Heute dürfen wir unsere Inhalte abermals mit einem Beitrag von Timo Schöber bereichern. In einer Kolumne bezieht er Stellung zum Thema „Die Einheit des E-Sports“ und zieht zum Vergleich des Status Quo viele Gegebenheiten aus dem klassischen Sport heran. Leider wird Timo in der nächsten Zeit in seiner Rolle als freier Autor im Gaming-Grounds.de Team kürzer treten müssen, da berufliche Verpflichtungen in den Vordergrund getreten sind.

Wir bedanken uns für jeden einzelnen Beitrag, den Timo bis hierhin bereits beigesteuert hat, um das Portfolio der Gaming-Grounds.de Inhalte breiter zu fächern und umfangreicher zu gestalten. Wir hoffen ihn schon bald wieder an dieser Stelle ankündigen zu dürfen. Nachfolgend übernimmt er.

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Im traditionellen Sport, gerade auf professioneller Ebene, sind vielerlei negativ zu bewertende Phänomene hinlänglich bekannt: Ränkespiele, Intrigen, Machtgier, Maßlosigkeit. Ein Geflecht aus Vereinen, Verbänden, Ligabetreibern, Beraterunternehmen, Rating-Agenturen, Einzelpersonen, Profi-Teams, Ausgründungen, Wirtschaftsgrößen und Politikern. Häufig undurchsichtig, vielerorts verworren und nicht eben selten äußerst stark ineinander verflochten.

Gleichzeitig gibt es Abspaltungen, Neugründungen oder Mehrfachbesetzungen. Das sind die schlechten Aspekte des klassischen Sports. Es gibt selbstredend auch hier mehr Licht als Schatten, aber dennoch hat den E-Sport das weitgehende Ausbleiben derartiger Spaltungen und Zersplitterungen an dieser Stelle vom klassischen Sport abgehoben. E-Sport war hier „besser“ als der traditionelle Sport.

War?

Der Status Quo – Betrachtet mit der Schwarzseher-Brille

Wenn man sich die nationale, kontinentale und internationale E-Sport-Szene einmal anschaut, dann wird man feststellen, dass sich in der Industrie immer mehr Lager bilden. Einige sind klar dem E-Sport zuzuordnen, Menschen und Organisationen, die seit Jahrzehnten dabei sind. Andere stoßen neu hinzu, mit ehrlichen und aufrechten Absichten sowie viel Leidenschaft für eine Sache, für die sie brennen. Wieder andere wirken bei vielen als Eindringlinge, die den Wachstumsmarkt für sich entdeckt haben und persönlichen Profit daraus schlagen wollen. Innerhalb dieser Gruppen als auch untereinander finden vermehrt Grabenkämpfe statt. Es geht um Einfluss, Geld, mediale Reichweite und teils sehr egozentrische Absichten.

E-Sport ist Industrie und Sport zugleich. Das birgt auch das Risiko von Externen als Spielwiese betrachtet zu werden.

Darüber hinaus existieren Verbandsstrukturen, die keine Durchschlagskraft haben und auch nicht flächendeckende Anerkennung finden – von der südkoreanischen KeSPA einmal abgesehen. Es gibt Vereine, die sich als große Proficlans verkaufen, obwohl sie nicht einmal semiprofessionell unterwegs sind. Viele Leiter von kleinen Organisationen nennen sich selbst „CEO“, was die eigene Relevanz und Reichweite deutlich überhöht. Überall sprießen Berater, Experten und Szenekenner aus dem Boden. Menschen, die oft keine drei Jahre dabei sind. Blendwerk und Haifische haben Einzug in die E-Sport Welt gehalten.

Viele Köche und Alphamännchen sorgen dafür, dass die „Suppe E-Sport“ immer mehr versalzen wird. E-Sport entwickelt sich in Sachen negativer Aspekte stetig in Richtung des traditionellen Sports. Es werden schlechte Dinge adaptiert, die bestenfalls keinen Platz im E-Sport hätten.

Wird konstruktive Kritik geübt, so wird dies oft nicht als nett gemeinte Hilfestellung oder als Ratschlag interpretiert, sondern als persönlicher Angriff. Gleichzeitig scheint es vielen „Entscheidern“ im E-Sport (oder solchen, die es gerne wären) oft nur darum zu gehen zu „gewinnen“. Die Sache wird aus den Augen verloren. Posten, Positionen und „Rechthaben“ stehen im Fokus. Narzissmus hat im E-Sport um sich gegriffen.

Die Einheit des E-Sports: Unser größter Wert

In der Vergangenheit, bis vor wenigen Jahren, war es die Einheit der Szene, die Geschlossenheit einer weitgehend verschworenen Gemeinschaft, die uns stark gemacht hat. Wir waren ein Haufen Verrückter, die sich für eine Sache engagiert und eingesetzt haben, die eigentlich kaum jemand außerhalb der Szene sonderlich ernstgenommen hat. Sicher, es gab auch damals Konflikte, Ausreißer, Skandale und egoistische Menschen. Das waren aber nur seltene Ausnahmen, die man in der Szene schnell korrigiert hatte.

E-Sport war zumeist idealistisch geprägt, auch, wenn zum Wachstum der Szene und von Organisationen natürlich Geld verdient werden musste. Das ist auch per se nichts Schlechtes. Es geht weniger um das „Was“, als vielmehr um das „Warum“. Wenn Geld zum Selbstzweck verkommt, dann ist dies wenig zielführend für das Phänomen E-Sport insgesamt. Extrinsische Motivationslagen sind keine guten Ratgeber.

Ich würde mir im E-Sport eine Rückbesinnung auf alte Werte wünschen. Mehr Szene, weniger Ego. Mehr „Für die Sache“, weniger Mittel zum Zweck. Mehr Gemeinschaft, weniger Missgunst. Mehr Idealismus, weniger Materialismus. Das „Wir“ hat uns stark werden lassen. Inzwischen schwindet die Einheit des E-Sports. Viele negative Begleiterscheinungen sind bereits jetzt deutlich ersichtlich.

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