Gastbeitrag von Timo Schöber.

Anfang Dezember war die Jahreshauptversammlung des ESBD. Nach den für viele überraschenden Rücktritten von Hans Jagnow und Fabian Laugwitz, mitten in deren Amtszeit, wurden die beiden Führungsposten des ESBD neubesetzt. Hans Jagnow wechselt von der ehrenamtlichen Tätigkeit beim ESBD zur wirtschaftlich orientierten Electronic Sports League (ESL), die im Übrigen Mitgliedsorganisation des ESBD ist.

Neuer ESBD-Präsident ist Daniel Luther, der vielen als erfolgreich arbeitender Geschäftsführer der Agentur KiNG eSports bekannt sein dürfte. Der 1. Vizepräsident ist fortan Christopher Flato, seines Zeichens der PR-Direktor der ESL. Ebenfalls neubesetzt wurden die Positionen der Vizepräsidenten für die Veranstalter und den Leistungssport. Hier sitzen fortan mit Matthias Remmert (Knochen) und Markus Bonk (ad hoc gaming) zwei Personen mit langjähriger E-Sport-Expertise.

Stehen damit die Zeichen auf einen Neuanfang?

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Die Ausgangslage

Der ESBD ist 2017 mit zwei Kernzielen gegründet worden: Die Anerkennung des E-Sports als Sport, als auch das Erwirken der Gemeinnützigkeit des E-Sports. Beide Ziele sind nach mehr als drei Jahren der Gründung nicht erreicht. Begründet wurde dies von Seiten des Verbandes sehr unterschiedlich. Mal war es das Ehrenamt, das vieles zeitlich nicht zulassen würde. Dann waren es politische Prozesse, die sich ziehen würden. Zuletzt habe die Coronapandemie viel verlangsamt.

Aber auch andere Projekte als die Hauptziele des Verbandes stagnieren seit Langem. Die medienwirksam angekündigte Fachbibliothek des ESBD etwa, im Grunde nicht mehr als ein Verzeichnis von E-Sport Publikationen, wurde seit September 2019 nicht mehr aktualisiert.

Eine Altlast für das neue Präsidium dürfte auch die verbrannte Erde sein, die vielerorts vom ESBD hinterlassen worden ist. Man denke etwa an den Anspruch des ESBD auf „Augenhöhe“ mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) sprechen zu wollen – also mit einer der größten Sportorganisationen der Welt. Das ist selbst von vielen E-Sport-Engagierten als anmaßend gewertet worden.

Positiv zu werten sind die Trainerausbildung des ESBD, als auch die Mitwirkung des Verbandes bei der Einführung eines E-Sport-Visums in Deutschland. In naher Zukunft wird die Trainerausbildung einer C-Trainer-Lizenz entsprechen und damit auch einen offiziellen Charakter erhalten. Hier merkt man, dass Sportwissenschaftler, also Fachkompetenz, hinter diesem Projekt stecken. Für den praktischen Teil der Trainerausbildung wäre noch wünschenswert, dass man Personen hinzuzieht, die nachweislich erfolgreich als Trainer im E-Sport arbeiten oder gearbeitet haben. Dieser Aspekt fehlt in meinen Augen noch.

Darüber hinaus bietet das Landeszentrum für E-Sport und Digitalisierung Schleswig-Holstein (LEZ SH), das vom ESBD getragen wird, Online-Vorträge, die positiv zu werten sind. Es werden spannende Einblicke in unterschiedliche Aspekte des E-Sports geboten, die durchaus einen großen Mehrwert darstellen. Wobei hier die Frage gestellt werden muss, weshalb ein Landeszentrum aus Schleswig-Holstein hierzu bisher keine Referenten aus eben jenem Bundesland aufbieten konnte, sondern nur aus Berlin, Köln und anderen Orten Deutschlands. Eine Nachfrage hierzu bei der Projektleitung vom 30.11.2020 blieb bis heute unbeantwortet. Darüber hinaus ist fraglich, wann das Landeszentrum den physischen Betrieb aufnehmen wird.

Die Jahreshauptversammlung

Im Nachgang der Jahreshauptversammlung des ESBD drehte sich viel um die Finanzen. Die vollständige Entlastung des Präsidiums hierzu ist ausgeblieben, da als Auflistung aller Einnahmen und Ausgaben eine wenig detaillierte Excel-Liste präsentiert worden ist, noch dazu mit einer großen Differenz in den Summen, die wohl auch bei keinem kleinen Dorfverein durchgehen würde.

Viel wichtiger als Ergebnis ist aber die Wahl des neuen Präsidiums. Mit Daniel Luther und Christopher Flato befinden sich nun zwei Personen auf den beiden wichtigsten Posten, die nachweislich über eine immense E-Sport-Kompetenz verfügen. Das ist ein positives Signal. Mit Matthias Remmert konnte man darüber hinaus jemanden ins Boot holen, der im deutschen E-Sport einer der größten Sympathieträger der Szene und dabei gleichzeitig seit einer gefühlten Ewigkeit im E-Sport aktiv ist. Auch das ist ein sehr positives Signal. Beim Leistungssport befindet sich mit Markus Bonk ebenfalls jemand, der weiß, wovon er spricht. Allerdings saß dort mit Daniel Finkler (BIG) auch zuvor jemand, der umfangreiche und gewinnbringende Kenntnisse zum E-Sport hat. Immerhin stellte BIG als Team zeitweise den Weltranglistenersten in Counter-Strike: Global Offensive.

Der Neuanfang

Kritik am ESBD aus der Vergangenheit war an vielen Stellen richtig und wichtig. Wenn „selbstbewusstes“ Auftreten Einzelner gepaart mit ambitionierten Zielen, auf eine überschaubare Zielerreichung treffen, dann ist Kritik eine logische Konsequenz. Einmal, um Druck zu erzeugen, zum anderen, um neue Impulse zu schaffen.

Der Fehler, der jetzt aber nicht gemacht werden darf, ist, diesen Status Quo auf das neue Präsidium zu übertragen.

Die Äußerungen der neuen Verantwortlichen beim ESBD sind vielfach als positiv zu werten. So äußerte der ESBD-Präsident Daniel Luther: „Die Politik soll die verbliebene Zeit bis zum Ende der Legislaturperiode nutzen und den gesamten E-Sport als gemeinnützig anerkennen.“

Das ist weiterhin das Kernziel des ESBD. An dessen Erreichung muss sich das Präsidium messen lassen. Ob und inwieweit das über den Sport forciert werden soll und kann, bleibt abzuwarten. Ich persönlich sehe in letzter Konsequenz, schon aufgrund der Glaubwürdigkeit des E-Sports, keinen anderen Weg als jenen über den Sport. Wenn mittelfristig und temporär aber Abhilfe über andere Wege geschaffen werden kann, etwa durch die Aufnahme des E-Sports als eigenständigen Punkt in die Abgabenordnung, dann ist dies mit Sicherheit ein probates Mittel.

Wichtig ist, dass angesichts der neuen Spitze beim ESBD der Breitensport mitgenommen wird. Dieser ist die größte Abteilung innerhalb des ESBD – und damit das Fundament seiner Existenz. Es ist daher unabdingbar, dass dieser entsprechend repräsentiert wird, wenn Daniel Luther und Christopher Flato politisch agieren.

Fazit

Dem neuen ESBD-Präsidium müssen auch die Kritiker am ESBD jetzt die Chance geben sich zu beweisen. Dabei gilt es im Zweifel nicht nur abzuwarten und still zu beobachten, sondern auch Hände zu reichen. Es bleibt abzuwarten, welche Strategie der ESBD hier verfolgt.

Eines ist jedenfalls sicher: Die neue ESBD-Spitze verfügt über die Erfahrung, die Expertise und das Netzwerk, um den E-Sport in Deutschland ein ganzes Stück voranzubringen.

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