Wir freuen uns, euch einen weiteren Beitrag von Adam ‚PAWL‘ Pawlowski präsentieren zu können. Er hat sich ausführlich mit dem Werdegang des früheren Overwatch Profis Jay ‚Sinatraa‘ Won auseinandergesetzt und seine Sichtweise auf den Karriereweg des E-Sportlers dargestellt. Wie kommt man vom toxischen 16-jährigen Overwatch Talent zu einem 150.000 US Dollar Vertrag und schließlich in das VALORANT Lineup von Team Sentinels? Welche Faktoren spielen eine Rolle und was hätte anders laufen können? Viele offene Fragen, viele mögliche Antworten.

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Schon vor seiner Zeit bei San Francisco Shock haben seine mechanischen Fähigkeiten auf den Profi E-Sportler Jay ‚Sinatraa‘ Won aufmerksam gemacht. Genau diese Fähigkeiten haben es ihm ermöglicht, 2018 einen Vertrag mit einem Jahresgehalt von 150.000 US Dollar bei dem kalifornischen Overwatch League Team zu unterzeichnen. Es war offensichtlich, dass er noch ein roher und ungeschliffener Diamant war – San Francisco Shock hatte dennoch sehr hohe Erwartungen an ihn.

Er selbst bezeichnete sein Verhalten später wiederholt in Interviews als kindisch und toxisch. Die Frage ist nun, wie er aus diesem Verhalten ausbrechen konnte. Unser Wesen, unsere Charakterzüge werden durch das was wir tun und sagen verkörpert. Diese Züge von heute auf morgen umzukrempeln ist keine einfache Aufgabe. Die erste mögliche Antwort liegt darin, dass es mit seinen 16 beziehungsweise 17 Jahren lediglich an geistiger Reife gefehlt hat. Ich persönlich glaube, dass es noch mehr gebraucht hat, als pures Abwarten.

‚Sinatraa‘ bestätigte auch hier die tragende und einflussreiche Rolle seines Head-Coaches Dae-hee ‚Crusty‘ Park. Zusammen mit ihm musste erst am Selbstbild, an der Erkenntnis, dass sich etwas ändern müsse, gearbeitet werden. In den seltensten Fällen sind wir Menschen bereit uns zu verändern, wenn externe Impulse uns dazu drängen. Wir verschließen uns dann eher.

Viel mehr muss die Erkenntnis aus eigenen Stücken kommen. Es muss ein „sense of urgency“, also ein Gefühl der Dringlichkeit, in einem entstehen, sodass eine Persönlichkeitsveränderung, eine Veränderung der Handlungen, tatsächlich eintreten kann. Dazu müssen wir in der Lage sein, Selbstreflexion zuzulassen, zuzulassen unsere Schwächen zu erkennen und diese auszubügeln. Vielen erwachsenen Menschen fehlt genau diese Fähigkeit, weshalb ich ‚Sinatraas‘ Wandel in seinen jungen Jahren umso beachtlicher finde.

2019 – Der Anführer und MVP

Mit seinem neuen „Ich“ konnte es nun mit der tatsächlichen Rollenfindung innerhalb des Teams weitergehen. Einem wesentlichen Schritt, um die Gesamtleistung des Teams nach vorne zu bringen. ‚Sinatraa‘ konnte seine zuvor negative Energie in etwas bedeutend Besseres umwandeln. Er fing an, konstruktive Anweisungen innerhalb des Spiels zu geben (engl. Shotcalling) und das Team folgte ihm. Genau das zeigt, dass eine gemeinsame Vertrauensbasis erreicht wurde. Dieses Vertrauen entsteht nicht aus heiterem Himmel, es entsteht durch einen fortlaufenden, wertschätzenden und offenen Umgang miteinander.

Obwohl Jay in einem 2018 veröffentlichten Blog-Beitrag noch behauptete, er sei kein großer Anführer, konnte er doch mit seiner Art einen positiven Beitrag zur Team-Atmosphäre leisten. So zeigte er sich nach wichtigen Erfolgen, die er mit seinem Team feiern konnte, seinen Mitspielern stets sehr dankbar gegenüber. Genau diese Art von Umgang ist für eine Führungsperson unerlässlich. Und er füllte diese Rolle aus.

‚Sinatraa‘ hatte also sein eigenes Verhalten gemeistert, er hatte es geschafft das Team hinter sich zu haben. Doch jetzt musste er sich darum kümmern, zum besten Overwatch Spieler der gesamten Liga zu werden. Er wollte MVP werden. Mit den Voraussetzungen, die er für sich und für sein Team mit geschaffen hatte, sollte es ihm nun möglich sein zu fluorieren, seine spielerischen Fähigkeiten zu perfektionieren. Aber auch das funktioniert nur, wenn der Spieler mental auf höchstem Niveau arbeitet.

Ein unstillbarer Wille nach Bestleistung und die Annahme einer Wachstumsdenkweise (Growth-Mindset) müssen vorhanden sein, wodurch jeder Schritt, jede Handlung zu einer Verbesserung der eigenen Spielweise führt. Der Weg wird zum Ziel und ‚Sinatraa‘ beschritt diesen Weg, um zum Ziel zu gelangen. Bereits in seiner zweiten Saison in der Overwatch League wurde Jay Won zum Most Valuable Player ernannt. Er hatte alles erreicht, was es in Overwatch zu erreichen gab.

2020 – VALORANT

Ob seine Entscheidung darin begründet war, dass es in Overwatch nichts mehr für ihn zu erreichen gab, oder ob es an der umstrittenen 2-2-2 Umstellung lag, kann nur ‚Sinatraa‘ selbst beantworten. Unabhängig von der letztlichen Ursache verlor Won zunehmend die Motivation das Spiel zu spielen und beschloss im Frühjahr 2020 das Team der San Francisco Shocks und damit die Overwatch League zu verlassen. Fortan unterstützt er das E-Sport Team Sentinels in ihrem VALORANT Kader.

Er kehrte nach sehr kurzer Zeit dem Spiel den Rücken, in welchem er die Höchstleistungen seiner Profi-Karriere erfahren hat. Doch war das die richtige Entscheidung? Auf jeden Fall stellte genau das eine weitere große Herausforderung seiner persönlichen Laufbahn dar. ‚Sinatraa‘ hätte der Stern am Overwatch-Himmel bleiben können, doch für welchen Preis? Ich denke, es war ein Abwägen zwischen der Komfort-Zone, die ihn so sehr langweilte, und der Drang danach etwas Neues zu erleben.

An dieser Stelle ziehe ich meinen Hut vor Ihm, dass er so schnell in der Lage war, sich selber einzugestehen, was er nicht mehr wollte. Er hatte keine Lust mehr auf Overwatch Spitzenniveau. Ich denke, es ist zu früh um zu sagen, dass VALORANT nun seine neue Leidenschaft darstellt und er damit nun für immer und ewig glücklich sein kann. Aber sich einzugestehen was man eben nicht möchte, ist ein riesiger und mutiger Schritt, welcher nur durch entsprechende Überlegungen und Selbstreflexion beschritten werden konnte.

Jay Wons Zukunft

Ich wünsche Jay alles gute auf seiner weiteren Reise, denn ich bin überzeugt, dass er in den nächsten Jahren noch eine feste Größe der E-Sport Szene bleiben wird und wir ihn bestimmt in dem einen oder anderen E-Sport Titel anfeuern werden dürfen. Weiterhin bin ich zutiefst von seinem zwar noch kurzen, aber eindrucksvollen Werdegang begeistert. Chapeau!

Die letzte Frage, die mich am brennendsten interessiert: Wie groß war der Einfluss und der Anteil seines Head-Coaches ‚Crusty‘ am Erfolg dieses Ausnahmespielers?

Adam Pawlowski: Vom Overwatch TOXIC zum Valorant MVP

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