Ein Zitat, welches vielen Counter-Strike Fans wohl ziemlich bekannt sein dürfte: „You are not my friend you are my brother my friend“. Es stammt von Jarosław „pashaBiceps“ Jarząbkowski, ein Spieler, der die Counter Strike: Global Offensive (CS:GO) Szene auf eine so familiäre Art verbindet, die so noch nie zuvor da gewesen ist.

Im Januar 2020 wird pashaBiceps von hltv.org zum besten CS:GO Spieler der letzten Dekade ausgezeichnet. Zu seinen größten Erfolgen gehören diverse Siege bei Turnieren wie dem ESL Major 2014, der ELeague Season 1 (2016) oder auf der Dreamhack 2017 in Las Vegas. Zusätzlich schmücken viele weitere Zweit- und Drittplatzierungen seine Erfolgssammlung.

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Was ihn über seine spielerischen Auszeichnung ausmacht, ist seine enorme Beliebtheit bei seinen Fans. Er betreibt einen Twitch-Kanal mit einer Million Followern und beweist seine große Persönlichkeit, indem er uns hier und da Einblicke in sein Familienleben (verheiratet, zwei Kinder und einen Hund) auf verschiedenen Sozialen Plattformen offenbart. Kurzum: Er ist ein richtig feiner Kerl.

Die Summe der Leistungen

Die Auszeichnung zum besten Spieler der letzten Dekade fasst all diese Eigenschaften zusammen und nur die Summe dieser Leistungen macht ihn zu der Ikone, die er seit Jahren in der professionellen Counter-Strike Szene eben ist. Doch was hat ihm spielerisch dabei geholfen über die Jahre immer wieder Erfolge mit seinem Team Virtus.pro zu feiern? Aus Coaching-Perspektive möchte ich die Begriffe Kaizen (改善, jap. kai „Veränderung, Wandel“, zen „zum Besseren“) und Kaikaku (jap. 改革, „Reform“) einführen, die ich nachfolgend anhand PashaBiceps‘ Karriere erklären möchte.

Doch wo kommen die Begriffe Kaizen und Kaikaku ursprünglich her? „Populär“ wurden die Zwei Konzepte durch den japanischen Automobilhersteller Toyota, welcher sich durch wirtschaftliche Probleme in Japan gezwungen sah, seine internen Prozesse zu überprüfen und zu verbessern, um die Entlassung vieler Beschäftigter zu vermeiden. Originär wurden die Konzepte zwar auf System- bzw. Organisations- und Prozesssicht angewandt, jedoch bin ich der Meinung, dass die wesentliche Erkenntnis auch auf das Pro-Gaming übertragen werden kann.

Kaizen

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PashaBiceps ist ein hervorragender AWP-Schütze (Scharfschützengewehr bei CS:GO) und gerade in der Anfangsphase von CS:GO im Jahr 2012 machte er durch seinen aggressiven und offensiven Spielstil mit der AWP auf sich aufmerksam. Er lernte und meisterte das „Quickscoping“, die Fähigkeit mit einem Scharfschützengewehr binnen weniger Millisekunden den Gegner anzuvisieren und zu treffen. Genau diese Perfektion dieses Spielstils überforderte seinerzeit viele gegnerische Teams. PashaBiceps hat also einen wesentlichen Teil dazu beigetragen seine Gegner zu besiegen.

Durch immer währendes Üben und der Annahme, dass das Training schrittweise zu immer besseren Ergebnissen führt, kann man durchaus dieser Strategie folgen, bis der Spieler am Zenit seines Potentiales in diesem Skill steht. Diesen Zenit kann man auch als „lokales Maximum“ bezeichnen.

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Quelle: Adam Pawlowski

Doch was ist, wenn das lokale Maximum, welches durch das schrittweise verbessern (Kaizen) plötzlich, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr ausreicht? Genau dann kann eine grundsätzliche Reform (Kaikaku) notwendig sein.

Kaikaku

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Durch den Erfolg der aggressiven AWP fingen auch andere Spieler an, diesen Spielstil nachzuahmen, was widerum dazu führte, dass sich die Meta im CS:GO insgesamt darauf einstellte, besser damit umzugehen. Das war ein erstes Indiz darauf, dass die Effektivität des Quickscopings nachließ. Erschwerend kamen im Jahr 2015 weitere Nerfs hinzu, welche dafür sorgten, dass das Lauftempo im anvisierten Zustand, als auch die Geschwindigkeit des Anvisierens deutlich verlangsamt wurde. Auch das führte zur Veränderung der Meta und PashaBiceps erkannte, dass sein lokales Maximum hinterfragt werden musste. Es war zeit für eine Reform, einen Versuch sein Verhalten drastisch zu verändern, um die Möglichkeit zu eröffnen, auf globaler Skill-Ebene ein anderes, besseres Maximum zu finden. Das war der Moment, als PashaBiceps seinen Spielstil veränderte und der AWP weitestgehend den Rücken gekehrt hatte. Er stellte seinen Fokus auf Rifles um.

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Quelle: Adam Pawlowski

Die Grundlegende Überlegung dabei ist es, dass in komplexen Situationen nicht mit Gewissheit gesagt werden kann, ob die schrittweise Verbesserung in einer Disziplin der beste Ansatz auf globaler Ebene ist. Man kann es nur erahnen und erst durch das Ausprobieren verschiedener radikaler Veränderungen erkennen, mit welchem Spielstil der individuelle Spieler sein persönliches Skill-Cap erreichen kann.

Bei PashaBiceps zeigte sich schnell, dass Rifles sehr problematisch für ihn sind, weshalb er nach einiger Zeit wieder zur AWP griff und sich dort wieder inspizieren und anpassen musste, um im kompetitiven Umfeld schritt halten zu können.

Die Entscheidung, ob durch Kaizen das lokale Maximum verfolgt wird, oder durch Kaikaku ein unter Umständen größeres Potential im globalen Maximum gefunden werden kann, ist in den seltensten Fällen leicht zu treffen. Wir Menschen können nicht in die Zukunft blicken, genau deshalb ist es sehr wichtig durch Ausprobieren zu erkennen, wo wir uns befinden. Ein guter Indikator auf die Notwendigkeit eines Kaikaku-Schrittes ist in jedem Fall eine andauernde frustrierende Situation, in der es kaum Erfolgserlebnisse gibt und der Lichtblick am Horizont ausbleibt. Genau dann kann es hilfreich sein, sich radikal zu verändern.

Spielerisch haben genau diese Experimente und Versuche PashaBiceps geholfen, sich selbst und seinen Spielstil zu finden und anzupassen, sodass er zurecht zu den besten AWP-Spielern der gesamten Counter-Strike Szene gehört, neben seiner außergewöhnlich positiven Persönlichkeit natürlich.

Der beste CS:GO Spieler der Dekade – Erklärt im Video

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