Unter der Woche bestätigte das Bundesinnenministerium im Rahmen der Antwort auf eine Anfrage der Bundestagsabgeordneten und Leipziger Stadträtin Monika Lazar (BÜNDNIS 90/Die Grünen), dass in der aktuellen Legislaturperiode der Bundesregierung keine weiteren Maßnahmen zur Förderung des E-Sports in Deutschland mehr geplant seien.

Nachdem das Thema, welches im Koalitionsvertrag aus dem Jahr 2018 fest verankert ist, zunächst sträflich vernachlässigt wurde, im Anschluss auf Ignoranz und Ablehnung stieß und schließlich von zahlreichen anderen höchst brisanten und relevanten Themen auf der politischen Agenda überschattet wurde, ist die Bestätigung vom 10. Februar 2021 nur eine logische Schlussfolgerung.

Die Große Koalition aus CDU/CSU und SPD wird also ihr Versprechen brechen, sich für eine „Anerkennung als Sportart“ und sogar einer „olympischen Perspektive“ des E-Sports einzusetzen. Das wissen wir nun mit Bestimmtheit.

Weitere Stimmen aus der E-Sport-Branche

Bereits am Tag der Information aus dem Bundesinnenministerium äußerten sich sowohl der ESBD als auch der game – Verband der deutschen Games-Branche und bezogen klare Positionen. Auch die Gaming-Grounds.de Redaktion sammelte intern Stimmen und positionierte sich zum Umgang der Politik in Deutschland mit dem Thema E-Sport.

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Politik: Darum ist das gebrochene E-Sport-Versprechen eine Farce

Doch wir wollten auch weiteren Akteuren der Szene die Möglichkeit geben sich zu äußern und haben deshalb bei zahlreichen in der Branche engagierten Menschen nachgefragt, wie sie die Neuigkeit erreicht hat und was sie in diesem Kontext empfinden. Die nachfolgenden Stimmen veröffentlichen wir chronologischer Reihenfolge, in der die Antworten bei uns eingetroffen sind.

Prof. Dr. Jens Junge, Spieleforscher, Direktor des Instituts für Ludologie:

„Ein Koalitionsvertrag ist ein Vertrag. Wenn die Pflichten, die sich aus einem solchen Vertrag ergeben, nicht erfüllt werden, fällt mir nur der Begriff „Vertragsbruch“ ein. E-Sport-Vereinen die Gemeinnützigkeit über eine leicht zu ändernde Abgabenordnung zu gewähren, wäre ein Leichtes. Dieses politische Nicht-Handeln ist eine schmerzhafte Ignoranz für alle im Kultur-, Sport- und Jugendbereich aktiven ehrenamtlichen Akteure. Ich würde mir sehr wünschen, dass CDU und SPD diesen Fehler zügig erkennen und korrigieren!“

Thorsten Mohr, Playing Ducks e. V.:

„Dass E-Sport in Zeiten der Pandemie kein Interesse zur aktiven Diskussion findet, kann ich absolut seitens der Politik verstehen. Hier gibt es ganz klar wichtigere Themen! Aber wir kommunizieren seit über fünf Jahren mit der Politik. In jedem Wahlkampfjahr kommen Aussagen der Parteien „Wir wollen, wir fördern…“ und dann „Pustekuchen“ – wieder nichts.

In Peine (zwischen Braunschweig und Hannover) gab es die ersten Anfragen an die Politik bereits vor acht Jahren und es passierte nichts. Da kann der örtliche Verein so erfolgreich sein wie er will, es besteht kein Interesse, weil die Wahrnehmung einfach nicht vorhanden ist. Es geht nicht immer um finanzielle Mittel, sondern um die Nutzung von Räumlichkeiten, die die Stadt verwaltet und auch für andere Vereine kostenfrei zur Verfügung stellt.

Auf der Gamescom 2017 sprach ich mit Herrn Hubertus Heil (jetziger Bundesminister für Arbeit und Soziales) über das Thema, man versprach auch hier sich zu kümmern. Was passierte? Nichts. In jedem Jahr wo Wahlen stattfinden, kommt das Thema auf den Tisch. Um jugendliche Wähler anzulocken, versprechen Parteien sich stark zu machen. Am Ende des Tages, auch wenn ich mich wiederhole, passiert nichts.

Von Arbeitsgruppen zu Arbeitsgruppen haben wir uns in den letzten Jahren geschlagen, aufwendige Prozesse erstellt und Deutschland schafft es nicht den E-Sport als Sport zu bewerten. Warum geht es in vielen anderen EU-Ländern?“

Jonas Stratmann, eSport Rhein-Neckar (Turn- und Sportverein 1895 Oftersheim e. V.):

„Für uns als E-Sport-Abteilung in einem traditionellen Sportverein ist es ein großes Problem, dass E-Sport immer noch nicht als Sport anerkannt ist. Bei der Gründung hätten wir niemals damit gerechnet, dass auch nach vier Jahren – am Ende der Legislaturperiode – der E-Sport immer noch nicht soweit anerkannt ist.

Wir waren optimistisch zu glauben, dass das Ganze so umgesetzt wird, aber wir hätten nicht damit gerechnet, dass sich in dieser Hinsicht gar nichts bewegt. Weder beim Thema Gemeinnützigkeit, bei der Anerkennung des Ehrenamts im E-Sport oder der Anerkennung des E-Sports als Sportart. Für uns ist die Entwicklung durchaus gehemmt, es wird immer mehr Schwierigkeiten geben das Thema E-Sport im Kontext eines Sportvereins umzusetzen. Wir sind glücklich einen Weg gefunden zu haben all diese Probleme zu umgehen, sind uns aber auch bewusst, dass die Möglichkeiten nicht jeder Verein hat.

Gerade am Anfang ist das ein großes Hindernis. Die Politik muss handeln, damit wir vor Ort den E-Sport weiterhin umsetzen können, mit der gemeinnützigen Prägung und dem Ehrenamt weiter ausführen können. So das auch weitere Vereine diesen Schritt gehen und den E-Sport bei sich aufnehmen.“

Fabian Bornemann, 1. Vorsitzender des eSports Nord e.V.:

„In Schleswig-Holstein, dem E-Sport Bundesland Nummer 1 wenn es um das politische Vorankommen geht, arbeiten wir gut und produktiv mit der Politik zusammen. Es ist schade, dass die Bundespolitik erst große Erwartungen schürt, nur um dann später alle zu enttäuschen. So wird das nichts mit der politischen Glaubwürdigkeit in Sachen E-Sport.“

Phillip Ebben, Co-Gründer aimTalk.de:

„Das Versäumnis der Bundesregierung ihren Versprechen im Koalitionsvertrag zur Förderung der Anmerkung des E-Sports auch Taten folgen zu lassen, zeugt von einem großen Desinteresse in Bezug auf all jene, die sich mit großer Bereitschaft in diesem Sport engagieren und ist zudem ein Paradebeispiel für die mangelnde Zukunftsorientierung in der Digitalstrategie der Bundesregierung.“

David Schramm, Präsident 404 Multigaming:

„Die Antwort des Bundesministeriums auf die Anfrage der Bundestagsabgeordneten Monika Lazar am 10.02.2021 ist eine absolute Enttäuschung und steht der Einigung beider Koalitionspartner aus ihrem Koalitionspapier 2018 massiv entgegen. Damit macht sich die Bundesregierung bei einem nicht kleinen Teil der Bevölkerung unglaubwürdig, was in Zeiten der Krise nicht absehbare Folgen haben kann.

Die Gaming- & eSport-Szene ist eine überwiegend junge Gemeinschaft und wird diesen Vertrauensbruch im Superwahljahr nicht so schnell vergessen. Gerade für beide Volksparteien wäre eine Verbindung zur jüngeren Wählerschaft wichtig gewesen, aber scheinbar sieht man das im Kabinett anders. Wir bei 404 Multigaming e.V. unterstützen die Aussage des ESBD und sehen die Untätigkeit der Bundesregierung als ebenfalls schweres Versäumnis und vor allem als eine verpasste Chance, die Generation Y & Z in weiten Teilen erreichen zu können. Wir würden uns in naher Zukunft wünschen, dass es seitens der Regierung einen Lösungsvorschlag gibt, der den vielen durchaus gemeinnützigen & vor allem kulturfördernden Vereinen endlich zu Ihrer Anerkennung verhilft. Dies wäre auch ein Fortschritt in Richtung Digitalisierung des Landes.“

Jana Möglich, Vorstandsmitglied IFgameSH e.V.:

„Als ehrenamtlich Engagierte im E-Sport-Bereich ist die aktuelle Haltung der Bundesregierung für mich sehr enttäuschend. Von dem Bruch mit Versprechungen aus dem Koalitionsvertrag, welcher merklich Nährboden für Politikverdrossenheit bietet, abgesehen: Es stört mich dabei insbesondere die abwiegelnde Aussage, die Gemeinnützigkeit sei an der Stelle auch durch die Jugendhilfe und Bildung erreichbar. Hier zeigt sich deutlich eine fehlende Auseinandersetzung mit der Thematik, denn E-Sport ist längst keine Disziplin mehr, die nur junge Menschen begeistert und auch der Bildungsaspekt lässt sich in der Realität schwerlich mit einem Spielbetrieb im Verein verknüpfen.

Wo die Bundesregierung Chancen versäumt, nehmen vereinzelte Bundesländer die Förderung bereits eigenständig in die Hand, indem sie Förderprogramme auf den Weg bringen, die von der Gemeinnützigkeit losgekoppelt sind. Doch ein solcher Flickenteppich aus Einzellösungen kann nicht das Bundesziel sein. Dass das Engagement der Ehrenamtlichen im elektronischen Sport förderwürdig ist, sollte inzwischen nicht diskutiert werden müssen. Dennoch fehlt es immer noch an den nötigen, politischen Handreichungen auf Bundesebene, um sowohl für die Szene als auch für weitere Interessengruppen wie etwa Sportvereinen, Bildungsstätten und Jugendorganisationen klare und niedrigschwellige Rahmenbedingungen für ein gemeinnütziges Engagement im E-Sport zu schaffen.“


Wenn auch ihr euch im E-Sport engagiert oder einen Akteur repräsentiert und ihr findet, dass eure Stimme in diesen Beitrag gehört, wendet euch gerne jederzeit an uns! (redaktion@gaming-grounds.de)