebannt wurde. Der Account des Rainbow Six Siege Profisportlers sei wenige Tage nach dem viel thematisiertem Vorfall rund um den GSA-Spieler Firat ‘Levolution’ Hisan ebenfalls aufgrund von zu hohen Statistiken dem Anti-Cheat-System zum Opfer gefallen.

Keine Reaktion seitens Ubisoft

Wenige Stunden vor dem Auftaktmatch des sechsten EUL-Spieltags, welches das Team des Engländers als Tabellenführer gegen unKnights (das ehemalige TrainHard eSport Line-up) bestritt, standen zahlreiche Fragen bezüglich der Zukunft des 22-Jährigen im Raum. Wird er spielen? Wird er für die European League gesperrt? Würde CTZN die gleiche Strafe wie PENTAs Levolution erwarten?

Fest steht, CTZN trat um 18 Uhr für G2 Esports an. Fest steht jedoch auch, dass es nur eine einzige Instanz gibt, die Antworten auf diese Frage liefern kann: Ubisoft. Das Entwicklerstudio hinter dem Taktikshooter praktiziert jedoch zumindest bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels Stillschweigen. Der Grund hinter jener Maßnahme scheint eindeutig – jegliche offizielle Meldung, die Ubisoft zu dem Thema verkünden wird, besitzt Diskussionspotenzial. Jede Entscheidung, die Ubisoft treffen kann, wird wohl auf Frust oder Unverständnis stoßen. Jedes offizielle Statement wird potenziell das Entwicklerstudio unglaubwürdig und ungeschickt dastehen lassen.

Wir erinnern diesbezüglich daran, dass niemand den Mitarbeitern des Unternehmens mit Hass, Respektlosigkeit und Beleidigungen begegnen sollte. Auch die aktuellen Ereignisse sollten nicht als Nährboden für unangebrachtes Verhalten dienen. Wir verweisen an dieser Stelle auf unseren Artikel “Warum jammernde Spieler dem Gaming Schaden”, der aufzeigt, wie öffentlich geposteter Hass von Spielern gegenüber einem Spiel dessen Entwicklung negativ beeinflussen kann.

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Ein Beispiel aus der Community:

Recap: Der Fall Levolution – Ein Statistik-Bann

Wie wir bereits erwähnten sind die Auswirkungen des Banns für CTZN und somit dessen Zukunft noch ungewiss. Für Ubisoft gibt es drei Möglichkeiten auf die Ingame-Sperre zu reagieren und wie wir bereits erwähnten sind alle drei Varianten aus der Sicht des Entwicklers wenig positiv. Ehe wir jedoch auf diese besagten Reaktionsmöglichkeiten genauer eingehen, blicken wir kurz auf die Ereignisse der letzten Woche zurück.

Am Donnerstag, dem 8. Juli 2021 wurde PENTAs Spieler Firat ‘Levolution’ Hisan, auch ‘Levo’ genannt, wegen Cheatings für knapp ein Jahr von Ubisoft für die GSA League gesperrt. Jene Sperre folgte ein Aufruf der Rainbow Six Community, die dem scheinbar ungerechtfertigten Bann mit dem Hashtag #FreeLevo entgegenwirken wollte. Jener Bann sei eine Folge zu hoher Statistiken auf einem Alternativ-Account gewesen. Ausschlaggebend für die Sperre soll eine Headshot-Quote von 80 Prozent sein.

Am Freitag, dem 9. Juli 2021 folgte anschließend eine weitere Meldung seitens Ubisoft, die erklärte, dass Levo aufgrund von Leistungs- sowie Toxicity-Indikatoren gesperrt wurde. Jene Indikatoren seien bei einer manuellen Überprüfung durch einen Ubisoft-Mitarbeiter gefunden worden. Das Positive an der Meldung ist, dass Ubisoft mit der Formulierung “Leistungs-Indikatoren” den Spekulationen zustimmte und indirekt bestätigte, dass Levolutions Statistik zu dem Bann führte – schließlich werden Leistungs-Indikatoren statistisch ermittelt und festgehalten. Die Begriffe „Leistungs-Indikatoren“ und „Statistik“ fungieren in gewisser Weise synonym zueinander.

Recap: Der Fall Levolution

Die zweite Meldung vom 9. Juli erhielt durch die erwähnte Erkenntnis eine noch stärkere Gegenwehr der Community. Viele fragten sich außerdem, wo plötzlich der erwähnte Toxicity-Indikator herkam und wie toxisches Verhalten einen Bann aufgrund von Cheating rechtfertigen kann. Die Community war sich einig, die Situation schien klar: Ubisoft machte einen Fehler und sperrte einen verdienten E-Sportler aufgrund einer für Profisportler üblichen überdurchschnittlichen Statistik. Hinzu kam, das besagte zweite Meldung wie eine Rechtfertigung beziehungsweise der Versuch das Gesicht zu wahren wirkte.

Der Gedanke kam auf, dass Ubisoft merkte, dass Levo niemals hätte gebannt werden sollen und dass das Bannen nach Statistiken fehlerhaft ist. Folgt man jenen Gedanken, weiß Ubisoft, dass ihr System legitime Spieler zu Unrecht sperrt. Hätte das Unternehmen den öffentlich kommunizierten Bann von Levolution rückgängig gemacht, hätten sie sich nicht nur einen Fehler beziehungsweise ein fehlerhaftes System eingestanden.

Jeder Bann, der seit der Einführung aufgrund dieses Systems durchgeführt wurde, könnte angefochten werden, wenn Ubisoft einen Fehler bei Levos Bann gestanden hätte. Des Weiteren hätte die Administration der GSA League unglaubwürdig und das Regelwerk löchrig gewirkt.

Wer noch einmal genauer nachlesen möchte, was vergangene Woche bezüglich Levolution geschah, kann dies mittels unseres Artikels „Zu Unrecht gebannt? – Der Fall Levolution“ tun.

Rainbow Six: Zu Unrecht gebannt? – Der Fall Levolution

Die Zukunft von CTZN, die Folgen für Ubisoft und Levolution

Blicken wir in Folge der Betrachtung des Falles von Levolution auf die CTZN-Situation, stellen wir fest, dass es zahlreiche Parallelen gibt. CTZN ist auf einem Alternativ- / Smurf-Account gebannt worden. Auch hier wird eine Statistik als ausschlaggebender Grund vermutet. Außerdem steht auch für CTZN die Teilnahme an der GSA League sowie an der European League auf dem Spiel. Gemäß dem auf Levolutions Situation angewendeten Regelwerk muss CTZN wettbewerbsübergreifend für ein Jahr von kompetitiven Begegnungen ausgeschlossen werden, da die Bestrafung eines Vergehens auf allen Accounts eines Spielers Anwendung findet.

Disclaimer: Bevor wir auf die drei möglichen Umgänge mit der Situation eingehen, muss klargestellt werden, dass das angebliche toxische Verhalten Levolutions getrennt davon zu behandeln ist. Dieses müsste, sollte man den einjährigen Ausschluss von kompetitiven Wettbewerben damit rechtfertigen wollen, ein erhebliches Ausmaß darstellen.

Sprechen wir also über die drei bereits erwähnten Möglichkeiten, die Ubisoft besitzt, um auf die aktuelle Lage zu reagieren und besprechen die Folgen, welche jene Maßnahmen nach sich ziehen könnten:

1. Ubisoft sperrt CTZN für ein Jahr

Jene Maßnahme kann dem E-Sport von Rainbow Six Siege enormen Schaden zufügen. CTZN ist einer der beliebtesten und talentiertesten Spieler der Szene. Er ist der Topfragger der außerordentlich beliebten E-Sport-Organisation G2 Esports und derzeit mit seinem Team Tabellenführer der EUL – der höchsten europäischen Spielklasse. Die Reichweite und die Anzahl an Fans und Supportern übersteigt bei CTZN die Zahlen von Levos Unterstützern deutlich. Gemessen an den Twitter-Followern steht es ~52.300 zu ~2.100 für den Engländer. Das Ausmaß der Reaktionen, die CTZNs Supporter Ubisoft entgegenschmettern könnten, wenn das Entwicklerstudio den Fragger tatsächlich sperren sollte, wäre eine große Herausforderung für das Unternehmen und den E-Sport von Rainbow Six Siege. Ubisoft müsste sich aller Voraussicht nach massiver Kritik stellen. Vor allem, da der Bann auf das viel diskutierte Statistik-basierte Anti-Cheat-System zurückzuführen ist.

2. Ubisoft bannt Levolution, CTZN wird nicht gesperrt

Apropos massive Kritik: Dieser müsste sich das Entwicklerstudio wahrscheinlich ebenfalls stellen, wenn sie CTZN nicht bannen. Zwar würde man der Kritik von dessen Supportern aus dem Weg gehen, doch würde das Unternehmen seine kompetitive Integrität zerstören. Selbiges lässt sich anschließend auf den E-Sport von Rainbow Six übertragen, wenn der Eindruck vermittelt wird, dass das Regelwerk beziehungsweise die Administration der Wettbewerbe nach zweierlei Maß misst. Dies wäre der Fall, wenn Levolution weiterhin gesperrt bleibt während CTZN nicht gesperrt wird. Kein Mitglied der E-Sport-Szene von Rainbow Six Siege kann ein solch widersprüchliches Verhalten für gut empfinden.

3. Ubisoft bannt weder Levolution noch CTZN

Die Entscheidung, die bei vernünftiger Kommunikation am wenigsten Schaden bei dem Entwicklerstudio anrichten würde, wäre meiner Meinung nach, wenn die Sperre für Levolution rückgängig gemacht werden würde, um anschließend CTZN nicht sperren zu müssen. Eine Erklärung und eine Entschuldigung Levolution gegenüber müsste her, während Ubisoft zeitgleich seinen Spielern erklärt, dass sie nicht jeden Fall eines eventuell auf Statistiken beruhenden möglicherweise fälschlichen Banns überprüfen und rückgängig machen können. Außerdem müsste sich das Unternehmen öffentlich eingestehen, dass die Cheat-Erkennung mittels Statistiken nicht zuverlässig ist und das System in dieser Form im Idealfall nicht weiterhin genutzt werden sollte.

Der Schaden, der unvermeidlich ist, wäre in dem Fall, dass Ubisoft zumindest kurzzeitig unglaubwürdig und unzuverlässig dastehen würde. Ein Anti-Cheat-System zu implementieren, fehlerhaft einen Spieler sperren, es trotzdem als richtig darstellen, einen weiteren Spieler sperren, es als fehlerhaft anzuerkennen und beide Spieler zu entsperren könnte keinen guten Eindruck vermitteln. Betrachten wir jedoch die beiden zuvor angebrachten Szenarien, stellen wir fest, dass dies in jedem Fall eine Folge sein könnte. Der Schaden für den E-Sport, auf dessen Rücken der Erfolg von Rainbow Six Siege beruht, wäre jedoch vergleichsweise gering, da man nicht vollständig die kompetitive Integrität dadurch verlieren würde, dass man zwei identische Situationen unterschiedlich bekannter Spieler verschieden beurteilt.

Die Vermeidung von langfristigen Folgen

Menschen machen Fehler und Menschen verzeihen Fehler. Der durch das Eingeständnis angerichtete Schaden wäre eventuell die kurzweiligste Folge der Thematik, während die beiden zuvor erwähnten Szenarien dem E-Sport des Shooters langfristig dessen Reputation zerstören könnten.

Es ist nur schwierig vorstellbar, dass junge aufstrebende und talentierte Spieler ihren Erfolg in einem Spiel versuchen, in dem sie zu jederzeit befürchten müssen, dass sie aufgrund ihrer Leistung trotz fairen Spielens gesperrt werden könnten und keine Unterstützung des Entwicklers bekommen würden.

Ubisoft vermittelte bislang den Eindruck, dass das Wahren des eigenen Gesichtes wichtiger sei, als die Karriere eines jungen Mannes. Ein E-Sport-Titel kann jedoch unmöglich wachsen beziehungsweise langwierig bestehen bleiben, wenn die Spieler den Verantwortlichen nicht vertrauen. Spieler legen ihre Zukunft nicht in die Hände von Personen, denen die eigene Reputation wichtiger ist, als die kompetitive Integrität.

Findet ihr, dass Levolution und/ oder CTZN gebannt werden sollte?
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