Death Stranding, Hideo Kojimas Postapokalypse, ist am heutigen Dienstag, den 14. Juli 2020, auf PC erschienen. Hier erhaltet ihr einen Einblick in das Spiel und erfahrt spoilerfrei was es ausmacht.

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Die Death Stranding Kontroverse

Bevor wir genauer auf Inhalte und mehr eingehen sei gesagt, dass Death Stranding seine eigene Kontroverse besitzt. Während der Spieler als Sam Porter Bridges (Norman Reedus) versucht die Welt bzw. die zerbrochene Nation der ehemaligen USA zu verbinden und die Menschen zusammenzuführen, spaltet das Spiel selbst die Massen. Doch warum ist das so? Warum wird es entweder gehasst oder geliebt? Folgend gehen wir auf die einzelnen Gesichtspunkte von Death Stranding ein, mit dem Ziel, niemanden von unserer Meinung zu überzeugen, sondern lediglich über die zu bewertenden Faktoren und wie Death Stranding mit Blick auf diese Faktoren abschneidet.

Für wen ist Death Stranding interessant?

death stranding review 1Um die Frage zu beantworten für wen Death Stranding interessant ist, sollte man den Fokus darauf legen, für wen es eher weniger interessant ist. Kojimas Endzeit-Szenario startet langsam, weshalb anfänglich durchaus ein „wenig“ Geduld und Durchhaltevermögen gefragt ist.

Der Spieler befindet sich zu Beginn der Geschichte mit dem spielbaren Charakter Sam auf einer Reise, einem Auftrag. Zu diesem Zeitpunkt weiß die Optik bereits zu überzeugen. Von der ersten Sekunde an stimmt die Grafik, die Atmosphäre und die Inszenierung. Das Gameplay hinkt zu diesem Zeitpunkt allerdings noch leicht hinterher. Man erfährt zwar bereits einige grundlegende Elemente der Welt und der Steuerung, doch wirkt dies eher mau. Andere AAA-Titel tauchen den Spieler zu Beginn häufig in eine erste actionreiche Szene.

So übernimmt beispielsweise in Need for Speed der Spieler meist während eines Rennens oder einer Verfolgungsjagd das Steuer. In GTA V startet man in der Vergangenheit von Michael und Trevor während eines Bankraubes. Und in der Gegenwart angekommen, stiehlt man als Franklin zunächst ein Auto und endet in einer Verfolgungsjagd. In Odyssey, dem momentan noch neusten Ableger der beliebten Assassins Creed Reihe, kämpft man zu Beginn als Leonidas an der Seite von 300 Spartanern. In Kojimas mit zahlreichen Schauspielern besetzten Endzeit Epos, startet es eher als postapokalyptischer Roadtrip mit einer zwischenzeitlichen kurzen Videosequenz.

death stranding review 4An dem Ziel der anfänglichen Reise angekommen, geht es mit einer erstmals längeren Videosequenz weiter. Gefolgt von noch einer und noch einer. Diese Videosequenzen sind extrem gut gemacht und überzeugen visuell, szeneasitisch und atmosphärisch. Auch die deutsche Synchronisation der Schauspieler wirkt qualitativ hochwertig, ebenso wie die gesprochenen Dialoge und dessen Inhalt. Wenn man diese Beschreibung der Cutszenes liest, fragt sich sicherlich der ein oder andere: Wieso stieß Death Stranding auf so viel Kritik, wenn es qualitativ hochwertig umgesetzt wurde? Die Antwort ist, dass dieser Anfang für viele Spieler zu langatmig ist. Den ersten richtigen Story gebundenen Auftrag beginnt der Spieler nach ca. 80 Minuten. Je nachdem wie schnell die anfängliche Wanderung abgeschlossen wurde, kann dies selbstverständlich etwas schneller oder langsamer bewältigt werden. Dies ist und bleibt ein ganz schöner Brocken.

Für einen Teil der Spielerschaft fühlte es sich eher wie ein interaktiver Film a la Black Mirror: Bandersnatch an, als wie ein Action-Adventure. Und dann gibt es noch den Ausdruck „DHL-Simulator“. Dieser rührt daher, dass Sam „Amerika“ dadurch verknüpft, dass er als Paketbote Aufträge für jedermann abschließt und dabei durch das Land wandert. Und obwohl das Spiel durchaus mehr zu bieten hat, bleibt für viele Spieler dieser Eindruck bestehen, da sie die Einführung nie komplett abschlossen. Denn: Nach den oben erwähnten 80 Minuten ist zwar sozusagen das Intro abgeschlossen, doch der Spieler ist bei weitem noch nicht vollständig im Spiel angekommen.

Map-Wechsel, KI-Terroristen, neue Ausrüstung, Fahrzeuge und mehr

Als Knackpunkt für den Abschluss der Einführung kann man eine Mission nehmen, in der man die Map wechselt. Die anfängliche Karte, auf der man die ersten Aufträge annimmt, ist nämlich nicht die, auf der man den Großteil des Spiels verbringt. Erst auf jener zweiten Map beginnt das Spiel sein Potenzial im Gameplay auszuschöpfen. Der Spieler erhält Stück für Stück Zugang zu Fahrzeugen und neuer Ausrüstung, mit welcher er sich gegen Diebe, Terroristen und die unsichtbaren Monster wehren kann. Wir wollen dabei nicht zu sehr ins Detail gehen, da es ein belohnendes und auch sonst positives Gefühl auslöst, wenn man nützliche Ausrüstung freischaltet, mit der man als Spieler teilweise nicht mal gerechnet hat. Es wirkt in diesen Momenten ein bisschen wie das Öffnen eines verpackten Weihnachtsgeschenkes zu Kindertagen, bei dem man in dem Paket überraschenderweise etwas fand, das man sich wünschte, aber nicht davon ausging, dass die Eltern es einem kaufen. Das Nutzen dieser Ausrüstung bietet definitiv Spielspaß. Außerdem werden die Reisen deutlich schneller und weniger aufwendig, wenn man im Spiel voran kommt. Dies liegt dem Umstand zugrunde, dass man diesbezüglich Dinge freischaltet, die man bauen kann, um schneller voran zu kommen. Das beste dabei ist, dass die Spieler indirekt zusammenarbeiten. Wenn ich im Verlauf der Story einen Bereich in das Netzwerk aufnehme, welches wir aufbauen, kann ich Bauten anderer Boten/ Spieler sehen und nutzen.

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Das Problem des Spiels ist deshalb, dass viele Spieler – darunter die ärgsten Kritiker – diese zweite Map und die damit verbundenen Freischaltungen niemals erreichen. Bis man zu jener zweiten Map übergeht, können durchaus bereits acht Stunden verstrichen sein. Auch hier gilt selbstverständlich, dass das Tempo des jeweiligen Spielers diese Zeit verkürzen oder verlängern kann. Faktisch betrachtet ist man also erst nach ca. acht Stunden mit der Einführung fertig und bis dato ist das Gameplay echt schleppend. Viele Kritiker berufen sich bei ihrer Kritik auf ihre Erlebnisse dieser oben erwähnten ersten Map. Andere schauten sich lediglich sogenannte Let’s Plays an und bewerteten davon ausgehend dieses – von dessen Atmosphäre lebendes – Spiel. Auch bei dem Konsum von VODs wurde hierbei selten mehr als acht Stunden Inhalt begutachtet und dementsprechend bewertet. Wir meinen, dass nahezu jeder Spieler der geduldig und unvoreingenommen Death Stranding spielt und sich die Zeit dafür nimmt, am Ende überzeugt sein kann und den Kauf nicht bereut. Hilfreich ist dabei vor allem, wenn man Filmfanatiker ist und hohen Wert auf schauspielerische Leistung, hochwertige Synchronisation, Atmosphäre, Ton und die szeneasitische Inszenierung legt. Dies ist nämlich der Fall. Wenn man jedoch von Minute eins an von Kampf zu Kampf springen möchte und keinen Wert auf filmreife Cutszenes oder eine ausgewogene Story legt, dann ist es durchaus möglich, dass man noch vor der zweiten Map die Segel streicht und kein Spaß beim Spielen empfand.

Bekanntes Spielprinzip trifft auf Endzeit-Postbote

death stranding review 6Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass Death Stranding trotz diverser Ausrüstung und auf der Map zufindenen Gefahren dem Vorurteil des DHL-Simulators nur schwierig entkommt. Dies liegt daran, dass Sam Porter Bridges nunmal ein Paketbote ist. Wir nehnem als Sam einen Auftrag an, laden die Fracht auf und verteidigen sie bis zu ihrem Ziel vor Gefahren. Unsichtbare Monster, Terroristen und Diebe ändern nichts an der Tatsache, dass wir eine Fracht zustellen. Doch ist dies keineswegs schlimm oder ein neues ungewöhnliches oder schlechtes Spielprinzip. Insbesondere RPGs bestehen seit Jahren aus Spielabläufen jener Art. Auch Titel wie Assassins Creed oder Grand Theft Auto verinnerlichten bereits vor langer Zeit dieses Prinzip. In AC Odyssey sprechen wir mit Quest-Gebern und nehmen Story- sowie Nebenaufträge an. Dabei reisen wir teilweise ohne jegliches Ereignis kilometerweit durch die Karte, bis wir an einem feindlichen Lager angekommen sind. Dort wartet ein fünf minütiger Kampf auf den Helden, ehe dieser mit dem verlangten Questgegenstand zum Ausgangspunkt zurückkehrt. In GTA ist nicht jede Mission in dieser Form aufgebaut, doch findet man sie auch hier in Story Missionen und sogar bei den sogenannte Fremden und Freaks. Selbst in GTA Online nimmt der Spieler einen Auftrag an, durchquert die Map und kehrt mit gestohlenen Fahrzeugen, Waffen, Waren oder ähnlichem zu seinem Lager zurück. Ähnlich wie bei den beiden eben genannten Spielen ist es in Far Cry, The Elder Scrolls, The Witcher und vielen anderen Titeln. Wieso ist dies bei Death Stranding schlimm und bei anderen Spielen akzeptabel? Die Antwort: Ist es im Grunde nicht. Hideo Kojima und sein Team machten sich lediglich nicht die Mühe es elegant zu umschreiben. Sie nutzen das bekannte Prinzip und benennen den Beruf des Helden als das, was er seit jeher in der Wahrnehmung ehrlicher Spieler in vielen Spielen ist- Ein Paketbote.

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Gelungene und notwendige Inszenierung

death stranding review 3In Death Stranding steigt der Spieler in eine ihm bis dato unbekannte Welt ein und muss erst um dessen Eigenschaften belehrt werden. Dies ist zugleich der Grund dafür, weshalb die Videosequenzen nicht nur lang, ausgeprägt und ausführlich sind, sondern auch wichtig. Der Spieler befindet sich als Sam Porter Bridges in einer fiktiven postapokalyptischen Zukunft, in der seit der uns bekannten Zeit eine Reihe von Ereignissen die Welt und das Leben auf dieser nahezu vollständig veränderte. Alles was Sam sieht und erlebt ist dem Spieler unbekannt. Wir kennen diese fiktive Wirklichkeit, dieses Zukunftsszenario nicht, wenn wir mit Death Stranding beginnen. Selbst wenn wir mit der Story zum ersten Mal durch sind, haben wir als Spieler unter Umständen immer noch nicht alles vollständig verstanden. Hideo Kojima selbst sagte in einem Interview dazu, dass er Spiele entwickeln möchte, bei denen man nach 20 Jahren sagt „Ach, so war das also gemeint.“. Wenn also jene achtstündige Einführung nicht dementsprechend lang und ausführlich wäre, dann wäre die Verwirrung groß. Ähnlich ist es bei Filmen mit Zukunftsszenarien, in denen sich häufig eine utopisch wahrgenommene Welt als Dystopie entpuppt. Beispielhaft hierfür sind Klassiker wie Matrix, Minority Report und 2001: Odyssee im Weltraum- sie alle beginnen Träge und können erst Fahrt aufnehmen, wenn der Zuschauer in die fiktive Welt eingeführt wurde und sie versteht. Da Kojima sich selbst als Filmemacher innerhalb der Gaming-Industrie sieht, ist diese Inszenierung für ihn nicht ungewöhnlich. Da die Inszenierung, wie oben bereits erwähnt wurde, durchaus gelungen ist, war die Entscheidung, dass der Spieler in die Welt erst ausführlich eingeführt wird, unserer Meinung nach richtig. Hierbei ist besonders erwähnenswert, dass die Atmosphäre innerhalb der Videosequenzen und innerhalb des Gameplays nicht ansatzweise so beeindruckend wirkt und auf den Spieler/ Zuschauer übergeht, wenn nicht selbst gespielt sondern ein Let’s Play oder ähnliches geschaut wird. Wenn der Spieler als Sam die Luft anhält und regungslos stehen bleibt, weil sich eines jener unsichtbaren Monster neben ihn befindet, dann fühlt man die Spannung und die Gefahr. Diese Szenarien und die restlichen Eigenschaften dieser unbekannten, gefährlichen, postapokalyptischen Welt tragen zur gesamten Atmosphäre bei. Dieser starke Eindruck kann sich nicht in besagter Intensität entwickeln und übertragen, wenn man lediglich zuschaut und nicht selber spielt.

Wie entscheidet ihr?

Ob Death Stranding für euch interessant und relevant ist, müsst ihr mit dem Wissen selbst entscheiden, ob ihr das nötige Durchhaltevermögen dafür besitzt. Außerdem solltet ihr wissen, ob ihr Wert auf Inszenierung und Atmosphäre legt. Trifft beides zu, dann wird Hideo Kojimas neustes Werk bei euch wahrscheinlich einen positiven und bleibenden Eindruck hinterlassen.

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