Wir freuen uns, euch heute einen Gastbeitrag von unserem geschätzten Kollegen und E-Sport-Spezialisten Timo Schöber präsentieren zu können. In seinem Artikel geht er auf die aktuelle Situation des E-Sports in Deutschland ein und wie sich diese in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Es geht um die Anerkennung des E-Sports, um Förderung und das (Nicht-)Einhalten von politischen Versprechen. Zum Abschluss richtet Timo seinen Blick nach vorne und lässt uns an seinen Gedanken über die Zukunft des E-Sports teilhaben. Viel Spaß bei der Lektüre.

Disclaimer: Nicht alle abgebildeten Meinungen dieses Artikels müssen zwangsläufig mit denen der Redaktion und/oder Plattform Gaming-Gounds.de übereinstimmen.

Recap: Quo vadis, Sportdiskussion?

Die Sportdiskussion zum E-Sport wird in Deutschland seit nunmehr zehn Jahren intensiv geführt. Durch die Autonomie des Sports ist dies hierzulande häufig komplizierter und langatmiger als in vielen anderen Ländern. Da sich die aktuelle Legislaturperiode auf Bundesebene dem Ende nähert, ist es für mich an der Zeit für einen kurzen Recap der vergangenen vier Jahre.

Die Ausgangslage

Vor ein paar Tagen habe ich mit einigem Entsetzen festgestellt, dass der Gastbeitrag „Das muss passieren, damit e-Sports offiziell zum ‚echten Sport‘ wird“, erschienen bei den Kollegen von mein-mmo.de, bereits über 1,5 Jahre alt ist. Entsetzen, weil seither wenig in Richtung Anerkennung des E-Sports geschehen ist.

Über die Details, weshalb die Sportdebatte in Deutschland so schwierig ist, wie es mit Definitionen aussieht und was E-Sport und Sport eigentlich sind, werde ich an dieser Stelle nicht vertiefend eingehen, dass sich diese Inhalte – bedauerlicherweise in einer aktuellen Form – immer noch im obigen Gastbeitrag finden lassen. Hinsichtlich der Definitionsfragen verweise ich auf meinen Beitrag bei PAIDA: „Definitionen und Diskussion: Sport, Gaming und E-Sport“.

Vielmehr möchte ich mit diesem Gastbeitrag den Blick schweifen lassen: Was ist seither passiert und wo stehen wir?

Das Positive

Während die Anerkennung als Sport, oder zumindest die Gemeinnützigkeit des E-Sports bisher ausgeblieben sind, gab es in den vergangenen 1,5 Jahren dennoch einige erfreuliche Entwicklungen, die wieder Schwung in die Sache bringen könnten:

• Etablierung einer ESBD-Trainerausbildung, künftig sogar mit C-Trainerlizenz
• Schaffung von Visa-Erleichterungen für E-Sportler
• Annäherung an das dreistufige Verbandssystem des traditionellen Sports durch Gründung von Landesverbänden in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen
• Vermehrte Implementierung von E-Sport-Strukturen in traditionellen Sportvereinen
• Wachsende Breitensportlandschaft im E-Sport
• Schaffung einer Vernetzungsplattform für Breiten-E-Sportler: Der Discord-Server „END“ mit rund 250 Vertretern aus Breitensportorganisationen

Es bewegt sich also durchaus etwas. Allerdings sehr langsam, selbst für deutsche Verhältnisse.

Das Negative

Kurz und knapp lassen sich die vergangenen vier Jahre, also die Zeit der letzten (noch aktuellen) Legislaturperiode sowie seit der Gründung des ESBD, wie folgt zusammenfassen: Keine Anerkennung des E-Sports als Sport, keine Gemeinnützigkeit für den E-Sport.

Das klingt nicht nur ernüchternd, sondern ist es auch. Zumal der ESBD ab 2017 sehr „selbstbewusst“, um es mal positiv zu formulieren, aufgetreten ist und die Bundesregierung im Koalitionsvertrag sogar davon gesprochen hat, E-Sport mit einer olympischen Perspektive anerkennen zu wollen. Dass das aufgrund der Autonomie des Sports in Deutschland nicht eben einfach ist, dürfte allen Beteiligten bekannt gewesen sein.

Auch andere Störsignale, etwa die seltsame Darstellung der Finanzen des ESBD auf der vergangenen Jahreshauptversammlung, haben nicht gerade dazu beigetragen, dass E-Sport von vielen ernst genommen wird.

Das Bedenkliche

Im vergangenen Jahr wurde dann die European Esports Federation (EEF) gegründet, die sich selbst als Dachverband des europäischen E-Sports versteht (Anmerkung: E-Sport-Gigant Frankreich ist kein Mitglied), seit nunmehr über einem Jahr aber wenig bis gar nichts mehr von sich hören lässt. Das mag in anderen Ländern gegebenenfalls weniger schlimm sein, in Deutschland werden mit solchen „Luftschlössern“ aber fatale Signale gesendet. Signale der Überzeichnung und der Überhöhung etwa (mehr dazu hier). Es mutet meiner Meinung nach schon seltsam an, was dort alles passiert ist: Gründung im EU-Parlament in Brüssel, großspurige Pressemitteilungen, fragwürdige Präsidiumswahl, plötzlicher Rücktritt des Präsidenten – und dann, um es lyrisch zu formulieren: „Und der Rest war Schweigen“.

Es bleibt zu hoffen, dass die EEF das Ruder rumreißen und den angerichteten Schaden wird beheben können – auch in Deutschland.

Der Ausblick

Mein persönlicher Eindruck ist, dass sich in der Sportdebatte zum E-Sport vieles festgefahren hat. Häufig ging es hier meiner Meinung nach bei vielen auch weniger um die Sache als vielmehr um persönliche Interessen – und damit meine ich nicht nur die E-Sport-Szene, sondern insbesondere den DOSB.

Große Hoffnung hege ich, weil der ESBD ein neues Präsidium gewählt hat. Das, was man bisher von den „Neuen“ mitbekommen hat, stimmt an vielen (wenn auch nicht allen) Stellen zuversichtlich. Die Crux: Nicht nur der deutsche E-Sport wird sich bewegen müssen, sondern auch der organisierte Sport. Dass das möglich ist, zeigen Landessportbünde, beispielsweise in Nordrhein-Westfalen.

Dennoch glaube ich nicht, dass wir die Anerkennung als Sport, unabhängig des Ergebnisses der anstehenden Bundestagswahl, in den kommenden vier Jahren erreichen werden. Man mag das als Pessimismus auslegen, aber ich würde es eher als nüchternen Realismus bezeichnen. In diesem Fall wäre ich aber tatsächlich froh, mal eines Besseren belehrt zu werden.