Am heutigen Samstag freuen wir uns, euch abermals einen informativen und spannenden Gastbeitrag von Adam ‚Pawl‘ Pawlowski präsentieren zu dürfen. Abermals geht es darum, etwas mehr auf sich selbst zu schauen, um Schwächen zu erkennnen und langfristig wirklich im E-Sport voran zu kommen. Der neuste Artikel beschäftigt sich explizit mit der Frage: „Warum werde ich nicht besser?“ beziehungsweise „Wie reflektiere ich richtig?“.

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Es ist doch ganz einfach: „Spiele viel und werde so besser“, was natürlich ein Irrtum ist. Oder anders: „Lerne aus deinen Fehlern. Analysiere deine Spiele und schon bald wirst du dich verbessern“. Das ist schon besser, jedoch ist genau das häufig einfacher gesagt als getan. Viele Spieler wissen nämlich nicht genau, wie sie sich richtig selbst reflektieren sollen, um auch die richtigen Schlüsse aus ihren Fehlern zu ziehen.

Es reicht nämlich nicht aus, sich lediglich die Zeit dafür zu nehmen, das Replay einer Partie anzusehen und es einfach so über sich ergehen zu lassen. Selbstreflexion muss gelernt sein und ich möchte ein paar Schritte aufzählen, die euch dabei helfen, eure Analyse etwas professioneller und systematischer anzugehen.

Schritt 1: Offenheit und Stimmung

Schon einmal ein Replay einer Partie angeschaut, nachdem ihr gewonnen habt? Es fühlt sich gut an, noch einmal zu bestaunen, wie toll ihr doch seid und wie hart ihr den Gegner in den Boden gespielt habt. Doch das gleiche schon einmal nach einer frustrierenden Niederlage versucht? Ich kenne wenige Spieler, die sich genau hier dahinterklemmen und versuchen zu verstehen, wieso sie verloren haben. Häufig liegt es daran, dass wir nach einer Niederlage emotional aufgewühlt sind und so erst recht keine Lust haben uns mit diesem Fehlschlag auseinanderzusetzen.

Doch genau das müsst ihr tun. Versteht, dass eure Niederlagen der beste Weg zum Besserwerden sind, ja freut euch gar über eure Niederlagen, weil sie euch Gelegenheit bieten, etwas neues dazu zu lernen. So könnt ihr emotional unvoreingenommen und klaren Kopfes in die Analyse gehen und euch das Spiel nochmal objektiv und sachlich anschauen. Sollte es aber eine überaus ärgerliche Partie gewesen sein, wobei es euch sehr schwer fällt die Emotionen zu kontrollieren und offen an die Analyse zu gehen, speichert das Replay wenigstens ab und versucht zu einem anderen Zeitpunkt motivierter und offener wiederzukommen, um dann doch die Analyse zu machen.

Wenn ihr den E-Sport professioneller angehen wollt, werdet ihr ohnehin feste Termine für die Selbstreflexion eingerichtet haben müssen. Nochmal in Kurz: Vor der Analyse müsst ihr gedanklich und emotional frei von Wut und Frust sein, damit ihr sachlich vorgehen könnt.

Schritt 2: Informationen sammeln

Gerade bei den ersten richtigen Analysen ist es sehr wichtig so viele Messwerte wie nur möglich zu erfassen. Ein Spiel besteht immer aus Aktionen des Gegners und euren eigenen Reaktionen darauf, oder natürlich andersherum. Die Summe eurer richtigen Entscheidungen basierend auf Informationen oder Annahmen beschreiben am Ende wie gut ihr seid. Doch dafür müsst ihr erst erkennen welche Arten von Systemen, Aktionen und Informationen es in eurem Spiel überhaupt gibt.

Betrachtet also das Spiel und notiert euch alles mögliche was ihr erkennt. Im Beispiel Valorant könnte es zum Beispiel sein, welchen Agenten ihr wählt, welche Laufwege ihr nutzt, welche Waffen ihr kauft, wann und wo ihr eure Ultimate nutzt, wie ihr eure Skills nutzt, ja auch wie eure Kommunikation, euer Movement und euer Aiming ist. Nehmt so viele Werte auf, wie nur möglich und lernt so alle Aspekte eures Spiels. Im Laufe der Zeit werdet ihr lernen auch die kleinsten Entscheidungen wahrzunehmen und zu notieren. Wichtig ist an dieser Stelle unvoreingenommen zu bleiben und sachlich zu beobachten.

Es geht nicht darum bereits jetzt Lösungen für eure Probleme zu suchen, sondern zu erkennen, was es überhaupt zu erkennen gibt. Eine Mindmap kann euch helfen die Aktionen zu kategorisieren und so noch spezifischer ins Detail zu gehen. So könnt ihr den Bereich Skills auf die entsprechenden Skills eurer Agenten und dann weiter auf den Einsatzort der Skills vermerken.

Schritt 3: Schlussfolgerungen ziehen

Nachdem ihr diese Liste an Analyse-Werten aufgenommen habt, geht es in die zweite Runde. Nun betrachtet ihr euer Spiel noch einmal und prüft, zu welchem Ergebnis eure Aktionen geführt haben. Erkennt ihr Muster, die häufig zum gleichen Ergebnis führen? Erkennt ihr Dinge, womit ihr aufhören müsst oder Dinge, die ihr vermehrt machen müsst? Nicht jedes Muster lässt sich aus nur einem Replay erkennen, manchmal ist es erst nach mehreren Durchläufen oder Replays erkennbar, an welcher Stelle ihr immer wieder Schwächen habt. Deshalb ist es sehr wichtig euch ein Notizbuch anzulegen, in welchem ihr die wichtigsten Erkenntnisse niederschreibt und als Referenz immer nutzen könnt.

Erkennt auch an, wie gravierend sich eure Entscheidung auf wichtige Szenen im Spiel auswirken. Nutzt gerne ein Ranking-System von „gar nicht gravierend“ hin zu “ absolut gravierend“, um zu erkennen, welche denn eure wichtigsten Baustellen sind. Gleichermaßen könnt ihr auch niederschreiben, ob euch diese Dinge häufig oder weniger häufig passieren. Auch in diesem Schritt betrachtet ihr lediglich objektiv nur, wo die Probleme sind und welche Probleme die gravierendsten sind, ohne bereits an Lösungen zu denken. In die Lösungsphase geht ihr erst in der nächsten Runde.

Schritt 4: Trainingsmaßnahmen festlegen

Nun nehmt ihr euch eure häufigsten und schwerwiegendsten Probleme vor und betreibt etwas Brainstorming. Fragt euch, welche Lösungsansätze es für das jeweilige Problem geben könnte. Als Beispiel habt ihr erkannt, dass ihr mit Phoenix in zwei von drei Fällen eure eigenen Teamkameraden blendet und dadurch der ein oder andere Mitspieler beim „Rush-B“ daran glauben musste. Für eine bessere kreative Perspektive könnt ihr die „Problem-Aussage (engl. Problem-Statement)“ in eine „Wie kann ich“-Frage umformulieren:

„Wie kann ich als Phoenix meinen Flash-Skill nutzen, damit ich meine Mitspieler nicht blende?“

Somit versetzt ihr euch gedanklich in den Lösungsmodus und könnt von nun an Ideen sammeln:

  • Ich warne meine Mitspieler im Voice-Channel vor.
  • Ich schaue jedes mal, bevor ich die Flash einsetze, ob ein Mitspieler um die Ecke laufen will.
  • Ich klären bereits im Vorfeld der Partie meine Flash-Strategie mit meinen Mitspielern ab.

Konzentriert euch auf höchstens drei Maßnahmen und geht dann damit später ins Training. Zu viele Maßnahmen führen dazu, dass man versucht, alles auf einmal zu verbessern, um dann am Ende zu merken, dass man sich auf nichts richtig konzentriert hat und sich dann tatsächlich gar nicht verbessert hat. Wichtig ist jedoch, dass ihr mindestens eine Maßnahme für euch erkannt habt. Trainiert diese, bis das Verhalten in Fleisch und Blut übergegangen ist und sucht euch danach eine neue Maßnahme aus.

Schritt 5: Abschluss

Fasst hier nochmal für euch Zusammen, was ihr aus dieser Analyse gelernt und überlegt euch, bis wann ihr die Maßnahmen trainieren wollt. Wenn ihr genügend Zeit habt, solltet ihr auch regelmäßig überprüfen, ob eure Art und Weise der Notizen verbesserungswürdig ist, sodass ihr effizienter in der Niederschrift eurer Erkenntnisse werdet. Abhängig von eurem Stil und eurem Spiel können verschieden Methoden zum Einsatz kommen.

Schlusskommentar

Wie ihr seht, kann die Analyse eurer Spiele sehr zeitaufwändig werden und hier wird sich die Spreu vom Weizen trennen. Wer von euch ist gewillt, diese Zusatzmeile zu gehen und diese Zeit zu investieren? Hier wird entschieden, wer ein Hobby-Spieler ist, der einfach nur Spielen will, und wer tatsächlich professionelle Ambitionen hat. Ein E-Sport Profi sollte nämlich im Schnitt die Hälfte seiner Zeit genau dafür investieren.

Aber keine Sorge, im Laufe der Zeit werdet ihr routinierter und werdet auch bereits während der Spiele Fehler besser erkennen und euch sofort darauf einstellen können. Ach übrigens: Diese Vorgehensweise hilft euch nicht nur im E-Sport, sondern auch in sämtlichen Lebenslagen.

Im Video: Warum werde ich nicht besser?

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