portrait1800 oval babt v2Am heutigen Donnerstag setzt sich unser freier Autor Adam ‚PAWL‘ Pawlowski mit dem Thema des Coachings im E-Sport auseinander. Doch es geht nicht um herkömmliche Kompetenzen, sondern im Speziellen um Überschneidungen zum sogenannten „Agile Coaching“. Welche Elemente aus dieser Disziplin auch für E-Sportler und ihre Teams interessant sein könnten, erfahrt ihr im folgenden Beitrag. Wem das audiovisuelle Medium lieber ist, kann sich auch direkt das unten eingebundene Video ansehen, in dem ‚PAWL‘ auf die gleiche Thematik eingeht.


E-Sport und Projektentwicklung in der IT: Auf den ersten Blick würde man sagen, dass diese Branchen rein gar nichts miteinander zu tun haben. Stimmt das? Ich möchte in diesem Beitrag aufzeigen, in welchen Bereichen diese zwei Welten doch ineinander greifen können und womöglich auch von einander lernen können. Zumindest aus der Richtung IT hin zum E-Sport.

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In den vergangenen Jahren wird der Begriff „Agile“ in der IT immer häufiger verwendet. Ich denke, dass ein paar agile Prinzipien nicht nur in der IT Platz finden, sondern überall dort, wo sich Menschen fokussiert auf ein gemeinsames Ziel zubewegen wollen.

In der Welt der IT ist es meine Aufgabe als „Agile Coach“ mit Menschen gemeinsam an einem Produkt oder einer Lösung zu arbeiten und die Kollegen dabei zu begleiten, sich und das Produkt stetig unter Einhaltung gewisser Vorgaben weiterzuentwickeln. Für mich stehen einige Aufgabenbereiche und Konzepte im Fokus, die E-Sportlern sowohl individuell, als auch im Teamgefüge, helfen können. Als Vergleich ist es auch der Anspruch an E-Sport-Teams, dass sich sowohl die Einzelspieler, als auch die Teams als Ganzes stetig weiterentwickeln und nach Höchstleistungen streben. Nur so können sie ihren Gegnern immer einen Schritt voraus sein.

Doch welche Ansätze aus dem agilen Coaching in der Produktentwicklung helfen unseren Kollegen und Mitspielern denn nun, immer besser zu werden?

Inspizieren und Anpassen

Der Kern der Weiterentwicklung liegt in statistischen Annahmen, die sich der Theorie des Empirismus bedienen und daraus konkrete Handlungen ableiten können. Okay, was bedeutet das eigentlich? Wir sammeln Informationen in Form von Erfahrungen, werten diese aus und entscheiden uns, wie genau uns diese Erfahrungen denn weiterhelfen können. Die Zyklen, in denen wir Erfahrungen sammeln und uns daran anpassen, sollten so kurz wie möglich sein, um uns natürlich so schnell wie möglich auf neue Gegebenheiten anpassen zu können. Die wissenschaftliche Grundlage für dieses Vorgehen stammt aus den 1930er Jahren und wird mit Hilfe des Demingkreises beziehungsweise des PDCA-Zyklus dargestellt.

Diese Erkenntnis lässt sich auf kurzfristiger Ebene natürlich schon bereits während einer Partie anwenden, indem wir als Spieler den Gegner lesen, erkennen was er vor hat und daraus unsere Schlüsse ziehen. Auf mittel- bis langfristiger Ebene sollte sich das Team allerdings auch grundsätzliche Themengebiete anschauen und sich daraufhin dort anpassen. Als Beispiel kann eine Spiel-Anpassung an die aktuelle Meta notwendig sein, da dadurch die Gegner neue Spielstrategien erarbeitet haben. Ein stures Beharren auf alte Handlungen und eine fehlende Adaption kann eine fatale Auswirkung auf den Spielausgang haben.

Fokus auf das Wichtigste

Ein großes Produkt zu entwickeln kann auf den ersten Blick überfordernd sein. Hier hilft das Verständnis einer Priorisierung der anliegenden Entwicklungsschritte nach höchstmöglicher aktueller Relevanz. Alles was aktuell nicht den Wert des Produktes steigert, wird zur Seite geschoben. Verschiedene Methoden (zum Beispiel Kanban) aus der Produktentwicklung machen deutlich, dass Fokus auf wenige oder gar nur ein Thema die Leistung und Geschwindigkeit der Entwicklung enorm steigern kann.

Wenn sich also ein E-Sport-Team punktuell einigen kann, welche Trainingsmaßnahmen zur Weiterentwicklung durchgeführt werden könnten, dann hat es sich bewährt, die Maßnahmen fokussiert zu trainieren, welche die größtmögliche Weiterentwicklung versprechen. Natürlich sollten wir dabei nicht außer Acht lassen, dass auch disruptive Maßnahmen, wie zum Beispiel stetig abwechselnde Trainingsimpulse, einen positiven Effekt haben können.

Zielsetzung

Ziele helfen dabei, den richtigen Kurs einzuhalten. Die richtige Formulierung unserer Ziele ist hierbei elementar bei der Erreichung dieses Ziels. Ein zu großes Ziel kann uns lähmen, ein zu ungenaues Ziel kann uns verwirren und ein unrealistisches Ziel kann uns verzweifeln lassen. Wir sollten unsere Ziele also „smart“ (klug) wählen. So sollten diese **s**mall / specific (klein und konkret), **m**easurable (messbar), **a**chievable (erreichbar), **r**ealistic (realistisch) und **t**estable (überprüfbar) formuliert sein.

Das Gewinnen der nächsten Weltmeisterschaft des Spiels eurer Wahl ist zwar ein schönes Ziel, ist aber ein ziemlich schlechtes im Sinne einer konkreten Zielerreichung. Es ist ziemlich schwer daraus klare Handlungsanweisungen abzuleiten, die wirklich konkret dazu beitragen am Ende auch Erfolg zu haben.

Dienende Führung

Im Gegensatz zu traditioneller Produktentwicklung, in der eine Führungskraft von „oben herab“ Befehle erteilt und somit eine „Command and Control“ Beziehung entsteht, werden Führungskräfte in der agilen Produktentwicklung häufig als „servant leader“, also als dienende Führungspersönlichkeit, verstanden.

Es ist im höchsten Interesse der servant leader, alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die für das Team störend sein könnten. So kümmert er sich um Angelegenheiten, um die sich das Team nicht kümmern sollte, damit eine größtmögliche Fokussierung auf tatsächliche Trainingsergebnisse erreicht werden kann. Dies kann bedeuten, dass neue Headsets besorgt, Differenzen mit dem Management geklärt werden und sich schützend vor das Team gestellt wird. Alles im Sinne des Schutzes der Teammitglieder. Ein Coach kann diese Aufgabe übernehmen, indem er direkt von seinen Spielern herausfindet, was das Team und jeder Einzelne überhaupt benötigt.

Persönliches Coaching

Persönliches Coaching gibt es überall dort, wo Menschen danach streben sich in irgendeinem Thema ihrer Wahl zu verbessern. Sei es der Software-Entwickler aus dem Spotify-Team, sei es CR7, der sich überlegt sein Lauftraining zu verbessern oder aber auch der CS:GO-Spieler, der sein Spielverständnis aufpeppen will. Jeder Mensch kann und sollte sich seine eigenen Gedanken zur persönlichen Weiterentwicklung machen. Hin und wieder und gerade bei einem professionellen Anspruch kann das auch nicht ausreichend sein, denn manchmal ist das Problem an der eigenen Perspektive genau das: Die eigene Perspektive.

Ein persönlicher Coach kann es durch eine zusätzliche Perspektive schaffen, eingefahrene Verhalten zu hinterfragen, Entwicklungspotentiale zu erkennen und so eine Klarheit für den Coachee (Trainierten/Schüler) zu erzeugen, die ohne die Betreuung nicht entstehen könnte. Ganz elementar ist hier, dass der Coach mit den richtigen Fragen dem Coachee dabei hilft, sich selbst zu helfen. Und das dauerhaft. Agile Coaches befassen sich meist neben der Einhaltung agiler Prinzipien auch mit persönlichem Coaching.

Team-Coaching

Während sich der agile Coach um individuelle Entwicklung kümmert ist der zweite wesentliche Baustein das Coaching des Teams. Hier hat der Coach Methoden im Repertoire, die das Team zusammenschweißen lassen, die Kommunikation verbessert, oder aber auch das Vertrauen und gegenseitige Erwartungen transparent machen. Die Moderation von Team-Meetings stellt den Coach vor die Herausforderung auf persönlicher Ebene feinfühlig herauszufinden, wie das Team „tickt“ und welche konkreten Maßnahmen für die Zukunft erarbeitet werden können.

Der schwierigste Teil ist hier die Maßnahmen so herauszuarbeiten, dass diese auch vom Team angenommen und umgesetzt werden. Eines ist hierbei ganz wichtig: Aufgaben, die die Team-Mitglieder nicht von sich aus annehmen und erkennen, haben eine geringe Erfolgschance. Das funktioniert in IT-Teams, als auch bei E-Sport-Teams.

Werte

„Last but not least“ ist es die Aufgabe des agile Coaches bestimmte Werte im Team zu leben. Ganz strikt nach der Vorgabe „lead by example“ muss der Coach Werte, die für eine optimale Zusammenarbeit unabdingbar sind, vorleben. Hierzu gehören Werte wie: Respekt, Mut, Offenheit, Selbstverpflichtung und Fokus. Die Liste an Werten kann beliebig und individuell weitergeführt werden. Diese genannten Werte sind aber genau die fünf, die in der Ausbildung zum Agile Coach genannt werden.

Ich finde die Erkenntnis sehr wichtig, dass es keinen Unterschied macht, ob wir uns in einer Produktentwicklung, im Familienverbund oder im E-Sport-Team befinden. Das Einhalten der richtigen Werte trägt ganz wesentlich zum Erfolg eines jeden Vorhabens bei. Sie definieren den Rahmen, in dem Leistungen florieren können, wachsen können, entstehen können.

Zusammenfassung

Abschließend möchte ich meine Einschätzung zur Anwendung der genannten Bereiche eines Agile Coaches aus der IT innerhalb des E-Sports bringen. Das aktuelle und weit verbreitete Verständnis eines E-Sport-Coaches ist es, dass der Coach fundierte Erfahrungen im Gameplay seiner Ausrichtung beherrscht. Das ist natürlich ein nicht zu vernachlässigender Faktor. Ein Coach mit einschlägiger Erfahrung, sei es in LOL, CS:GO, Overwatch oder anderen Spielen, hat einen Vorteil gegenüber Coaches ohne Erfahrung in der Pro-Szene.

Ich weise darauf hin, dass Coaching jedoch so viel mehr ist, als „nur“ das Wissen über ein Spiel. Es steckt viel Methodik dahinter, viel Empathie und viel Verständnis, wie wir Menschen denken. Es ist eine Wissenschaft für sich, mit Menschen gemeinsam an Ihrer Weiterentwicklung zu arbeiten, denn die menschliche Psyche hat einen wesentlich Einfluss darauf, ob und wie sich die Spieler verhalten.

Genau diese Dinge machen einen guten Coach aus.

Was macht einen guten E-Sports Coach aus?

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