Am heutigen Donnerstag haben wir mal wieder einen ausführlichen Beitrag unseres freien Autors Adam ‚PAWL‘ Pawlowski für euch. Er beschäftigt sich mit einem Thema, welches in der heutigen Zeit stetig an Relevanz gewinnt: Der Weg zum E-Sport Profi. Der Berufswunsch „E-Sportler“ steigt im Stellenwert junger Menschen gemeinsam mit der Bedeutung der Szene immer weiter an. Doch wie lässt sich eine ambitionierte Laufbahn mit dem normalen Bildungsweg verknüpfen? PAWL hat Antworten.


Fortnite-Millionär mit 13, League of Legends Star mit 17, CS:GO Profi mit 19. Viele junge Leute haben den großen Traum von Ruhm und Ehre auf den großen E-Sport-Bühnen dieser Welt. Doch nicht jeder kann E-Sport-Profi werden, oder doch? Der Weg zum Pro ist aufgrund der massiven Konkurrenz keineswegs ein leichter – und doch versuchen sich so viele Spieler daran.

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Es muss jede freie Minute investiert werden, koste es was es wolle. Wie lässt sich dann dieser Karriereweg damit vereinen, dass ganz nebenher noch Schulpflicht besteht oder ein Studium bestritten wird? Ich möchte einige Punkte zusammentragen, die euch dabei helfen, den Weg zum E-Sport-Profi neben der Schule oder dem Studium erfolgreich und auf lange Sicht durchhaltbar zu gestalten.

Die richtige Motivation

Viele Menschen träumen davon, wie sie an der Spitze der Karriereleiter stehen und machen sich Gedanken darüber, wie toll es sich anfühlen muss, von allen bejubelt zu werden. So war es schon bei Schauspielern, so war es schon bei Rockstars und so ist es auch bei E-Sport-Profis. Visualisierung ist nicht per se schlecht. Doch wenn es die einzige Motivation ist, E-Sport Profi zu werden, dann ist das zu dünn, ja dann würde ich gleich davon abraten, überhaupt diesen Weg einzuschlagen.

Wir Menschen sind nicht frei davon, unseren Vorbildern nachzueifern, doch wird es schließlich dieser Unterschied sein, der einen Profi von einem Träumer unterscheiden wird. Die Frage nach dem „Warum“ muss geklärt sein. Denn wenn ihr ein gutes „Warum“ habt, dann werden sich die Fragen nach dem „Wie“ und „Was“ von selbst klären. Eure primäre Motivation sollte nie das Ziel, der Gipfel sein, sondern der Weg, also das Hinaufklettern auf diesen Gipfel. Die Aussicht vom Gipfel ist eine nette beiläufige Belohnung, die nur erreicht werden kann, wenn euch der Kern der Leistungen eines E-Sport Profis fasziniert. Liebt den Prozess, nicht das Ziel!

Denkweise

Im Wettkampf kann es nicht nur Gewinner geben, es gibt immer auch Verlierer. Wer mit Niederlagen nicht umgehen und nicht die richtigen Schlüsse daraus ziehen kann, wird es im E-Sport schwer haben. Es geht nicht darum, so häufig wie nur möglich zu gewinnen. Viel eher geht es darum, so viel wie nur möglich aus jeder Begegnung zu lernen. Ganz gleich, ob Sieg oder Niederlage, das eigene Wachstum steht stets im Vordergrund.

Häufig wird hier schon die Spreu vom Weizen getrennt, wenn Spieler diesen Wechsel der Perspektive nicht hinbekommen. Genau diese Denkweise wird als „Growth-Mindset“ bezeichnet, in der der Fokus darauf gelegt wird, dass der Kampf gegen sich selbst der wichtigere ist und das Scheitern ein notwendiges Übel zum Weg des Erfolgs ist.

Selbstreflexion

Genau deshalb ist es wichtig seine eigenen Schwächen zu kennen. Gerade in Team-Spielen ist uns allen schon die Art von Spieler begegnet, der sich ständig über seine Mitspieler aufregt und die Fähigkeiten aller anderen Spieler anzweifelt, ohne auch mal eigene Makel zuzugeben. Seid nicht wie diese Spieler. Eure Fähigkeiten stehen im Vordergrund und je schneller ihr erkennt, dass ihr nicht perfekt seid und auch Themen habt, an denen ihr arbeiten müsst, desto eher könnt ihr an den richtigen Schrauben drehen, um euch zu verbessern.

Es ist natürlich eine große Ego-Frage, wenn man sich vermeintlich fälschlicherweise in der niedrigsten Liga einsortiert sieht und alle um euch herum nur „Blödmänner“ sind und sich dann eingestehen muss, dass man auch dazu gehört. Wenn der Algorithmus der Meinung ist, dass ihr in eine bestimmte Stufe des Matchmakings gehört, dann steht das erstmal fest.

Nun liegt es an euch zu beweisen, dass ihr dort nicht hingehört. Nicht die Spieler um euch herum sind Schuld, meistens liegt das Problem bei euch. Je eher ihr diese Erkenntnis zulasst, desto besser. Die Fähigkeit der Selbstreflexion ist der Grundstein einer professionellen E-Sport-Karriere.

Finde Gleichgesinnte

Ein afrikanisches Sprichwort sagt: „Willst du schnell gehen, gehe allein. Willst du jedoch weit gehen, gehe zusammen.“ Und dieser Weg wird nicht leicht. Aus diesem Grund ist es um so wichtiger, sich so freundlich und konstruktiv wie möglich in den Spielen zu geben und dabei zu versuchen viele Freunde zu gewinnen. Am besten sollten es Spieler sein, die das gleiche Ziel haben wie ihr. Sie können euch dabei helfen Dinge aus anderen Perspektiven zu sehen und ihr könnt natürlich auch ihnen dabei helfen. Ihr könnt gemeinsam Ranglisten-Spiele bestreiten und seid so nicht von der Willkür von Zufallsgruppen betroffen. Auf diesem Weg werdet ihr euch gemeinsam verbessern. Im Idealfall könnt ihr so einen Platz in einem Amateur-Team ergattern, um so bereits erste Erfahrungen im echten Wettkampf zu sammeln.

Doch manchmal bleiben Spieler auf der Strecke und entwickeln sich vielleicht nicht so schnell wie ihr. Vielleicht, weil die Motivation ausbleibt, oder weil sich eure Ziele von einander entfernen. Manchmal kann es auch bedeuten, dann wieder weniger gemeinsam zu spielen. Sprecht offen darüber. Denn nichts ist schlimmer, als als arroganter Spieler oder sogar Mensch angesehen zu werden, nur weil euer Skill nicht mehr zu einander passt. Macht eure Ambitionen deutlich, aber tut es respektvoll.

Lasst auf diesem Weg eurer Netzwerk wachsen und macht euch mit neuen Menschen bekannt. Nutzt hierfür auch gängige Soziale Medien, um euch als Spieler und Person zu vermarkten. Ein größeres Netzwerk macht euch sichtbarer in der Branche und erhöht eure Chancen entdeckt zu werden.

Selbstverpflichtung

Sobald ihr mental an den Punkt angekommen seid, an dem ihr diese Dinge verinnerlicht habt und sie auch lebt, kann es an das eigentliche Machen gehen. Was bedeutet aber „Machen“? Ihr habt einen Entschluss gefasst und müsst auch genau zu diesem stehen. Es ist einfach, sich hoch motiviert nach der vergangenen Saison in der ESL Meisterschaft der Lust auf das Pro-Gaming hinzugeben. Schwierig wird es jedoch an den Tagen, an denen ihr eigentlich auf etwas völlig anderes Lust habt.

Gemäß der englischen Redewendung „Champions show up“, müsst ihr dieses Credo auch verinnerlichen. Nur wer auch dann fleißig ist, wenn es grad mal nicht passt, wird sich auf Dauer durchsetzen können. Motivation lässt euch beginnen, aber Disziplin und Selbstverpflichtung lässt euch am Ziel ankommen. Das kann auch bedeuteten, dass ihr nicht jede Party mitnehmen könnt, wenn es nicht in euren Plan passt.

Tagesplanung

Jetzt müsst ihr aber nicht direkt in Panik verfallen. Ich meine damit nicht, dass ihr jede freie Minute in das Spiel investieren solltet. Es geht darum, dass ihr euch einen Plan macht, der alles in eurem Leben sinnvoll vereint. Schule oder Studium stehen nämlich auch auf der Agenda. Es geht darum die Zeit sinnvoll zu nutzen, die euch zur Verfügung steht.

Plant euch also Zeiten für die Schule ein und belohnt euch mit ein wenig Entspannung. Plant zu festen Tagen entsprechende Trainings ein, am besten anhand eines Erweiterten Stundenplans. Vier bis fünf Mal die Woche für drei bis vier Stunden spielen und drei bis vier mal die Woche für drei Stunden reflektieren kann ein guter Startpunkt sein. Ganz bewusst liegt hier auch der Fokus auf die Zeiten, die ihr in die Reflexion steckt. Denn diese Zeit ist die wichtigste für eure Entwicklung. Lasst das nicht zu kurz kommen. Ich empfehle euch hierfür sogar einen Coach an eure Seite zu holen. Im Profi-E-Sport liegt das Verhältnis zwischen Training und Analyse bei ungefähr 50/50.

Füllt euren Stundenplan aber auch nicht zu ambitioniert. Das Ziel ist es, dass eure Tage auf lange Distanz durchhaltbar bleiben. Ein Fehler wäre es jede freie Minute zu verplanen, sodass euch innerhalb kürzester Zeit euer Kopf einen Strich durch die Rechnung macht. Vielleicht kennt ihr es aus der Schule zum Beispiel beim Auswendiglernen von Gedichten. Erst durch die Ruhephase in der Nacht konnte sich das Gelernte festigen. Auch so ist es beim Training. Gönnt eurem Geist die Zeit, Dinge unterbewusst zu verarbeiten. Es hilft auch Energie mit der Familie oder mit Freunden zu tanken, um dann voll motiviert und erholt zurück ans Training zu gehen.

Rahmenbedingungen schaffen

Ein formulierter Plan hilft bei der Einhaltung eurer Vorsätze. Doch manchmal ist die Ablenkung zu groß, sodass ihr euch auch zu geplanter Zeit nicht dazu bewegen könnt, die entsprechenden Tagespunkte abzuarbeiten. Das kann natürlich hin und wieder passieren und ist auch kein Weltuntergang. Aber wenn ihr merkt, dass sich solche Fehltritte häufen, dann kann es an den Rahmenbedingungen liegen, in denen ihr euch befindet.

Ihr könnt euch nicht auf die Hausaufgaben konzentrieren? Vielleicht liegt es daran, dass ihr diese an eurem Gaming-PC macht, an dem die Versuchung zu Spielen zu groß ist. Macht die Aufgaben in einem anderen Raum, an einem anderen PC oder Laptop oder macht die Hausaufgaben gar analog. Oder ihr könnt euch nicht zur Analyse eurer Spiele motivieren, weil ihr gerade hart Haus des Geldes suchtet? Loggt euch aus Netflix aus und verwendet ein kompliziertes Passwort, welches es euch erschwert sich wieder einzuloggen.

Bittet im Zweifel eine eingeweihte Person das Passwort für euch zu ändern, wenn alle Stricke reißen. Das sind natürlich nur Beispiele für eure Rahmenbedingen. Untersucht euren Tagesablauf und identifiziert und eliminiert die Störfaktoren, die euch davon abhalten, die wirklich richtigen und wichtigen Dinge zu tun. Und ach ja: Packt das Handy weg!

Gewohnheiten

Sollte das immer noch nicht klappen, hilft es unangenehme Aufgaben mit direkt belohnenden und angenehmen Dingen zu verknüpfen und daraus Gewohnheiten zu schaffen. Gewohnheiten treten dann ein, wenn ihr nicht mehr groß darüber nachdenken müsst, etwas zu tun. Ihr hasst es zwar Dinge für die Schule zu machen, feiert aber Dubstep? Macht es zur Gewohnheit zu den Hausaufgaben Dubstep zu hören.

So kann sich die positive Erfahrung mit der unangenehmen Erfahrung koppeln und daraus etwas weniger Unerträgliches schaffen. Keiner meiner Kommilitonen konnte es damals glauben, aber am besten konnte ich mich während des Studiums mit Schranz in voller Lautstärke auf die Mathematik-Klausuren vorbereiten.

Für die tollkühnen unter euch, das hier ist Schranz:

Als anderes Beispiel habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, immer dann wenn ich ein Hörbuch hören möchte, die Laufschuhe anzuziehen und dabei laufen zu gehen. Die direkte Belohnung des Hörbuches motiviert mich, etwas zu tun, was nicht direkt Spaß macht, sogar eher unangenehm ist.

Gesunder Lebensstil

Passend dazu ist der Appell an einen grundsätzlich gesunden Lebensstil. Ich nutze diesen Abschnitt zuerst dazu, um auf die Position der Energy-Branche hinzuweisen. Insbesondere mit Gamern und Jugendlichen verdienen Energy-Drink-Hersteller ihr Geld, indem sie ihre Marketing-Kampagnen auf die gesteigerte Leistung beim Gaming ausrichten. Viele Streamer machen genau dafür Werbung und haben teilweise ganze Kühlschränke von den Getränken im Hintergrund ihrer Übertragungen stehen. Lasst euch davon nicht täuschen.

Durch den Koffein- beziehungsweise Taurinschub mag das Versprochene kurzfristig auch stimmen, jedoch flacht der Effekt schnell ab und führt zu einem Energie-Hangover, sodass langfristig eigentlich das Gegenteil einer Leistungssteigerung eintreten kann. Dies soll keine Abhandlung über die Nebeneffekte von Energy-Drinks sein, jedoch lässt sich durch ein wenig Recherche erkennen, wie schädlich der Konsum dieser Chemikalien sein kann.

Setzt im Gegenteil auf eine ausgewogene Ernährung, trinkt ausreichend gesunde Flüssigkeit, achtet auf genug Bewegung in Form von Sport und ausreichend Schlaf. Ihr müsst euch nicht die Nächte um die Ohren schlagen, um an der Spitze anzukommen. Auch hier bringt ihr lediglich euren auf langfristigen Erfolg ausgelegten Stundenplan in Gefahr, weil ihr unausgeschlafen in den Tag stolpert. So musste sich erst kürzlich ein namhafter League of Legends Spieler im Alter von 23 Jahren zur Ruhe setzen, weil seine Gesundheit und sein Körper nicht mehr in der Lage waren auf Top-Niveau zu spielen. Es handelt sich um Jian ‚Uzi‘ Zi-Hao, einen der besten AD Carrys, die LoL bislang gesehen hat.

Wer also nachhaltig E-Sport-Profi werden und vermeiden möchte, dass dieser Traum nach drei Jahren vorbei ist, sollte sich einen gesunden Lebensstil zulegen.

Geduld

Mit all diesen Maßnahmen und Ideen kann es natürlich immer noch etwas dauern, bis entsprechende Erfolge eintreten, ja sogar vielleicht länger, als mit der „All-In“-Methode, mit der Ihr wirklich jede freie Minute in das Spiel steckt. Das kann euch einen kurzfristigen Erfolg bescheren und, wenn es zur Lebensphase passt, kann das auch eine gute Idee sein, es für eine bestimmte Zeit zu machen.

Ich rate jedoch davon ab, euch auf lange Zeit zu überlasten und dadurch Gefahr zu laufen Freunde und Familie zu verlieren, eure Gesundheit und euren Abschluss aufs Spiel zu setzen und sogar psychische Erkrankungen wie zum Beispiel Depressionen oder Burnout zu riskieren. Habt Geduld, findet eine Balance, die bei all den Wünschen nach der Profi-Karriere auch Platz für ein gesundes und glückliches Leben lässt.

Der Beitrag im Video

Wer Adam lieber dabei zuhören möchte, wie er im Video über das Thema spricht, findet hier das Medium der Wahl:

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