Der elektronische Sport, also das wettbewerbsorientierte Spielen von Videogames, e-Sports genannt, wächst seit vielen Jahren deutlich exponentiell. Dieses Wachstum lässt sich auch klar in Zahlen ablesen. Im kommenden Jahr wird der globale e-Sports Markt die Eine-Milliarde-US-Dollar-Marke in Sachen Umsatz knacken. Die gesellschaftliche Relevanz des e-Sports ist auch in Deutschland inzwischen enorm. Millionen Menschen interessieren sich für das Thema, engagieren sich im Breitensport oder schauen sich Turniere, Wettbewerbe und andere Events an.

Während der e-Sports in fast allen Belangen wächst, kann die Forschung zum Thema kaum mit dieser rasanten Entwicklung Schritt halten. Dennoch gibt es erste Erfolge zu vermelden, aber auch deutliche Rückschritte.

Darum ist Forschung wichtig

Die wissenschaftliche Aufbereitung des e-Sports ist aus vielerlei Aspekten von großer Bedeutung. Es können Argumente für die Anerkennung und Förderung des e-Sports geschaffen und objektiviert werden. Probleme und Risiken können untersucht und besser behoben werden. Es können Synergieeffekte zu und Wechselwirkungen mit anderen Branchen beschrieben, forciert und verbessert werden. Es entstehen neue Berufsbilder, Innovationen werden geschaffen und der Technologie- sowie Hochschulstandort Deutschland wird gestärkt.

Forschung ermöglicht Erkenntnisse zu Funktionsweisen des ökonomischen Systems des e-Sports, zu physischen und mentalen Sportaspekten, zum Zweck des e-Sports, zum praktischen Nutzen, zu Verbesserungspotenzialen und zu den Funktionszusammenhängen des e-Sports insgesamt.

Was bisher geschah

Ich hatte das große Vergnügen in dieser Woche Mittwoch und Donnerstag als Dozent an der Europa-Universität Viadrina zugegen sein zu dürfen. Ein dort ansässiger Professor, mit dem ich selbst zusammen an einer Forschungsarbeit zum Thema Gaming und e-Sports arbeite, hatte das Modul E-Sports: Economics & Management im Rahmen des Masterstudiums International Business Administration ins Leben gerufen.

Zwanzig Studenten hatten sich zu dem Seminar angemeldet. Der Professor und ich hatten zusammen elf Forschungsthemen vorbereitet, für die sich die Studenten entscheiden konnten. Gleichzeitig haben wir es den Studenten auch offengelassen eigene Ideen zu entwickeln.

Bei der Auftaktveranstaltung in dieser Woche fanden sich Studenten aus unterschiedlichen Ländern und von vier verschiedenen Kontinenten ein. Von Bangladesch, über die USA bis Europa und Afrika waren Menschen aus vielerlei Kulturkreisen an einem Ort versammelt, um sich wissenschaftlich mit dem Thema e-Sports auseinanderzusetzen.

Eine rege Diskussion ist entstanden, mit vielerlei Ideen und einigem konstruktiven Input. Alle Studenten waren dem Thema e-Sports sehr aufgeschlossen gegenüber. Im Ergebnis werden nun elf wissenschaftliche Arbeiten entstehen, die bestimmte Teilaspekte des e-Sports beleuchten und so viele neuartige Erkenntnisse liefern werden.

Aber auch anderenorts wird die wissenschaftliche Arbeit zum Thema e-Sports forciert. Die Sporthochschule Köln hat gemeinsam mit der AOK Gesundheitskasse das Projekt esportwissen.de ins Leben gerufen, um Forschung hinsichtlich des elektronischen Sports betreiben zu können. An der juristischen Fakultät der Universität Augsburg gibt es einen Bereich für e-Sports Recht. An der Hochschule für angewandtes Management in Ismaning kann man den Bachelor of Arts in eSports Management erwerben. Mit Esportionary wurde im Jahr 2019 die erste Denkfabrik mit einem Fokus auf den e-Sports gegründet.

Aufgrund meines Buches Bildschirm-Athleten kontaktieren mich häufig Studenten, die ihre Studien-, Bachelor- und Masterarbeiten zum Thema schreiben und Rat suchen. Im Rahmen solcher Arbeiten entstehen viele spannende Projekte. So konzipiert ein Student zum Beispiel mittels seiner Masterarbeit das esportsmuseum.de.

Die Chancen von e-Sports Forschung und der Bedarf nach ihr sind enorm.

E-Sport Akademie

An der Fachhochschule Westküste in Heide, Schleswig-Holstein soll eigentlich ein herausragendes Vorzeige-Projekt entstehen. Eine vom Land unterstützte E-Sport Akademie soll den Hochschulbetrieb aufnehmen. Es sind Studiengänge, Forschungsprojekte, Fortbildungen und Events geplant. Ganz in der Nähe von Heide, nämlich in Husum, hat zugleich die Messe Husum & Congress ihren Sitz. Die vorhandene Infrastruktur eignet sich hervorragend zur Umsetzung von großen Events, Tagungen und Bildungsveranstaltungen, sodass die E-Sport Akademie direkte Synergieeffekte zur regionalen Wirtschaft auftun würde. Man würde Studenten ins Land holen, Fachkräfte ausbilden, durch Events den Tourismus ankurbeln und Grundlagenforschung betreiben.

Waren die politischen Versprechungen in der Schleswig-Holsteinischen Landeshauptstadt Kiel bis vor einigen Monaten noch sehr groß, hüllt man sich seitdem in Schweigen. Die Fachhochschule hatte bereits vor Monaten ein komplett ausgearbeitetes Konzept an die Verantwortlichen der Staatskanzlei geschickt. Eine positive Reaktion aus Kiel ist bisher ausgeblieben. Vielmehr scheint man das Thema e-Sports im Land nun aussitzen zu wollen. Damit würde sich Schleswig-Holstein eine riesige Chance entgehen lassen.

Daniel Günther (CDU), der Ministerpräsident des Landes, hatte sich noch Mitte des letzten Jahres sehr positiv zum Thema e-Sports geäußert. Auf dem Wacken Open Air trat er in einem e-Sports Shirt vor die Menge. Eine e-Sports Förderung hatte es zuvor sogar in den Koalitionsvertrag geschafft.

Durch Wirken des Landessportverbands Schleswig-Holstein (LSV) machte Daniel Günther dann Mitte 2019 eine Kehrtwende um 180 Grad. Fortan übernahm er die unsinnige Unterteilung in „eGaming“ und „e-Sports“, wie sie der Deutsche Olympische Sportbund lebt. Dass diese Differenzierung völliger Nonsens ist, habe ich bereits mehrfach dargelegt, unter anderem gemeinsam mit Prof. Dr. Jens Junge vom Institut für Ludologie in einer Pressemitteilung, die auch auf Gaming-Grounds.de zu finden ist.

Fazit

Die Forschung zum Thema e-Sports bietet viele Chancen, sieht sich aber leider oft auch politischen Hindernissen und ideologischen Blockaden ausgesetzt. Als selbst forschender Mensch hoffe ich, dass Deutschland die gebotenen Chancen nutzt anstatt sie anderen zu überlassen.