Seit dem 17. Dezember 2021 können Interessierte den kooperativen Taktik-Shooter „Ready or Not“ von VOID Interactive im Early Access via Steam spielen. Im Januar gab es noch einmal einen umfangreichen Patch, der sowohl neuen Content, als auch reichlich Fehlerbehebungen implementierte. Auch bei den Fans kommt Ready or Not wirklich gut weg. Die mittlerweile über 24.500 abgegebenen Reviews (Stand: 11. Januar 2022) sind im Durchschnitt sehr positiv.

Viele Spielende beschreiben Ready or Not als den großen SWAT-Nachfolger, auf den alle sehnsüchtig warteten, ihn bis jetzt aber leider nicht bekamen. Diese Lücke scheint VOID Interactive nun zu füllen. Dennoch sieht sich der Entwickler (und nach dem Absprung von Team17 jetzt auch Publisher) in den vergangenen Tagen und Wochen immer wieder zu ausführlichen Statements gezwungen, die meiner Meinung nach eigentlich gar nicht nötig wären.

Warum die Stellungnahmen trotzdem einen Sinn ergeben und welche Probleme es überhaupt zu geben scheint, erfahrt ihr jetzt.

Ready or Not: Rassistisch und beunruhigend?

Um die Antwort auf die Frage in der Überschrift vorwegzunehmen: nein. Aber genau das wird dem Spiel aus unterschiedlichen Richtungen vorgeworfen. In Ready or Not übernehmt ihr grundsätzlich die Kontrolle über ein SWAT-Team, welches mit militärischer Strategie in unterschiedlichen Einsatzlagen operieren soll. Fehler werden äußerst hart bestraft. Wer nicht mit Umsicht vorgeht oder Vorsichtsmaßnahmen ignoriert, wird sich schnell in einer eskalierten Lage wiederfinden, in der es auch zivile Opfer geben kann.

Dies gilt es natürlich unbedingt zu vermeiden. Wer Regeln missachtet, wird am Ende der Mission mit schlechten Bewertungen abgestraft. Zu den herausfordernden Einsätzen der Spezialeinheiten in Ready or Not gehören neben Razzien in Drogenlaboren und Geiselbefreiungen eben auch Amokläufe und Attentäter. Das Ziel in einer Mission ist es zumeist, alle Gefahren zu eliminieren, Zivilisten unversehrt zu sichern und gegebenenfalls gesuchte Objekte sowie Gegenstände sicherzustellen. Je weniger Gewalt ihr dabei anwendet, desto besser. Ganz vermeiden lässt sich das – wie in der Realität – aber eben nicht immer.

Zu der abgebildeten Realität in Ready or Not soll in Zukunft auch ein Level gehören, welches einen Amoklauf an einer Schule abbildet – das löst Kontroversen aus und wurde, aus der Community heraus spekuliert, oftmals als der Grund genannt, weshalb sich der ehemalige Publisher Team17 kurzfristig vom Projekt trennte. Zeitpunkt Nummer 1, an dem ein Sprecher des Entwicklerstudios VOID Interactive reagierte. In einem Statement auf Twitter verkündet dieser, dass man diese Angelegenheit wohl nicht näher thematisieren könne, ohne starke Emotionen bei der einen oder anderen Gruppe von Menschen auszulösen. Dennoch wolle man sich der Angelegenheit annehmen und die bestmöglichen Worte finden.

Diese Worte lauteten wie folgt:

„VOID Interactive hat sich klar dazu verpflichtet, qualitativ hochwertige und wirkungsvolle Inhalte zu liefern, vor denen andere Mainstream-Softwareentwickler aufgrund kultureller Konventionen und Normen zurückschrecken könnten. Bei VOID Interactive schätzen wir die Stimme unserer Kunden und Partner, und obwohl diese nicht unsere Richtung diktieren wird, werden wir ihr erlauben, auf intelligente Weise zu beeinflussen, was wir tun. Im Kern ehrt das Spiel die Arbeit von engagierten Gesetzeshütern auf der ganzen Welt und beabsichtigt in keiner Weise, feige kriminelle Handlungen zu verherrlichen.

Wir sind bestrebt, in unserem Videospiel „Ready or Not“ ein Maß an Authentizität und Realismus zu fördern, das auch schwierige Themen mit sich bringt. Wir wissen, dass dies eine gewisse Verantwortung erfordert – gegenüber unseren Fans und unserer Community, ja. Aber auch gegenüber denjenigen, die von den traumatischen Ereignissen betroffen sind, auf die die Strafverfolgungsbehörden nur allzu oft reagieren. Seid versichert, dass es unser Ziel ist, alle Inhalte von Ready or Not mit dem nötigen Gewicht und Respekt zu behandeln, den sie verdienen. Vor kurzem mussten wir einige Teammitglieder an die erforderliche Sorgfalt bei der Diskussion dieses Materials erinnern, und zwar jetzt und auch in Zukunft.

„Schule“ ist nicht nur ein Teil der Geschichte von Ready or Not, es ist Teil der Geschichte von Tausenden von Menschen weltweit. Es ist die Geschichte derer, die zu früh durch die Hand eines geistesgestörten Amokläufers starben, die Geschichte der Familie und der Freunde, die auf einen Anruf warten, der vielleicht nie kommt, die Geschichte der Ersthelfer, die alles tun, was sie können, nur um dann festzustellen, dass es nicht genug ist. Es ist ein Blick auf eine unbequeme Realität, die nur allzu häufig vorkommt, und wir hoffen, dass wir einen kleinen Teil dazu beitragen können, diejenigen, die von diesen realen Tragödien betroffen sind, mit einer Darstellung zu ehren, die ihre Erfahrungen nicht trivialisiert.

Wir werden weiterhin unserer Vision folgen, wir werden weiterhin zuhören, und wir werden weiterhin jeden Tag an Ready or Not arbeiten. Vielen Dank.“

Wie die Plattform PC Gamer darüber hinaus berichtete, habe ein Sprecher von VOID Interactive einen Zusammenhang zwischen dem potenziell kritischen Level im Spiel und der Trennung vom Publisher dementiert. Team17 nannte, wie auch VOID Interactive, keine alternativen oder weiteren Gründe für die Beendigung der Zusammenarbeit.

Die Plattform Xboxdynasty kam indes zu einem anderen Schluss. In ihrem Beitrag zum Thema, der am 26. Dezember veröffentlicht wurde, wird sogar ein klarer Zusammenhang zwischen dem möglicherweise noch kommenden Spielinhalt und der Trennung von Entwickler und Publisher hergestellt. Bezug genommen wird an dieser Stelle auf einen Reddit-Thread, in dem ein VOID Interactive Entwickler auf eine Frage antwortete, in der sich ein User über genau dieses potenzielle Szenario in Ready or Not informieren wollte. In der Antwort, die kurze Zeit später wieder gelöscht wurde (über Wayback Machine aber weiterhin einsehbar ist), schrieb der Entwickler, dass man fest daran glauben könne, dass so ein Level existieren werde. Die Trennung von Team17 aus dem Projekt folgte nur wenige Tage später.

Aufregung um eine Tablettenbox

Als wäre das noch nicht genug, sorgte ein weiteres, sogar noch viel kleineres Detail in Ready or Not für einen weiteren Aufreger. Ihr erinnert euch: VOID Interactive gab mehrere Statements ab. Doch was ist geschehen?

Grundsätzlich geht es um eine „Pill Box“, eine Tablettenbox, die im Spiel in einem Mülleimer gefunden werden kann und als Asset verwendet wird. Auf ihr ist die Aufschrift „Noggin Joggers“ zu lesen. Bei diesem Namen handelt es sich um eine im Slang gebrauchte Floskel, die eine Aktivität oder Herausforderung beschreibt, die mit den Gedanken des oder der Herausgeforderten spielt. Benutzt wird „Noggin Joggers“ zumeist als Referenz für komplexe Puzzel oder Denksportaufgaben, erklärt auch VOID Interactive und fügt hinzu, dass das Easter Egg in erster Linie als Anspielung auf die berühmte Matrix Szene gedacht war, in der Neo die Wahl zwischen roter und blauer Pille treffen muss.

Dieser Hintergrund war vor der Stellungnahme, die ihr nachfolgend noch in voller Länge lesen könnt, nicht allen Akteuren und Kritikern bekannt. So zogen einige Nutzer im Internet vielmehr die Referenz zum tatsächlich rassistisch gemeinten „Jogger-Meme“, welches infolge der Ermordung des Afroamerikaners Ahmaud Arbery auf 4chan entstand und seither von einem kleinen Kreis an Personen missbräuchlich verwendet wird.

[Ergänzende Erklärung: Die Familie des 2020 von zwei Männern erschossenen Ahmaud Arbery gab an, dass dieser am Tag des Mordes joggen gewesen war. Ein Mann und sein Sohn wollten ihn als Einbrecher wiedererkannt haben, verfolgten ihn bewaffnet, konfrontierten und erschossen ihn schließlich. Daraufhin entstand ein anonym erstellter Thread auf 4chan, in dem sich die Mitglieder vornahmen, das Meme des „The Eternal Jogger“ zu einer Form der Hassrede zu machen. (via https://knowyourmeme.com/memes/jogger)]

Kurz nachdem VOID Interactive diese Interpretation zugetragen wurde, stellte man öffentlich klar, dass es sich bei einigen Requisiten um Platzhalter handeln würde, die von einem Auftragnehmer stammen, mit dem man nicht länger zusammenarbeite. Die entsprechenden Platzhalter, zu der auch die umstrittene Tablettendose gehört, sollen im Rahmen der Weiterentwicklung des Spiels ersetzt werden und dienten lediglich dazu, Flächen zu füllen, die zum aktuellen Stand der Entwicklung sonst hätten leer bleiben müssen.

Das Statement in voller Länge:

„Zunächst einmal möchten wir darauf hinweisen, dass VOID Interactive keine Form von Rassismus, Bigotterie oder rechtsextremen Ansichten unterstützt oder duldet, und dass derartige Ansichten weder von unserem Entwicklerteam noch von unserer Community toleriert werden.

Wir haben ein vielfältiges Team von Entwicklern und Auftragnehmern aus vielen Teilen der Welt und sind bestrebt, eine einladende Umgebung für unsere Spielerschaft und unsere Mitarbeiter zu schaffen. Auch wenn unser Spiel harte Realitäten und reife Themen berührt, haben wir nicht die Absicht, dass es oder andere Spiele, die wir produzieren, ein Kanal für Hass sind.

Intoleranz hat in Ready or Not keinen Platz.

Was die erwähnten Levelrequisiten angeht, so handelt es sich dabei um Platzhalter, die eingesetzt wurden, um ansonsten kahle Stellen zu füllen, und die von einem Auftragnehmer geliefert wurden, mit dem wir nicht mehr arbeiten. Diese Requisiten werden im Zuge der weiteren Entwicklung des Spiels ersetzt werden.

Was die Pillenboxen mit der „roten Pille“ angeht, so waren diese lediglich als Anspielung auf den Film Matrix gedacht (Neo wählt zwischen der roten und der blauen Pille). Ein „Noggin Jogger“ ist ein Slang für eine Aktivität oder Herausforderung, die den Verstand verwirrt, und wird üblicherweise als Hinweis auf komplexe Rätsel oder Denksportaufgaben verwendet.

Wir nehmen diese Anschuldigungen sehr ernst und versichern, dass sich das Entwicklerteam keiner hasserfüllten Konnotation mit den oben genannten Requisiten bewusst war. Wir danken den Community-Mitgliedern, die diese Bedenken geäußert haben, und um Zweifel auszuschließen, haben wir bereits Schritte unternommen, um diese Platzhalter zu entfernen, was ihr im nächsten Update des Spiels sehen werdet.

Es ist erwähnenswert, dass wir mit einer Stellungnahme gegenüber Kotaku sehr vorsichtig waren, da sie in der Vergangenheit Artikel mit irreführenden Schlagzeilen über unsere gemeinsame Trennung mit dem Publisher Team17 veröffentlicht haben. Wir sind traurig darüber, dass dies wieder passiert ist, aber wir freuen uns darauf und werden weiterhin alles richtig stellen, wann immer wir können.“

Warum die Statements unnötig sein sollten und dennoch sinnvoll sind

[Achtung, ab hier kommt eigene Meinung ins Spiel!]

Betrachten wir nun die oben dargestellten Vorwürfe und die Reaktionen von VOID Interactive, zeichnet sich ein deutliches Bild und Beschwerden, die grundsätzlich nicht neu sind. Bereits andere Studios mussten sich Anschuldigungen wie diese gefallen lassen und gingen unterschiedlich mit ihnen um. Beginnen wir mit dem Thema: „Mögliches Level, in dem ein Amoklauf an einer Schule thematisiert wird“ – ganz unabhängig davon, ob die Trennung des ehemaligen Publishers etwas damit zu tun hat.

Sollte es tatsächlich dazu kommen, dass VOID Interactive nach diesen Entwicklungen weiterhin an der Implementierung eines solchen Levels festhalten, gilt es die Ausgestaltung zu begutachten, bevor ein vernichtendes Fazit gezogen wird. Die Thematisierung eines solchen Szenarios grundsätzlich zu verteufeln ergibt keinen Sinn. Auch in anderen Medien werden solche oder ähnliche Katastrophen abgebildet – beispielsweise im Film. Sicherlich ist die Interaktivität in Videospielen ein Aspekt, der die Betrachtung auf ein solches Horrorszenario noch einmal verändert und will nicht von jedem Menschen erlebt werden. Doch es zwingt auch niemand irgendjemanden, dieses potenziell in der Zukunft erscheinende Level in Ready or Not zu starten oder zu spielen. Weiterhin lässt sich schon jetzt sagen, dass es im unsicheren Fall der Integration dieses Levels darum gehen wird Leid zu verhindern und die Opferzahl möglichst nah an den Wert 0 zu bringen – im Idealfall erreicht ihr diesen sogar. Perspektive spielt eine Rolle.

Dennoch ergibt es seitens VOID Interactive durchaus Sinn, ein Statement wie das veröffentlichte zu verfassen und der Community zugänglich zu machen. Selbst wenn es im Rahmen von logischem Denken und Reflexion möglich sein sollte, zum oberhalb beschriebenen Schluss zu kommen, gehen nicht alle diesen Weg. Diesen Vorwurf also unkommentiert im Raum stehenzulassen, wäre für den Ruf des Spiels und des Entwicklers potenziell gefährlich gewesen.

Noch eindeutiger ist der Schluss, wenn wir auf das Thema der ach so kritischen roten Tablettenbox schauen. Ganz ehrlich: Kein Entwicklerstudio der Welt kann jedes Asset in einem so großen Spiel darauf überprüfen, ob ein Teil eines dort zu lesenden Begriffs nicht von einer kleinen, anstößigen Minderheit im Internet für missbräuchliche Zwecke zweckentfremdet wurde. Entscheidend ist an dieser Stelle die Reaktion des Entwicklers, die im Falle von VOID Interactive vollständig vorbildlich zu bewerten ist. Man hat in diesem Fall den problematischen Inhalt erkannt und alle erforderlichen Maßnahmen zur Beseitigung und Korrektur in die Wege geleitet – und das zeitnah. Dieser Satz hätte zudem als öffentliche Reaktion bereits genügt.

Stattdessen entschied sich das Studio dazu, umfangreicher auf die Thematik einzugehen und sich sogar noch einmal deutlicher von Extremismus zu distanzieren – was niemals schlecht sein kann. Darüber hinaus nimmt VOID im zweiten Statement den Kritikern sogar die Aufgabe der Recherche nach der eigentlichen Bedeutung des verwendeten Begriffs ab und nimmt somit gar die Rolle eines bildenden Akteurs ein.

Fazit: Das Gesamtpaket stimmt!

Die Bewertungen der Spielenden zeigen, dass Ready or Not inhaltlich trotz seiner andauernden Entwicklung schon jetzt zu überzeugen weiß. Nehmen wir nun noch die vorbildlichen und professionellen Reaktionen des Entwicklerstudios hinzu, welches weder Interna zur Trennung von Team17 preisgibt, noch offene Fragen oder kritische Punkte im Raum stehen lässt – diese vielmehr umfänglicher beantwortet, als es überhaupt nötig wäre -, lässt sich das Gesamtpaket aus Spiel und Entwickler nur loben.

Hoffen wir, dass die überzogenen Angriffe und überdramatisierten Vorwürfe den Schwung nicht aus den Segeln des anspruchsvollen und leidenschaftlich gestalteten Taktik-Koop-Shooters nehmen. Drei Wochen infolge Platz 1 der Steam Verkaufscharts zu belegen ist ein Statement für sich und sollte dem Entwickler die nötige Freiheit geben, um auch die letzten inhaltlichen Baustellen zu beseitigen und Ready or Not zu dem SWAT-Nachfolger zu machen, den sich viele Genre-Fans schon seit vielen Jahren gewünscht haben.