Am heutigen Montag berichtet Timo Schöber in einem Erfahrungsbericht über seine Wahrnehmung der Professionalität im E-Sport – oder eben nicht. Denn genau diese fehlt ihm nach eigenen Angaben sehr häufig. Disclaimer: Timo berichtet hier ausdrücklich über seine eigene Perspektive, seine Erfahrungen und Einschätzungen. Die Aussagen müssen und können nicht zu 100 Prozent mit der Auffassung der Redaktion zu den Themen übereinstimmen.


Wie sicherlich jeder Leser weiß, der sich mal mit meinen Texten zum E-Sport beschäftigt hat, sehe ich den elektronischen Sport als etwas sehr Positives. Er bietet Chancen für Themenfelder wie: Digitalisierung, Employer Branding, Jugendarbeit, Sport, Forschung und Politik. Das komplette ökonomische System des E-Sports arbeitet mit komplexen und vielschichtigen Wechselwirkungen, die einiges an Potenzial für das Wachstum des E-Sports und seine gesellschaftliche Wahrnehmung bieten.

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Man sollte diesen Text also bitte nicht missverstehen: Ich bin und bleibe leidenschaftlicher E-Sport Fan.

Als wissenschaftlich arbeitender Mensch ist es aber auch meine Verpflichtung nicht nur auf positive Aspekte hinzuweisen oder diese offenzulegen. Beruflich groß geworden bin ich in einem Maschinenbauunternehmen, das seinen Stammsitz in Bayern hat. Darüber hinaus bin ich generell eine sehr konservative Person, die sehr viel Wert auf Ordnung, Verlässlichkeit und Pünktlichkeit legt. Tugenden, die ich im E-Sport oft vermisse.

„Komm ich heut nicht, komm ich morgen“

Im E-Sport unterwegs bin ich seit Ende der 1990er-Jahre. Eine Sache hat sich seither in weiten Teilen der E-Sport Szene nicht geändert: Unpünktlichkeit. Das gilt nicht nur für Zeitpläne bei Turnieren, sondern generell für die Einhaltung terminlicher Vereinbarungen, ganz gleich in welchem Bereich. Persönlich habe ich Verspätungen von mehr als zwei Stunden erlebt. Bei Deadlines zu Projekten liegt der Rekord bei fast 1,5 Jahren. Man hat das Gefühl ständig alles nachhalten zu müssen. Das wäre im traditionellen Unternehmertum und auch Ehrenamt undenkbar.

Das ist ein Aspekt, der sich unbedingt ändern muss, wenn E-Sport in der Breite der Gesellschaft Fuß fassen soll.

„CEO, COO, CCO, CFO, C hast du nicht gesehen O“

Ein Chief X Officer ist eigentlich jemand, der als Vorstandsmitglied eines Unternehmens den Bereich X leitet. Ursprünglich waren solche Positionen Aktiengesellschaften vorbehalten, nach und nach fand aber von den USA ausgehend eine inflationäre Verwendung des Begriffs statt. Das ist auch in Ordnung. Jemand, der etwas „Relevantes“ leitet, das entsprechende Ergebnisse auf dem jeweiligen Gebiet vorweisen kann, kann sich im angloamerikanischen Sinne durchaus beispielsweise „CEO“ nennen.

Im E-Sport hat die Entwertung des Begriffs eines Chief X Officers aber neue Tiefen erreicht. Gefühlt jeder Clanleiter nennt sich „CEO“. Das ist nicht nur albern, sondern entspricht in der Regel auch gar nicht dem Tätigkeitsfeld in der Organisation. Von der Definition des Begriffs „CEO“ ganz zu schweigen.

Auch dies muss sich im E-Sport ändern. Die Überzeichnung der eigenen Person oder Organisation sowie der eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten bewirkt zumeist das Gegenteil von dem, was man erreichen möchte. Das weiß ich als „Personaler“, der häufig das Internet scannt, wenn sich jemand beworben hat.

„Hü und Hott“

Im E-Sport werden Projekte und Ideen häufig genauso schnell gestartet wie sie wieder eingestampft werden. Auch das wäre in einem „normalen“ Betrieb undenkbar. Normalerweise wird eine Idee entwickelt, etwa in einem F&E-Bereich. Dann würde man diese Idee mit anderen Ideen vergleichen und die operative Umsetzung, die Kosten sowie den Nutzen prüfen. Anschließend gäbe es eine Entscheidung des Vorstands oder der Bereichsleitung zum Einsetzen eines Projektteams. Erst danach würde die eigentliche Projektarbeit beginnen. Ähnlich verhält es sich auch häufig im traditionellen Sport oder anderen eher ehrenamtlich geprägten Bereichen.

Beim E-Sport ist das oft anders. Schnellschüsse werden getätigt und nicht zu Ende gedacht, geschweige denn abgeschlossen, bevor der nächste Schnellschuss folgt. Verpackt wird das Ganze dann in Social Media Posts und Pressemitteilungen.

Auch hier gilt: Lieber mehr Sein als zu viel Schein. Der E-Sport muss das noch lernen.

„Ehrenamt, Ehrenamt, Ehrenamt“

Persönlich kenne ich außer dem E-Sport keine andere Szene, bei der Ehrenamtler so sehr darauf herumreiten, dass sie Ehrenamtler sind. Das nimmt nicht nur viel der Ehre beim Ehrenamt, sondern es suggeriert nach außen auch ein hohes Maß an Geltungsbedürfnis sowie offensichtlich fehlende Strukturen und Möglichkeiten. Denn ginge es bei denjenigen nur um eine intrinsische Motivation beim Ehrenamt, dann würden sie es vermutlich nicht ständig betonen. Gleiches gilt, wenn Menschen immer und immer wieder deutlich machen, wie viele Termine sie hätten, wie viel sie reisen würden und wie zeitlich eingebunden sie seien.

Ich glaube kaum, dass dem geneigten Leser im traditionellen Sport, der Kirche, den Tafeln oder anderen gemeinnützig orientierten Organisationen schon einmal aufgefallen ist, dass ständig vom Ehrenamt gesprochen wird.

Es ist gut und schön, dass sich so viele Menschen ehrenamtlich für den E-Sport einsetzen und ihre Freizeit dafür opfern. Das ist ganz ausdrücklich lobenswert. Man muss nur nicht ständig jedem davon erzählen, denn dann geht es vielleicht weniger um das Ehrenamt, als vielmehr um das Einfordern von Schulterklopfen.

„Überzeichnung“

Generell wird im E-Sport leider häufig überzeichnet – und das eigentlich in allen Bereichen. Die Außendarstellung ist oft großartig. Schaut man dann, etwa auf Basis von Forschungsprojekten hinter die Kulissen, dann ist sehr oft doch viel weniger Substanz vorhanden als erwartet.

Gleiches gilt bei vielen Spielern. Gefühlt jeder, mit dem ich gesprochen habe, meint, dass er mal „Profi“ im E-Sport gewesen ist. Offensichtlich nicht wissend, was das eigentlich bedeutet. Gleichzeitig sprechen Funktionäre oft von einer E-Sport Erfahrung, die 20 oder mehr Jahre umfasst. Fühlt man dann auf den Zahn, dann merkt man, dass die Solospieler-Abende vor der Playstation für viele bereits E-Sport sind. Das ist selbstredend absurd.

Gleiches gilt für einen gewissen Grad an Arroganz, den bestimmte Protagonisten ausstrahlen und der häufig unter anderem in sogenannte „Twitter-Kriege“ ausartet. Es ist dann ganz spannend sich die Lebenswege dieser Personen anzusehen, als „Personaler“ hat man schließlich Zugriff auf die ein oder andere Datenbank. Da erkennt man dann beispielsweise, dass diese Leute zehn Jahre für einen Bachelor oder ein Staatsexamen gebraucht haben oder außerhalb des E-Sports sehr lange beruflich keinen Erfolg hatten. Im E-Sport wird dies dann durch eine Überzeichnung des eigenen Lebenslaufes kompensiert, so zumindest der Eindruck.

Es wäre schön, wenn die E-Sport Szene hier den Sprung in die Seriosität schaffen würde.

Vertragsbrüche und fehlende Zahlungen

Leider kommt es im E-Sport im Vergleich zu anderen Branchen häufig vor, dass zum Beispiel Spielergehälter oder Preisgelder zu spät oder gar nicht ausgezahlt werden. Aufgrund der mangelnden Rechtssicherheit vieler Verträge trauen sich Geschädigte nicht immer Anzeige zu erstatten. Das gilt leider für viele vertragliche Regelungen im E-Sport.

Ein negativer Aspekt am E-Sport, der seit 25 Jahren besteht und immer wieder aufs Neue aufkeimt. Hier muss unbedingt Abhilfe geschaffen werden.

Fazit

Klingt fies, oder? Ist aber gar nicht so fies gemeint. Wie eingangs erwähnt bin und bleibe ich ein Freund des E-Sports, den ich auch ganz praktisch viele Jahre betrieben habe. Ich schätze und mag viele Menschen und Organisationen, die ich im E-Sport getroffen beziehungsweise kennengelernt habe. Menschen, die eine Sache voranbringen. Menschen, die für etwas einstehen.

Selbstverständlich gilt das Geschriebene auch lange nicht für alle Menschen und Organisationen im E-Sport Bereich. Verallgemeinerungen dienen lediglich dem Lesefluss.

Aber es bleibt bei einigen Aspekten, Personen und Organisationen bei den genannten Punkten noch Luft nach oben. Ich freue mich auf die kommende Zeit, weil ich der Überzeugung bin, dass der E-Sport auch diesen Schritt meistern wird.

Wie seht ihr das? Teilt ihr Timos Auffassung zum häufig fehlenden professionellen Umgang?
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