Geschichte wiederholt sich. Mit diesen Worten lässt sich das Finale der League of Legends Weltmeisterschaft am heutigen Sonntag gut beschreiben. G2 Esports, von vielen Experten und Fans als Mitfavorit auf den Titel gehandelt, stand im Finale dem First Seed aus der chinesischen LPL, FunPlus Phoenix, gegenüber. Von dem großen Traum des Weltmeistertitels musste man sich allerdings schnell und schmerzlich verabschieden.

Im Halbfinale bewiesen beide Teams bereits, dass sie an die internationale Spitze gehören. Während sich das europäische G2 mit 3:1 gegen den dreimaligen Weltmeister SK Telecom T1 aus Korea durchsetze, kegelte FunPlus Phoenix (FPX) den zuvor amtierenden Weltmeister Invictus Gaming aus dem Turnier, der ebenfalls in China beheimatet ist.

Hype in Paris und Berlin

Im Vorfeld des großen Best of 5 Finals in der Pariser AccorHotels Arena war der Zuspruch der Fans ganz klar auf Seiten der Europäer von G2, die mit den Austragungsorten der diesjährigen League of Legends World Championship in Deutschland, Spanien und Frankreich quasi ein Heimspiel hatten. Sowohl in der Arena selbst, als auch in diversen Streams sowie dem großen The Main 2 Public Viewing von Summoner’s Inn in Berlin jubelten die allermeisten für ‚Perkz‘, ‚Caps‘ und Co.

Auch das Interesse der weltweiten eSport Gemeinschaft kannte kaum Grenzen. Im englischsprachigen Haupt-Stream von Riot Games selbst verfolgten über 600.000 Zuschauer zeitgleich das Endspiel, der deutsche Stream von Summoner’s Inn stellte den eigenen Rekord um Längen ein und freute sich erstmals über einen sechsstelligen Betrag gleichzeitiger Zuschauer. Über ganz Twitch.tv verfolgten zeitweilig über 1,8 Millionen Menschen das Finale, plattformübergreifend dürften es wieder mindestens vier Millionen Menschen gewesen sein, die das reichweitenstärkste eSport Event des Jahres (China ausgenommen) zeitgleich verfolgten. Abschließende Zahlen stehen allerdings noch aus.

G2 kann keine Spitzenleistung abrufen

Im Spiel selbst lief es dann aber alles andere als rosig. Trotz solider Pick&Ban Phasen, auf die das Team von G2 Esports offensichtlich durch Analysten und letztlich Coach ‚Grabbz‘ gut vorbereitet war, gelang es in den einzelnen Duellen selten, die Kontrolle über das Geschehen an sich zu reißen. Zu oft sah man das Gesicht von G2, welches für einige Niederlagen im bisherigen Turnierverlauf verantwortlich war.

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G2 verabschiedet sich wie Fnatic 2018 als Vize-Weltmeister. Quelle: Riot Games

Im ersten Spiel fand G2 keine Antwort darauf, dass sich FPX vollständig darauf konzentrierte, ‚Wunder‘ auf Ryze aus dem Spiel zu nehmen und immer wieder mit drei bis vier Spielern regelrecht zu überfallen. Auch im zweiten Duell stimme die Abstimmung nicht, einzelne Spieler ließen sich in vermeintlich sicheren Situationen abholen und produzierten unnötige Unterzahlsituationen. Auch ‚Mikyx‘ traf des Öfteren fragwürdige Entscheidungen, die das gesamte Team in schwierige Ausgangslagen brachte.

Nach einer technisch bedingten Pause im mittleren Spielverlauf des zweiten Duells brach das Konstrukt und die Strategie von G2 vollständig auseinander, ein katastrophaler Teamfight und verzweifelte Kampfversuche sorgten für eine regelrechte Fiesta, 4:20 Kills und ein schnelles Ende nach gerade einmal 25 Spielminuten.

Aber es war nicht nur die fehlende Leistung von G2s Einzelspielern und Teamleistung, die die Europäer schnell mit dem Rücken zur Wand stehen ließ. Insbesondere Star-ADC ‚Lwx‘ und Jugler ‚Tian‘ riefen in jedem einzelnen Duell absolute Weltklasse Leistungen ab und spielten die Wege zum Sieg für FPX nahezu immer fehlerfrei aus.

Im letzten Spiel hieß es für G2 Esports noch einmal aufbäumen und sich nicht kampflos geschlagen geben, die Hoffnungen der ganzen europäischen eSport Szene und die Chance auf den ersten Worlds Titel seit 2011 am Leben halten. Doch trotz eines hoffnungsvollen Spielbeginns, in dem G2 zwar in Rückstand geriet, aber keine allzu großen Fehler machte und sich schließlich sogar zum ersten Mal am Finaltag das First Blood sichern konnte, schaffte man es nicht die überlegene Teamkomposition auszuspielen. Abermals war es ein fast nicht umkämpfter Baron für FPX und ein anschließend desaströser Kampf, der auch die dritte Niederlage einläutete.

Phoenix (ft. Cailin Russo and Chrissy Costanza)

Geschichte wiederholt sich

Vor allem europäische League of Legends Fans, die die Szene seit mindestens einem kompletten Jahr verfolgen, werden schmerzliche Erinnerungen wiedererweckt bekommen haben. Denn wie bereits 2018 muss sich Europa im Finale der Worlds China mit einem klaren 0:3 geschlagen geben. 2018 hieß das Duell Fnatic gegen Invictus Gaming, 2019 G2 Esports gegen FunPlus Phoenix.

Eine echte Chance auf den Titel zeichnete sich in keiner der beiden entscheidenden Best of 5 Serien im Finale für die europäischen Vertreter ab. Trotz aller Euphorie, Unterstützung und großem Optimismus reicht es somit abermals nur für Platz 2. Dennoch muss man auch die Leistung des neuen Weltmeisters FunPlus Phoenix hervorheben, die trotz ihres First Seed Status von vielen noch während der Weltmeisterschaft unterschätzt wurden.

Insbesondere in der K.O.-Phase zeigte das Team beachtliche Spiele und ein kreatives Spiel, welches auf selbst auf internationalem Top-Niveau momentan seinesgleichen sucht. Am Ende nahmen die Chinesen den diesjährigen Worlds Song „Phoenix“, in dem es heißt: „Fly Phoenix, fly!“ etwas zu wörtlich und widmeten sich das Stück quasi nachträglich selbst.

Europa muss sich nicht verstecken

Dennoch muss man an dieser Stelle auch der Leistung der Teams und der gesamten europäischen League of Legends Szene ein großes Kompliment aussprechen. Zwei Jahre in Folge schaffte es ein Team bis ins Finale der Weltmeisterschaft, alle drei Teilnehmer aus Europa überstanden 2019 die teils äußerst schwierige Gruppenphase. Deutlich favorisierte Gegner wurde auf Augenhöhe begegnet und teils sogar die Butter vom sprichwörtlichen Brot genommen.

Die gesamte soeben geschilderte Entwicklung dürfte nicht nur dem League of Legends eSport in Europa ein ganzes Stück weiterhelfen. Die Aufmerksamkeit, die insbesondere durch die Finalteilnahmen und immer weiter wachsenden Zuschauerzahlen erzeugt wird, kann ab einer gewissen Größenordnung einfach nicht mehr ignoriert werden und wird Genre-übergreifend für dauerhaften Fortschritt der eSports in Europa sorgen.

Herzlichen Glückwunsch und großen Respekt an dieser Stelle für alle Teilnehmer, die auch die Worlds 2019 zu einem unvergesslichen Event gemacht haben!

Das Finale in der Wiederholung

Wer das Endspiel in der ausverkauften AccorHotels Arena vor über 20.000 begeisterten Zuschauern bislang nicht verfolgen konnte, kann sich in aller Ruhe die vollständige Wiederholung mit allen Höhen und Tiefen zu Gemüte führen.

Über League of Legends

LoL – DAS MOBA neben Dota 2. Weltweit kämpfen Millionen von Spielern in League of Legends täglich darum besser zu werden und in den Ranglisten ganz nach oben zu kommen. Der Titel des Entwicklers Riot Games ist seit Jahren fester Bestandteil der globalen eSport Szene. Ligen wie die LEC und LCS oder die jährlich ausgetragene World Championship bieten enorme Preisgelder und werden unter höchst professionellen Bedingungen veranstaltet.

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