Fast jeder regelmäßige Konsument von Streaming Kanälen auf Twitch.tv oder auch auf YouTube ist mittlerweile über sie gestolpert: Charity-Streams. Die Events für wohltätige Zwecke nehmen eine immer größere Rolle und Bedeutung ein – und das ist gut so. Vorausgesetzt, sie werden vernünftig organisiert und umgesetzt. Denn immer wieder wird das Schlagwort Charity absichtlich oder durch pure Unwissenheit in Verruf gebracht. Das muss aber nicht so sein.

Denn wichtig sind neben der zu allermeist aufrichtigen und guten Intention auch weitere Regeln und Basics, insbesondere im Umgang mit den gesammelten Spenden. Deshalb hat sich Gaming-Grounds.de sowohl mit Twitch.tv als auch mit betterplace.org in Verbindung gesetzt, um Grundlagenwissen zu schaffen und die Rolle von gemeinnützigen Events live im Internet zu erfassen.

Welchen Umfang nimmt das Thema ein? Wieso überhaupt Twitch.tv und YouTube und welche Entwicklungen darf man künftig noch erwarten? All diese Fragen und noch vieles mehr hat uns Björn Lampe, Vorstand von betterplace.org, im Interview beantwortet.

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Über betterplace.org

Für all diejenigen, denen betterplace.org gar nichts sagt: betterplace.org ist die größte deutsche Spendenplattform. Derzeit sind dort über 32.000 gemeinnützige Projekte realisiert, welche die Plattform für ihr Online Fundraising nutzen. Um Spenden für soziale Projekte zu generieren, können auch Content-Creator, Streamer, YouTuber und alle anderen Medienproduzenten, die auf YouTube und/oder Twitch.tv live aktiv sind, betterplace.org in ihre Charity Events integrieren und so einfach und sicher das gesammelte Geld für wohltätige Zwecke weitergeben.

Für welche Projekte die Spenden verwendet werden, können sich die Streamer*innen sogar frei aussuchen – Humanitäre Hilfe, Krisenregionen, Tierpflege, Bildung, Klimaschutz, oder, oder, oder. Die Bandbreite an hilfsbedürftigen Projekten ist schier unendlich. Voraussetzung für die Aufnahme der Projekte auf betterplace.org ist die Tatsache, dass die Projekte gemeinnützig und nicht gewinnorientiert arbeiten. Seit 2007 ist es betterplace.org gelungen, über 90 Millionen Euro an Spendengeldern zu vermitteln.

Björn Lampe im Textinterview

Gaming-Grounds.de:

Hallo Herr Lampe! Wie kam der erste Kontakt zwischen betterplace.org und der Gaming-Szene zustande?

Björn Lampe:

betterplace BjörnLampe final
Björn Lampe. Quelle: privat

Der erste Berührungspunkt entstand über die beiden Großevents “Loot für die Welt“ und „Friendly Fire”. Beide Streams waren anfangs privat organisiert, sind aber dann so schnell gewachsen, dass für eine transparente und steuerlich sichere Abwicklung eine professionelle Lösung her musste. Seit 2017 sind wir daher bei beiden mit an Bord und bringen unsere Technik und unsere Erfahrung mit ein.

Wir haben dann schnell das Potential erkannt, das in der Szene steckt, und vor zwei Jahren angefangen, selber Tools zu bauen, die alle interessierten Streamer*innen kostenlos in ihre Livestreams einbauen können, um damit völlig unkompliziert Spenden für ihre Lieblingsvereine sammeln zu können. Und zwar unabhängig davon, wie viel Reichweite sie haben.“

Gaming-Grounds.de:

Wie wichtig ist Twitch.tv als Plattform für Spendenaktionen im Jahr 2020?

Björn Lampe:

„Für uns ist Twitch für das Thema Streaming sehr wichtig. Charitystreams sind ja ein Liveformat und für Liveinhalte ist Twitch aktuell eine hochgradig relevante Plattform.“

Gaming-Grounds.de:

Über welche essentiellen Regeln und Informationen sollten sich Streamer und YouTuber im Klaren sein, wenn sie eine Charity-Aktion durchführen möchten?

Björn Lampe:

Zu allerst raten wir, transparent darzustellen, welchen Weg das Geld nimmt und wofür es eingesetzt werden soll. Sonst entsteht schnell Misstrauen in der Community. Am einfachsten ist, wenn die Streamer*innen selber mit dem Geld gar nicht in Berührung kommen: Gehen die Spenden zunächst auf ein privates Konto, wird es schnell sehr kompliziert – auch steuerlich. Gleiches gilt, wenn die Spenden mit Gegenleistungen verbunden werden, also beispielsweise der Teilnahme an einem Gewinnspiel.  

Daneben sollte darauf geachtet werden, dass die begünstigten Organisationen als gemeinnützig anerkannt sind, damit Spendenbescheinigungen ausgestellt werden können. Und wir empfehlen, bei der Zusammenstellung von sozialem Projekt und jeweiligem Spiel achtsam zu sein: Bestimmte Computerspiele könnten von Organisationen kritisch gesehen werden.“

Gaming-Grounds.de:

Warum sollten interessierte Streamer und Content-Creator betterplace.org für die Charity-Events nutzen?

Björn Lampe:

„Genau um solche rechtlichen Risiken zu vermeiden. betterplace.org ist selber gemeinnützig und hat über 12 Jahre Erfahrung mit dem deutschen Spendenrecht. Bei den Charitystreams, die über unsere Tools laufen, haben die Initiator*innen selber keinen Zugriff auf die Gelder. Das sorgt für Vertrauen bei den Unterstützer*innen und sichert die Aktionsmacher*innen steuerlich ab. Auch die Spendenbescheinigungen werden automatisch über betterplace.org verschickt. Kurz gesagt, machen so beide Seiten genau das, was sie am besten können: die Streamer*innen guten Content und betterplace.org  eine sichere und transparente Spendenabwicklung.“

Gaming-Grounds.de:

Wie lässt sich die Entwicklung der Bedeutung von Online- beziehungsweise Livestreaming-Charity in den vergangenen Jahren am besten beschreiben?

Björn Lampe:

„41% der Spender*innen in Deutschland sind über 70 Jahre alt. Es müssen also neue Wege gefunden werden, um auch die jungen Generationen zum Spenden zu motivieren. Charitystreams sind dafür ein super Beispiel. Streamer und Streamerinnen machen heute das, was man früher als Spendengala im Fernsehen gesehen hat — nur in einer ganz neuen, frischen und jungen Variante. Wie gut das funktioniert, sehen wir bei uns auf der Plattform. Wir hatten von 2018 auf 2019 einen Zuwachs der Spenden über Charitystreams von über 800 Prozent.“

Gaming-Grounds.de:

Warum Twitch und YouTube? Geht es allein um die Reichweite oder spielen weitere Faktoren eine entscheidende Rolle bei Kooperationen?

Björn Lampe:

Twitch und YouTube sind einfach die größten Plattformen, und natürlich möchten wir die Streamer*innen und ihre Communities dort abholen, wo sie sich aufhalten. Nur so kommt man ja in Kontakt, und eine Spendenaktion lässt sich dort ganz natürlich in die bisherige Contentstrategie und das gewohnte Umfeld einbinden.“

Gaming-Grounds.de:

Unangenehmes Thema: Auch bei Charity spielen Korruption und Geldlöcher eine Rolle, man denke an den Skandal rund um UNICEF. Was tut ihr, um solche Probleme mit Partnern zu verhindern?

Björn Lampe:

Wir haben in den vergangenen 12 Jahren sehr gute Erfahrungen mit den Hilfsorganisationen und Vereinen gemacht, die auf der Plattform Spenden sammeln. Mit ganz großen genauso wie mit sehr kleinen. Wir prüfen jedes Projekt vor der Aktivierung auf die Gemeinnützigkeit und lassen uns dann Nachweise über die Spendenverwendung zeigen. Zudem ist jedes Projekt verpflichtet, über den Einsatz der Spenden öffentlich Bericht zu erstatten.“

Gaming-Grounds.de:

Welche Kontrollmechanismen nutzt ihr, um zu prüfen, dass das mit Charity-Events erwirtschaftete Geld auch wirklich dort ankommt, wo es hingehört?

Björn Lampe:

„Die Streamer*innen haben gar keine Möglichkeit, das Geld irgendwo anders hin zu überweisen, da sie selber zu keinem Zeitpunkt Zugriff darauf haben. Die Spenden gehen in einem ersten Schritt an uns und werden dann von den Projekten selber abgerufen. Diese sind als gemeinnützig anerkannt und von uns angehalten, regelmäßig Fotos und Updates ihrer Projektfortschritte zu veröffentlichen.“

Gaming-Grounds.de:

Inwiefern ist im Speziellen das Thema E-Sport für betterplace.org interessant oder relevant? Sind beispielsweise vollständige Turniere im Zeichen des Charitys vorstellbar?

Björn Lampe:

Das Thema E-Sport ist auf jeden Fall sehr interessant, und wir würden das gerne weiter ausbauen. Zum Beispiel, indem wir demnächst auch mal die Livestreams ganzer Turniere mit unseren Spendentools begleiten. Wir freuen uns über den Kontakt zu E-Sport Ligen, die so etwas mal mit uns ausprobieren möchten!“

Gaming-Grounds.de:

E-Sport und Gaming werden oft mit sogenannten „Ballerspielen“ verbunden. Inwieweit gab es diesbezüglich schon Probleme in der Zusammenarbeit mit Partnern von euch im Bereich Charity?

Björn Lampe:

„Natürlich wissen wir um die Sensibilität des Themas, sollten beispielsweise sogenannte “First Person Shooter” im Rahmen unserer Charity-Streams gespielt werden. Daher weisen wir die Spieler*innen bereits bei der Registrierung ihrer Aktion darauf hin, dass einige Computerspiele von Organisationen kritisch gesehen werden könnten. Zudem bitten wir um Rücksicht bei der Zusammenstellung von Projekt und Spiel. Die Streamer*innen können vorab mit den jeweils begünstigten Organisationen in Kontakt treten, um potentielle inhaltliche Konflikte schon im Vorhinein auszuräumen.

In den vergangenen zwei Jahren – seit wir uns vermehrt mit dem Thema Charitystreams beschäftigen – haben wir damit aber wirklich keinerlei Probleme gehabt.“

Gaming-Grounds.de:

Letzte Frage: Welche Entwicklung ist in den kommenden Jahren geplant und welche neuen Formate können wir erwarten?

Björn Lampe:

Wir wollen natürlich unsere Tools noch weiter ausbauen und helfen, Charitystreams noch bekannter machen. Uns ist es dabei wichtig, dass auch kleinere Creator motiviert werden, eine Aktion für den guten Zweck zu starten – es geht nicht um Fame oder Reichweite, sondern darum, zu helfen. Da zählt jeder Euro.

Außerdem arbeiten wir daran, die Anwendungsmöglichkeiten der Livestream-Tools auch auf andere Medien zu übertragen. Denkbar wären Livestream Begleitungen von Festivals oder auch als Erweiterung der Spendenmöglichkeiten von klassischen Spendengalas.“


Wir bedanken uns an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich für die Zeit und Einblicke, die uns Björn Lampe in die Arbeit von betterplace.org gewährt hat.


So sieht Twitch.tv die Situation

Auch bei Twitch.tv selbst haben wir um eine Stellungnahme zum Thema gebeten und einige Fragen formuliert. Herausgekommen ist dabei folgendes Statement, welches die Ansicht der Streaming-Plattform zum Thema Charity zusammenfasst:

„Auf Twitch liegen uns gemeinnützige Zwecke sehr am Herzen. Seit unserem Start in 2011 bis einschließlich 2018 wurden über 130 Millionen US-Dollar von der Twitch-Community gesammelt. Das Thema liegt also in der DNA der Community. Deswegen ist uns der Erfolg der Charity-Streams auch sehr wichtig. Ausgewählte Projekte und Streams unterstützen wir daher bereits in der Planungsphase, sowie mit einer prominenten Startseitenplatzierung und einem Push über unsere eigenen Social-Media-Kanäle.

Unser Interesse an Charity-Events besteht einzig und allein darin, ausgewählte Projekte dabei zu unterstützen, all das zu erreichen, was sie selbst anstreben, und zwar durch eine Kombination aus Support bei der Planung, etwa Platzierungen auf der Startseite oder durch Unterstützung in den sozialen Medien.“

Abschließend lässt sich sagen, dass Charity in seinen Grundzügen in den allermeisten Fällen eine grandiose Idee ist. Dabei kommt es nicht immer auf die mögliche Reichweite und die potentielle Spendenhöhe an, die gesammelt wird. Jeder Euro hilft. Das trifft zumindest solange zu, wie organisatorisch die wichtigsten Regeln beachtet werden, wie im Beitrag ausführlich erläutert wird. Deshalb empfiehlt es sich dringend, Plattformen wie betterplace.org für solche Vorhaben zu nutzen.

Geht das Geld über den Organisator des Charity Events selbst, wird es insbesondere rechtlich schon wieder deutlich schwieriger. Denn auch Spenden in Livestreams zählen als Einnahmen und müssen dementsprechend versteuert werden. Auch, wenn das Geld eigentlich eins zu eins an eine wohltätige Organisation weitergegeben werden soll. Auch das Ausstellen von Spendenquittungen erstattet sich so meist äußerst schwierig. Diese sind nicht nur nötig, um den Eingang des Geldes beim gewünschten Empfänger zu belegen, sondern auch um die getätigte Spender von der Steuer absetzen zu können.

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