Am heutigen Sonntag setzt sich Timo Schöber in einer Kolumne aus seiner Perspektive mit der „Gesinnungskultur im deutschen E-Sport“ auseinander. Ist hier ein Vergleich zu herkömmlicher Politik und der Rolle der Medienlandschaft möglich? Wie wird mit der Meinungsbildung und Diskussionskultur im E-Sport verfahren? Timo sieht einige Probleme.

Disclaimer: Die in dieser Kolumne geteilten und dargestellten Ansichten stammen persönlich von Timo und müssen nicht zwangsläufig mit der Meinung der Redaktion oder anderer Redakteure übereinstimmen.


Ich habe heute eine interessante Kolumne von Jan Fleischhauer gelesen. Auf dem Schwarzen Kanal des Focus schreibt er über das Wahlverhalten weiter Teile der deutschen Medienverantwortlichen: „Wenn der Journalisten-Nachwuchs geschlossen links wählt: Nur noch sehen, was ins Weltbild passt“.

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Ganz von der Hand zu weisen sind seine Eindrücke nicht. Die meisten politischen Journalisten, die sich hinsichtlich ihrer Parteipräferenz geäußert haben, wählen die Grünen oder die SPD. Dabei handelt es sich um eine deutliche Schieflage zum gesamtdeutschen Wahlverhalten, hier ist die Union (CDU/CSU) mit Abstand am stärksten.

Das bedeutet nicht, dass Journalisten hierdurch ihre Objektivität verlieren und einseitig berichten. Ein Geschmäckle bleibt aber. Leider sind aber auch Tendenzen zu erkennen. Schaut man sich etwa an, welche Parteien am ehesten zu den vier großen deutschen Politiktalkshows eingeladen werden, dann sind in den Top 10 aus dem Jahr 2019 fünf Personen des linken Parteienspektrums und nur vier Personen des rechten Parteienspektrums. Ferner finden sich drei Vertreter der Grünen in der Rangliste (inklusive Platz 1), obwohl die Grünen im aktuellen Bundestag die kleinste Fraktion stellen.

Daraus abgeleitet habe ich persönlich festgestellt, dass dies quasi 1:1 auf den E-Sport übertragbar ist. Oder doch nicht?

E-Sport und Politik

Wenn man sich demokratische Parteien und Programme anschaut, dann findet sich E-Sport eigentlich überall in irgendeiner Form. Es gibt keine Partei, die komplett gegen E-Sport ist (außer der AfD, aber das sind in meinen Augen keine Demokraten), aber auch keine, die uneingeschränkt als Fürsprecher agiert.

Das ist oft auch eine Frage von Personen. Digitalpolitische Sprecher sind in der Regel jünger und technikaffiner als sportpolitisch Verantwortliche. Daher ist auch das Meinungsspektrum innerhalb einer Partei oft sehr groß.

Die politische Debatte zum E-Sport wird deshalb innerhalb von Parteigrenzen genauso geführt, wie darüber hinaus.

Die Gesinnungskultur im E-Sport-Bereich – abseits von Partei- und Wahlprogrammen

Die E-Sport-Community selbst erscheint als Subkultur der Gaming-Szene häufig sehr bunt und divers, mit deutlichen Gemeinsamkeiten zur grünen Politik. Das dürfte zum einen damit zusammenhängen, dass die Szene eher aus jungen Menschen besteht. Zum anderen ist davon auszugehen, dass E-Sport schon aufgrund seiner Natur als globales, weltoffenes Phänomen allerlei Grenzen sprengt – was erst mal etwas Gutes ist.

Junge Menschen tendieren eher zu linken Parteien und deren Inhalten. Es ist daher wenig verwunderlich, dass im E-Sport, vor allem in Deutschland, vielerlei linke Positionen adaptiert werden – und zwar auch über den E-Sport hinaus.

Themen, an die ich hier denke, sind etwa „Gender Diversity“, „gendergerechte Sprache“, Klimaschutz und die „Ehe für alle“.

Ich bin immer der Meinung, dass jeder vertreten darf, was er möchte, solange er sich innerhalb des demokratischen Spektrums bewegt – selbst, wenn derjenige eine vollkommen andere Meinung hat als ich:

„Ich missbillige, was Sie sagen, aber ich werde bis zum Tod Ihr Recht verteidigen, es zu sagen.“ – Evelyn Beatrice Hall, englische Schriftstellerin.

Das nennt sich dann Toleranz. Ich finde etwas nicht gut, toleriere es aber. Toleranz ist immer dann etwas Gutes, solange das Tolerierte keinem Menschen Schaden zufügt. Dabei stelle ich häufig fest, dass die Begriffe Toleranz und Akzeptanz in der deutschen E-Sport-Szene vermengt werden, wenn es um gesellschaftspolitische Themen geht. Tatsächlich gilt: Etwas, das ich toleriere, akzeptiere ich selbstredend nicht, ansonsten müsste ich es ja nicht tolerieren.

Als jemand, der in vielerlei Fragen eher dem christlich-konservativen Denken zuzuordnen ist, habe ich im E-Sport oft festgestellt, dass viele in der Szene in Sachen Toleranz an dieser Stelle an ihre Grenzen stoßen. Das betrifft nicht unbedingt mich persönlich, aber ich habe schon erlebt, dass zum Beispiel bei Diskussionen zur „gendergerechten Sprache“ regelrechte Online-Pranger erstellt worden sind, um denjenigen, der nicht in den (vermeintlichen) Meinungskonsens der Szene passt, öffentlich zu diskreditieren – einhergehend mit falschen Behauptungen, die man meint aus dem Gesagten ableiten zu können.

Das ist gefährlich. Zum einen für den Zusammenhalt der Szene, die immer noch um Anerkennung ringt und dementsprechend Geschlossenheit zeigen muss. Zum anderen für Personen, die sich im E-Sport einbringen möchten, hier aber Hindernisse sehen.

Fazit

Offene, ehrliche und teils auch hart geführte Debatten sind wichtig. Davon lebt die Demokratie. Gefährlich wird es, wenn jemand meint im Besitz der einzig gültigen Wahrheit oder gar moralisch überlegen zu sein. An dieser Stelle hören Sachlichkeit und der demokratische Diskurs auf und gehen in ideologisches Denken über. E-Sport sollte besser sein als das. Grenzen zu sprengen bedeutet auch, dass nicht alle der gleichen Meinung sein müssen.

Dennoch bleibt leider festzustellen, dass Teile der E-Sport-Szene, aber mitnichten die Szene insgesamt, oft wesentlich weniger „divers“ und heterogen sind, als sie vorgaukeln mögen. Das gilt insbesondere für politische Fragen. Einen einheitlichen Meinungsbrei jedenfalls kann doch eigentlich niemand wollen.

Ich würde mir hier tatsächlich mehr Offenheit und Debattenkultur wünschen.

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