Timo Schöber hat sich in einem weiteren Beitrag auf Gaming-Grounds.de zu den grausamen Ereignissen in Halle am 9. Oktober 2019 geäußert. In der Kolumne spricht er sich selbst aus der Seele und legt seine Meinung zu den Geschehnissen rund um den verübten Doppelmord eines antisemitischen und rechtsextremen Täters ausführlich dar. Dabei spielt insbesondere der Umgang der Politik mit der Situation eine entscheidende Rolle.  Als Consultant veröffentlichte er bereits mehrere Publikationen zum Thema eSports und ist derzeit weiterhin als Head of Esportionary.net sowie Pressesprecher des eSports Nord e.V. aktiv. Zu seinen Veröffentlichungen zählt auch das Buch „Bildschirm-Athleten: Das Phänomen e-Sports“. Im heutigen Artikel nimmt er sich umfassend dem Thema „Chancen, Nutzen und Risiken von Verbänden im e-Sports“ an. Viel Spaß beim Lesen!


Disclaimer: Der gesamte Beitrag bildet zu 100 Prozent die persönlichen Meinungen und Ansichten von Gastautor Timo Schöber ab und muss nicht zwingend mit der Position der gesamten Gaming-Grounds.de Redaktion übereinstimmen.


Oktober 2019, Halle. Ein rechtsextremer Terrorist verübt einen grausamen Anschlag, bei dem zwei Menschen sterben. Es hätte noch weit schlimmer kommen können, denn ursprünglich wollte der Täter in eine Synagoge eindringen, um die dortigen Menschen zu töten. Über fünfzig jüdische Mitbürger hatten sich dort versammelt, um das höchste jüdische Fest, das Jom Kippur zu begehen.

Ursachensuche

Der Täter galt schon lange als bekannter Rechtsradikaler mit Gewaltpotenzial. Entsprechend seiner perfiden Ideologie war es sein Ziel, möglichst viele Menschen zu töten, die nicht in sein boshaftes Weltbild passen. Konkret: Juden und Ausländer.

Wir verzeichnen in Deutschland inzwischen alarmierende Zahlen. Laut dem aktuellen Verfassungsschutzbericht leben in Deutschland über 24.000 Rechtsextreme, knapp 13.000 von ihnen gelten als gewaltbereit. Insgesamt verzeichneten die Strafverfolgungsbehörden über 24.000 rechts motivierte Straftaten, etwas weniger als 1.200 davon waren Gewalttaten.

Das wäre für jedes Land schlimm genug, aber gerade wir, als Deutsche, haben gegenüber unseren jüdischen Freunden eine besondere Verantwortung. Wir sind schon alleine aufgrund unserer Historie dazu verpflichtet das Judentum, seine Traditionen und die Gläubigen mit all unserer Kraft zu schützen. Einerseits aufgrund der Schrecken des Holocausts, andererseits aber auch deshalb, weil das Judentum zusammen mit dem Christentum seit jeher in Deutschland verankert ist.

Nicht erst seit der Flüchtlingskrise 2015 finden sich in Deutschland vermehrt rechtsextreme, rechtspopulistische oder anderweitig rechte Meinungsbilder, die fernab des demokratischen Spektrums liegen. Die Alternative für Deutschland (AfD), die meiner persönlichen Meinung nach in weiten Teilen ganz klar rechtsextrem und verfassungsfeindlich ist, hat diese rechten Überzeugungen für viele Ewiggestrige wieder salonfähig gemacht. Reaktionäre und längst überwunden geglaubte Ideologien, politische Strömungen und Verschwörungsideen haben sich wieder den Weg in die Mitte unserer Gesellschaft gebahnt. Denn rechtsextremes Gedankengut – und sei es nur tendenziell vorhanden – findet sich mittlerweile nicht nur am rechten Rand, sondern in allen gesellschaftlichen Schichten. Selbst gut bürgerliche Menschen wählen die AfD, entweder, weil sie deren Meinung teilweise oder komplett teilen oder aber, weil sie dem Irrglauben unterliegen, die Flügel der AfD seien separierbar.

Täter wie der in Halle sehen diese Entwicklungen. Sie glauben, es sei der Volkswille („Wir sind das Volk“, laut AfD), bestimmte Menschen zu jagen (vgl. Gauland). Das war zwar nicht auf Juden gemünzt, aber auf den politischen Gegner. Diese Art der Rhetorik lässt ohnehin schon weit rechts Stehende zu der Überzeugung gelangen, ihre Haltung und ihre Meinung sei in Ordnung.

Darüber hinaus haben die Behörden in der Vergangenheit viel zu wenig gegen Rechtsextremismus getan. Das gilt auch für die Politik. Im Fokus standen primär der Islamismus und der Linksextremismus. Auch beides grundlegend falsche Ideologien, aber man kann und darf durch diese nicht den Rechtsextremismus aus dem Blick verlieren. Ich möchte an dieser Stelle an die Verbrechen des NSU erinnern, die von Seiten der Polizei lange nicht als rechtsextreme Straftaten gegolten haben. Vielmehr ist man vorurteilsbeladen davon ausgegangen, dass es sich um Verbrechen der organisierten Kriminalität handeln müsse.

Das sind die Ursachen für Halle: Politische Scharfmacher und die Menschen, die ihnen folgen sowie ein massives Versagen von Seiten der Behörden und der Politik.

Gaming als Sündenbock

Wir kennen das spätestens seit dem Amoklauf von Erfurt im Jahre 2002. Politiker versuchen persönliche oder systemseitige Fehler auf die Gaming-Szene abzuwälzen, wenn es zu Verbrechen kommt.

Für mein Buch Bildschirm-Athleten hatte ich mir Anfang 2018 die Amokläufe angeschaut, die es seit dem Erscheinen von Counter-Strike im Jahre 1999 in Deutschland gegeben hatte. Für den entsprechenden Zeitraum (1999 – 2018) waren dies zwölf solcher Ereignisse. Bei fünf Tätern wurden Shooter-Spiele zuhause gefunden, bei den anderen nicht. Das macht schon deutlich, dass kein direkter Zusammenhang zwischen Shootern und Amokläufen bestehen kann. Ferner waren vier dieser fünf Personen psychologisch vorbelastet. Gleichzeitig spielen in Deutschland Millionen Menschen Shooter ohne Amok zu laufen. Ich glaube, dass deutlich wird, wie lächerlich und unzutreffend die Annahme ist, dass Shooter-Spieler zu Amokläufern mutieren würden.

Nun hat Innenminister Horst Seehofer nach dem Amoklauf von Halle gesagt, er wolle die Gamer-Szene stärker in den Blick nehmen. Der Attentäter hatte seine Tat mittels Kamera aufgenommen, ähnlich dem Täter in Christchurch (Neuseeland) im März 2019.

Als Konsequenz dessen ist Herr Seehofer der Meinung, dass die Aufnahmen an einen Shootern erinnern würden. Deshalb sei die Gamer-Szene im Blick zu behalten, zumal Shooter Gewalt fördern würden – was wissenschaftlich im Übrigen längst widerlegt ist.

Appell

Ich kann verstehen, dass Politiker in einer solchen Situation unter Druck stehen. Was ich nicht verstehen kann, ist, dass Politiker immer und immer wieder nach Schuldigen suchen, die es nicht sind, anstatt sich um die eigentlichen Probleme zu kümmern.

Wir leben in einem Land, dass sozial und gesellschaftlich immer weiter auseinanderdriftet. Die Extreme wachsen, auch politisch. Auf der äußerst rechten Seite ist die AfD mittlerweile eine große Partei. Gleichzeitig wird die Mitte der Gesellschaft immer kleiner. Volksparteien verlieren an Boden. Menschen finden sich vermehrt in wirtschaftlich unsicheren Situationen wieder. Zehn Millionen Deutsche sind entweder arbeitslos, arbeiten für den Mindestlohn oder befinden sich in prekärer Beschäftigung. Gleichzeitig steigen die Mieten im ganzen Land, ebenso wie die Lohnnebenkosten. Darüber hinaus radikalisieren sich immer mehr Menschen und glauben gleichzeitig, dass dies in Ordnung sei.

Daher lautet mein Appell an die Politik: Hören Sie auf immer wieder im Gaming einen Sündenbock für ihr eigenes Versagen zu suchen. Gehen Sie lieber die echten Probleme an. Sorgen Sie dafür, dass rechte Hetzer wie die AfD an Boden verlieren und nicht gewinnen. Kümmern Sie sich darum, dass dieses Land für jeden, egal welcher Herkunft, sicher und voller Chancen ist. Und vor allem: Schützen Sie unsere jüdischen Mitbürger. Es kann nicht sein, dass ein Gotteshaus in dieser politischen Gemengelage am höchsten jüdischen Feiertag quasi unbewacht gewesen ist.

Machen Sie endlich wofür Sie gewählt worden sind – und senken Sie Ihren Zeigefinger.

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