Unser heutiger Gastbeitrag stammt mal wieder von unserem freien Autor Timo Schöber. Er setzt sich – aus ganz persönlicher Wahrnehmung – mit dem Thema E-Sport und Regionalität auseinander. Müssen E-Sportler für Breitensport tatsächlich physisch in unmittelbarer Nähe Leben? Timo sagt: Nein. Das wäre vielmehr Regionalität – warum jedoch nicht alle E-Sport orientierten Vereine dort mithalten können, lest ihr im Beitrag.

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Viel Spaß beim Lesen!


Die Urlaubszeit geht mit einer gewissen Entschleunigung einher, die ich gerne nutzen möchte, um ein paar Worte zum Thema E-Sport und Regionalität zu verlieren. In der Vergangenheit und vielerlei Diskussionen ist mir hier eine gewisse Schiefstellung in der Wahrnehmung einiger E-Sport Engagierter aufgefallen, die in meinen Augen einer Korrektur bedarf. Hierzu auch einige persönliche Worte von meiner Seite.

Ein Blick zurück

E-Sport ist ein Phänomen, das aus einer digitalen Welt heraus entstanden ist. Das bringt schon seine Natur mit sich, schließlich findet der elektronische Sport Mittels Videospielen statt. Als ich mit dem E-Sport angefangen habe, also circa 1998, fand E-Sport vorwiegend im Internet statt. Lose Vereinsstrukturen, Clans genannt, hatten sich gebildet. Mittels Kommunikationsprogrammen wie mIRC konnte man miteinander interagieren, sich organisieren und Clanwars sowie Trainings verabreden. „The place to be“ war hier das QuakeNet, in dem alle Clans eigene Channels eingerichtet hatten. Mein damaliger Lieblingsclan OCRANA war etwa über den Channel #OCRANA erreichbar.

Es gab Clanhierachien: Leader, Co-Leader, Moderatoren, Squadleader, Member und so weiter. Aus einer kleinen Elite an Profispielern bildete sich nach und nach eine große Breitensportlandschaft. Ich selbst habe über die Zeit mehrere Clans als Leader betreut, die meisten davon waren reine Breitensportorganisationen. Regionalität gab es hier kaum. Vielmehr war man eine eingeschworene Gemeinschaft, die aus ganz Deutschland verstreut zueinander gefunden hatte. Meine damals engsten Vertrauten im E-Sport Bereich lebten in Berlin, Nürnberg und in der Nähe von Stuttgart. Ich selbst bin Flensburger.

Parallel hierzu gab es aber auch einige wenige regionale Strukturen. Wir hatten in Flensburg ein Internetcafé, den sogenannten PC-Treffpunkt. Der hieß tatsächlich so, coole E-Sport Namen waren eher noch die Ausnahme als die Regel. Hier haben sich vor allem die Jungs aus meinem Stadtteil getroffen, um gemeinsam via LAN zu spielen und Turniere zu veranstalten. Auch hier gab es Clans. Jeder wollte der Beste sein und im stärksten Clan spielen. Zusätzlich haben wir eigene LAN-Partys veranstaltet, vorwiegend in den Kellern und Wohnzimmern bei uns zuhause.

Der Status Quo

Im Grunde hat sich dieses Prinzip bis in die Gegenwart gehalten, wobei es in Teilen eine Rückbesinnung gegeben hat. War E-Sport im Breitensport zeitweise fast nur noch ein Phänomen des Internets, schließlich kann sich inzwischen jeder einen schnellen Internetanschluss leisten, die gleichzeitig fast flächendeckend verfügbar sind, finden sich inzwischen mehr und mehr lokale Einrichtungen. Vorwiegend durch Vereinsheime, Leistungs- und Landeszentren werden Sozialisierungspunkte geschaffen, die E-Sportler einer Region aus den Zimmern in die Gemeinschaft von Vereinen und Organisationen bringen. Das ist eine gute und wichtige Sache, stärkt man doch so das Miteinander und das Engagement für den E-Sport.

Im Umkehrschluss bedeutet dies aber selbstredend nicht, dass der digitale Charakter des E-Sports dadurch obsolet werden würde. Ich selbst habe sehr gute Bekannte im E-Sport kennengelernt, mit denen ich teilweise seit Jahrzehnten zusammenspiele, mich engagiere und fast täglich kommuniziere. Viele davon leben woanders als ich. Auch alte Weggefährten aus Flensburg, die es aus beruflichen oder familiären Gründen woanders hingezogen hat, sind mit mir durch den E-Sport verbunden. Nicht zuletzt, weil wir uns auf einem TeamSpeak-Server treffen können, um gemeinsam zu quatschen und in unseren alten Clanstrukturen die ein oder andere organisierte Partie zu spielen.

All das ist nichts anderes als Breitensport: Strukturiert, mit Trainings und einem gewissen Wettbewerbscharakter.

Die Kritiker – und Kritik an den Kritikern

Gerade Menschen, die „erst“ seit ein paar Jahren im E-Sport unterwegs sind, verengen Breitensport im E-Sport gerne auf den Aspekt der Regionalität. Ich selbst bin im eSports Nord e.V. aktiv. Wir haben einerseits Teams, die aus der Region (Flensburg/Schleswig-Holstein) stammen, andererseits aber auch welche, die aus dem gesamten Bundesgebiet kommen. Leider sehen wir uns von einigen wenigen dem Vorwurf ausgesetzt, dass wir deshalb keinen Breitensport machen würden.

Das hinterlässt mich mit einem gewissen Maß an Irritation. Zum einen, weil E-Sport doch gerade deshalb so eine tolle Sache ist, weil Menschen über Grenzen hinweg problemlos miteinander agieren und spielen können. Das ist ein, wenn nicht sogar DER Grundpfeiler der Entwicklung des Breitensports. E-Sport bringt Menschen zusammen, vereint sie in ihrem Hobby und ihrem Engagement für eine Sache. Das bringt darüber hinaus zusätzliche Impulse für die eigene Vereinsarbeit, die man so in der Region vielleicht gar nicht finden könnte. Darüber hinaus wird das Wir zusätzlich gestärkt, weil auch die Spieler aus anderen Regionen ins Vereinsheim kommen und dort die Sozialisierung wahrnehmen können – etwa im Urlaub oder über Wochenenden.

Zum anderen bin ich irritiert, weil die Definition des Begriffs Breitensport doch sehr eindeutig ist: Breitensport wird in der Freizeit und aus Spaß an der Freude absolviert, verbunden im E-Sport mit einem gewissen Grad an Organisiertheit und der Lust an Wettbewerben teilzunehmen (Abgrenzung Gaming und E-Sport). Von Regionalität ist auch in der Sportwissenschaft keine Rede. Ganz davon ab, dass gerade E-Sport digital stattfindet, nicht nur jetzt, sondern auch historisch gesehen.

Zahlenspiele

Statistisch gesehen bedarf es einer Grundgesamtheit mit einer relevanten Größe, um Stichproben abbilden zu können, die ein Phänomen ausreichend darlegen. Auf den E-Sport und die Regionalität gemünzt bedeutet dies, dass ein Verein aus Flensburg (90.000 Einwohner) es selbstredend schwerer hat Teams aus der eigenen Region zu finden und selbst zu bilden, als etwa ein Verein aus Berlin (3,7 Millionen Einwohner, ohne Speckgürtel). Die Grundgesamtheit ist in Berlin 41mal größer als in Flensburg, es ist also erwartbar, dass es hier 41mal mehr potenzielle E-Sportler gibt als bei uns.

Daher ist es auch ein Stück weit unfair, wenn Kritik aus Metropolen hinsichtlich einer vermeintlich fehlenden Regionalität kommt, die auf Vereine zielt, die sich in eher bevölkerungsarmen Gegenden befinden.

Fazit und Versöhnendes

Ich persönlich feiere jeden E-Sport Verein, der sich für den Breitensport einsetzt. Das Meiste geschieht hier ehrenamtlich, mit der Leidenschaft und dem Willen von Menschen, die sich in ihrer Freizeit für ihr Hobby starkmachen. Breitensportvereine tragen das Thema E-Sport in die Gesellschaft, in die Politik, in Schulen und Hochschulen, zu Eltern und zum traditionellen Sport. Gleichzeitig nehmen sie selbst an Wettbewerben teil oder organisieren eigene Turniere, zum Beispiel zusammen mit örtlichen Jugendringen oder Organisationen anderenorts.

E-Sport verbindet Menschen über Städte, Regionen und Bundesländer hinweg. Auch über Nationen und Kontinente hinweg. Beruf, Religion, Hautfarbe, geschlechtliche Orientierung, politische Meinung: All das spielt im E-Sport keine Rolle – und genau das ist es, was uns als Gemeinschaft so stark und wertvoll macht.

Da ist es mir persönlich egal aus welcher Region jemand kommt oder welcher Verein sich für den E-Sport einsetzt. Jeder Einzelne und jeder Verein sind gut und wichtig für den E-Sport insgesamt.

Es wäre schön, wenn wir uns darauf einigen und gemeinsam voranschreiten könnten.

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