Timo Schöber betrachtet in seinem neuesten Gastbeitrag auf Gaming-Grounds.de aus seiner Sicht die Rolle Schleswig-Holsteins im Bereich E-Sport in Deutschland. Welche Projekte gibt es, wie laufen diese, woran hapert es?

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In den vergangenen zwölf Monaten ist in Schleswig-Holstein einiges in Sachen E-Sport passiert. Eine vom Land ausgelobte E-Sport Förderung in Höhe von 500.000 Euro war erst der Anfang. Inzwischen beteiligen sich auch andere Institutionen mit Fördergeldern, etwa die Landeshauptstadt Kiel. Diese monetäre Unterstützung ermöglichte die Umsetzung von einigen Projekten. Ein anderes herausragendes Konzept ist derweil auf der Strecke geblieben.

Dass es überhaupt zu einer Förderung für den Breitensport innerhalb des E-Sports gekommen ist, ist ein herausragendes Signal. E-Sport ist förderwürdig. Viele ehrenamtlich Engagierte leisten Arbeit an der Basis der Gesellschaft. Mit Aufklärung und Beratung zum Thema. Mit Suchtpräventionsmaßnahmen und Schulungen zur Medienkompetenz bei Jugendlichen. Mithilfe der Durchführung von Events, Wettbewerben und Vorträgen. Mit politischer Kommunikation und einer kooperativen Arbeitsweise.

Hatte der Ministerpräsident Schleswig-Holsteins, Daniel Günther (CDU) Mitte des Jahres 2019 wieder eine Kehrtwende vollzogen, konnte dies die Förderung des E-Sports nicht stoppen. Zum Glück! Günther war durch den Landessportverband bearbeitet worden. Anschließend hatte er öffentlich geäußert, dass er im Hinblick auf den E-Sport der Haltung des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) folgen würde. Eine Haltung, die den E-Sport skeptisch bis kritisch beäugt.

Andere politische Würdenträger sind da progressiver im Denken. So äußerte die FDP, dass man Schleswig-Holstein zum E-Sport Land Nummer 1 machen wolle. Ist das gelungen?

Viele Projekte in Umsetzung

Das Erfreuliche zuerst: Viele Konzepte und Ideen befinden sich im Land zwischen den Meeren bereits in der Umsetzung. Ganz konkret und sehr greifbar. Der einzige reine E-Sport Verein des Nordens, der eSports Nord e.V., wird ein Vereinsheim in Flensburg schaffen. Die Räumlichkeiten sind ausgemacht und werden bereits umgebaut.

In der Pressemitteilung des Vereins heißt es:

„Das Vereinsheim wird sich im ehemaligen Firmensitz der Densch & Schmidt Immobilien GmbH in der Friesischen Straße befinden, keine fünf Minuten Fußweg vom Flensburger Südermarkt entfernt. Die rund 140 Quadratmeter große Räumlichkeit wird nun über die nächsten Monate umgebaut.“

eSportsNord e.V. Logo
Logo eSports Nord e.V., Quelle: eSports Nord e.V.

Der Clou: Das Ganze wird nicht nur als Sozialisierungspunkt für die Vereinsmitglieder sowie zur Erfüllung der Aufgaben des Vereins geschaffen. Gleichzeitig fungiert das Vereinsheim als Leistungszentrum. Eine Kooperation mit der deutschen Toporganisation PENTA sowie die Grenznähe zu Dänemark machen es möglich. PENTA weiß, wie Leistungszentren zu funktionieren haben. Schließlich unterhält die Organisation ein Eigenes in Berlin. Dänemark wiederum ist eine der europäischen E-Sport-Hochburgen schlechthin, mit zahlreichen Teams, die für Bootcamps nach Flensburg reisen könnten.

Ein anderes großes Projekt ist das Landeszentrum für E-Sport und Digitalisierung (LEZ SH) in Kiel. Auch hier sind Räumlichkeiten gefunden worden, direkt in der Kieler Innenstadt.

In der Pressemitteilung des LEZ SH heißt es:

„Das kommende Angebot ist umfangreich: Mehrere E-Sport-Trainingsräume, ein Fitnessraum für Ausgleichssport, ein Studio für Live-Streaming und Begegnungsräume. Ziel ist es, das LEZ SH zum digitalen Knotenpunkt des Landes aufzubauen. Geplant sind auch wechselnde Events, um die Online- und Offline-Sphären miteinander zu verknüpfen.

Logo LEZ SH
Logo LEZ SH, Quelle: Landeszentrum für E-Sport und Digitalisierung Schleswig-Holstein

Die Tore des LEZ SH stehen dabei einer Vielzahl von Nutzern offen – Schulen, Jugendtreffs, interessierte Bürgerinnen und Bürger oder Politik und Verwaltung.“

Ich konnte mir selbst einen Eindruck von den Fortschritten in Kiel machen. Die Räumlichkeiten hinterlassen einen soliden Eindruck. Es ist viel Platz vorhanden und die Baustruktur wirkt frisch renoviert. Das Ganze ist sehr zentral gelegen. Der Standort bietet also viel Potenzial. Darüber hinaus erhält das Landeszentrum nicht nur Fördermittel vom Land, sondern auch von der Stadt Kiel, sodass die finanzielle Ausstattung viele Möglichkeiten eröffnet.

Darüber hinaus hat unter anderem die Initiative für den Games-Standort Schleswig-Holstein (IFgameSH e.V.) am Landeszentrum mitgearbeitet. Es wurden von der Projektleitung also sinnvoll regionale Partner eingebunden.

E-Sport und traditioneller Sport gehen Hand in Hand

Neben diesen beiden herausragenden Projekten, werden in Schleswig-Holstein E-Sport Räumlichkeiten bei traditionellen Sportvereinen geschaffen. Der TSV Neudorf-Bornstein im Kreis Rendsburg-Eckernförde etwa partizipiert an der Förderung für den E-Sport. Neben Räumlichkeiten zur Ausübung des elektronischen Sports werden auch Schulungen und Trainerausbildungen angeboten.

Im Norden sehen viele die Chancen und Synergieeffekte solcher Projekte. Klassische Sportvereine können besser Nachwuchssportler in die Vereine holen. Außerdem können durch den elektronischen Sport die Hand-Augen-Koordination, die Feinmotorik und mentale Aspekte geschärft werden. e-Sportler wiederum können die Trainings- und Sportausstattung der Vereine für Ausgleichssport nutzen.

In dieser Hinsicht sind solche Kooperationen vorbildlich. Ein Miteinander ist immer gewinnbringender als ein Gegeneinander – für alle Beteiligten.

Das zeigt auch ein spannendes Kooperationsprojekt. In Schleswig-Holstein wird es die bundesweit erste Landesmeisterschaft in der Fußballsimulation FIFA geben. Erste Landesmeisterschaft, da gab es doch schon welche? Richtig. Das Besondere ist aber, dass das Turnier in Schleswig-Holstein gemeinsam mit dem Fußballverband des Landes organisiert wird. Es handelt sich also um einen offiziellen vom Sport anerkannten Landesmeistertitel. Das ist in dieser Form einmalig in Deutschland und zukunftsweisend für sinnvolle Kooperationen zwischen klassischem und elektronischem Sport. Das Turnier wird von der Messe Husum & Congress veranstaltet.

Nicht alles Gold was glänzt: Keine E-Sport Akademie in Heide

Ursprünglich war an der Fachhochschule Westküste (FHW) eine Akademie für den E-Sport geplant. Mitsamt Studiengängen, Forschungseinrichtungen und Hochschulstellen. An der FHW in Heide wird seit einiger Zeit bereits zum Thema E-Sport geforscht.

Das Projekt wäre deutschlandweit einzigartig, da es sich um einen Forschungs- und Fakultätsbetrieb an einer staatlichen Hochschule handeln würde, der disziplinübergreifend erfolgen würde. Denn Forschung ist wichtig. Sie objektiviert Themenfelder und Diskussionen. Sie liefert stichhaltige Argumente und legt gegebenenfalls Verbesserungspotenziale frei. Darüber hinaus gäbe es diverse Synergieeffekte zu anderen Wirtschaftszweigen, etwa dem Tourismus, wenn Events nach Heide geholt werden könnten. Hierzu war auch eine Kooperation mit der Nahen Messe Husum angedacht. Auf dem hochmodernen Messegelände hätten Großveranstaltungen von der FHW stattfinden können.

Schleswig-Holstein: E-Sport Land Nummer 1?

Hat das Land zwischen den Meeren den eigenen Ansprüchen genügen können? Wenn man die Breitensport-Förderung und die politische Anerkennung betrachtet, dann ist Schleswig-Holstein gegenwärtig die Referenz im deutschen E-Sport. In keinem anderen Bundesland gibt es eine E-Sport Förderung von Landesseite. Außerdem entstehen viele spannende Ideen und Projekte, wie das Vereinsheim und Leistungszentrum in Flensburg sowie das Landeszentrum in Kiel.

Das Jahr 2019 hinterlässt einen aber auch mit einem weinenden Auge. Schleswig-Holstein hätte seinen Vorsprung auf andere Bundesländer ausbauen können – und zwar durch die Akademie in Heide. Diese Chance hat man verspielt. Aktuell sieht es leider eher danach aus, dass die Einrichtung an der Fachhochschule Westküste nicht kommen wird, obwohl der zuständigen Staatskanzlei in Kiel seit Monaten ein fertiges Konzept aus Heide vorliegt.

E-Sport Land Nummer 1? Ja! Aber es hätte noch viel besser ausfallen können. Dennoch hat Schleswig-Holstein an vielen Stellen gezeigt, wie der deutsche E-Sport in der Zukunft aussehen könnte.