Mit Martha is Dead veröffentliche Publisher Wired Productions im Februar 2022 einen ganz besonderen Horror-Trip. Das Spiel vom italienischen Entwickler LKA, welcher sich bereits für The Town of Light verantwortlich zeichnet, nimmt kein Blatt vor den Mund und ist definitiv eine einmalige Grenzerfahrung, die sich mit sehr ernsten Themen befasst. Statt Andeutungen bekommen die Spieler diese in ihrer vollen Brutalität vor Augen geführt – minutiös und schonungslos.

Wir haben den Titel für euch gespielt und präsentieren euch hier unsere Meinung zu diesem gelebten Psychothriller.

Am Anfang steht der Tod

In Martha is Dead verfolgen die Spieler das Schicksal der beiden Zwillingsschwestern Martha und Giulia. Als privilegierte Töchter eines hohen deutschen Soldaten im Jahre 1944 konnten sie den Auswirkungen des schwelenden Zweiten Weltkrieges in einer Villa in Italien bislang einigermaßen unbeschadet entkommen. Doch während das globale Grauen immer näher rückt, streckt der Tod frühzeitig seine eisigen Klauen aus. Martha wird Opfer eines kaltblütigen Verbrechens.

Ihre Schwester findet Marthas Leiche im Wasser des nahe gelegenen Sees. Ihr Tod bringt die Welt der jungen Frau ins Wanken. Gepeinigt von diesem Trauma mischen sich fortan Realität und der Aberglauben um die „Weiße Frau“, die hier im See hausen soll. Ein fürchterliches Familiendrama nimmt seinen Lauf. Wer ist für Marthas Tod verantwortlich?

Aus der Ich-Perspektive erleben die Spiele mehr über das Schicksal der Protagonistin, die das Geschehen zudem rückblendend kommentiert. Martha is Dead wurde in der Unreal Engine 4 entwickelt und präsentiert realistische Grafiken und Charakterdarstellungen. Die originale italienische Sprachausgabe führt gefühlvoll durch die Story. Die Sprache lässt sich allerdings umstellen, so liegt auch eine deutsche Fassung vor.

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Der Tod ist in diesem Psychothriller zum greifen nah.

Den Schmerz fühlen

Während man die Villa und die nähere Umgebung erkundet, geht es darum, Hinweise zu finden, kleinere Rätsel zu lösen und in der Geschichte weiter zu kommen. So baut das Spiel auf viele Elemente des Walking Sim-Genres, hält dabei aber manch ein überraschenden Perspektivwechsel für euch bereit. Die Interaktionen sind weniger fordernd und dienen eher dazu, noch intensiver in die Gefühlswelt der Protagonistin einzutauchen.

Auch wenn es typische Schock-Elemente im Spiel gibt, entfaltet sich vor allem ein psychologischer Horror, während man mehr von der Geschichte erfährt. Als leidenschaftliche Fotografin hat unser Hauptcharakter Zugriff auf eine überraschend komplexe Kamera. Deren Bilder müssen händisch in der Dunkelkammer entwickelt werden. Wie auch die anderen Interaktionen baut sich durch die mechanischen Tätigkeiten ein interessanter Spannungsbogen auf, der einiges an Grusel verspricht, während man sich auf die Spuren eines Geistes begibt.

Besonders intensiv werden im Laufe des Spiels allerdings andere Themen behandelt: Gewalt, Trauma und psychologischer Terror. LKA geizt dabei nicht an Details. So gibt es Szenen, die beim Spielen beinahe schon körperliche Abwehrreaktionen hervorrufen. Dies sorgte sogar dafür, dass das Spiel nur in einer entschärften Version für die PlayStation 5 erschienen ist. Auf allen anderen Plattformen kann man die expliziten Szenen freiwillig abmildern lassen oder zumindest ihre Interaktion deaktivieren. Hier gibt es wirklich Dinge, die man so noch in keinem anderen Spiel gesehen hat.

Martha is Dead Trailer:

Fazit

Mit Martha is Dead will LKA ein Statement setzen und auf sensible Themen aufmerksam machen. Das ist den Entwicklern mehr als gelungen. Kaum hat ein Spiel für solch ein Unbehagen gesorgt und manche ausgeweiteten Szenen würde man gerne deutlich verkürzen – dies aber eher aus Fassungslosigkeit. Wir haben Martha is Dead zusammen mit euch auf Twitch gespielt und mussten dabei manchmal wirklich überlegen, ob wir den Stream so weiterlaufen lassen können.

Doch genau darin liegt vermutlich auch die Stärke des Titels. Es lässt die Spieler tief in die düstere Gedankenwelt der Protagonistin eintauchen, visualisiert das psychische Trauma und den damit einhergehenden Horror. Die Umsetzung ist durchaus gelungen. Sicherlich gibt es hier und da ein paar Ecken und Kanten, dennoch bekommen die Spieler eine wohl einmalige Erfahrung geboten. Die Story hält zudem einige Überraschungen bereit und bleibt so bis zum Ende interessant.

Es handelt sich dabei aber weniger um ein unterhaltsames Gruselspiel für einen gemütlichen Abend. Man sollte sich für Martha is Dead entscheiden, wenn man bereit ist, sich mit ernsten Themen auseinanderzusetzen und natürlich, wenn man selbst in einer einigermaßen stabilen psychischen Verfassung ist. Nicht umsonst gibt es während des Spiels eine Triggerwarnung.

Die deutsche Lokalisierung ist größtenteils sehr gut gelungen. Während die Protagonistin eine hervorragende Sprachausgabe aufweist, gibt es allerdings Spieler, die sich an der Stimme des Vaters stören. Dieser nuschelt ein wenig vor sich hin. Man könnte den etwas fahrigen Vortrag sicherlich mit dem großen Schock zu erklären versuchen, in dem sich der Charakter befindet. Wer sich allerdings daran stört, der sollte das Spiel auch mal in der originalen italienischen Fassung mit Untertitel ausprobieren. Das wirkt ungemein authentisch.

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Auf den Spuren der Weißen Frau besuchen wir manch einen düsteren Ort.

Visuelle Umsetzung und die musikalische Untermalung inklusive einem sehr stimmigen Titelsong können überzeugen. Grundsätzlich ist das Spiel allerdings trotz seines Missionssystems relativ linear. Die Rätsel sind sehr dünn gesät und die Interaktion findet hauptsächlich zur Steigerung der Immersion statt, erfordert manchmal auch etwas Gefriemel – vor allem, wenn es um die Bedienung der Kamera geht. Deren ungewöhnliche Umsetzung ist aber eher positiv zu erwähnen, da hier eine relativ realistische Simulation gelungen ist.

Martha is Dead schmeckt nicht jedem und ist sicherlich nicht der typische AAA-Titel. Wer sich aber auf eine entsprechende Grenzerfahrung einlassen möchte, der bekommt hier die Möglichkeit dazu. Den Mut der Entwickler, solche Themen anzugehen, loben wir ausdrücklich. Die plakative Darstellung wirkt teilweise allerdings mehr als verstörend. So müssen die Spieler manchmal in einer Weise aktiv werden, gegen die man sich eigentlich eher sträubt. Dies lässt einen das Leid zwar gut miterleben, ist aber auch unangenehm.

Die Entwickler tricksen ein wenig bei der Umsetzung und zeigen wenig der vorkommenden Charaktere. Viele Szenen werden durch Stimmen erlebt. So lauscht man beispielsweise an der Tür oder bekommt Handlungsstränge erzählt. Dies regt zwar die Fantasie an, manchmal hat man allerdings das Gefühl, wes würde etwas fehlen. Einige Elemente sind ebenfalls mehr Beiwerk – wie beispielsweise das Fahrrad. Auch technisch gibt es einen kleinen Abzug, so ruckelte das Spiel auf der Xbox Series X in 4K ziemlich – dies ließ sich erst durch die Reduzierung auf Full HD beheben.

Die Spieldauer ist mit rund 6 Stunden nicht sehr lang, da nach Abschluss der Story auch der Wiederspielfaktor eher gering ist. Dennoch bekommt man für die empfohlenen 29,99 Euro eine Geschichte präsentiert, die hängen bleibt.

Wertung

Pro
mutiges Thema
interessante Story
Kontra
etwas kurze Spieldauer
sehr einfache Erzählart
wenig Gameplay-Elemente
Performance
3.6