Timo Schöber widmet sich der Politikspirale, in der die e-Sports in Deutschland stecken. Er spricht in diesem Kontext von einem Systemfehler. Als Consultant veröffentlichte er bereits mehrere Publikationen zum Thema eSports und ist derzeit weiterhin als Head of Esportionary.net sowie Pressesprecher des eSports Nord e.V. aktiv. Zu seinen Veröffentlichungen zählt auch das Buch „Bildschirm-Athleten: Das Phänomen e-Sports“. Viel Spaß beim Lesen!


Die Freude war groß, als 2018 die Koalition aus CDU, CSU und SPD den e-Sports ganz offiziell mit in den Koalitionsvertrag aufgenommen hatte. e-Sports solle anerkannt und gefördert werden, gar mit einer olympischen Perspektive.

e-Sports auf Bundesebene

Bereits ein Jahr später erfolgte Ernüchterung angesichts eines offen ausgesprochenen Wortbruchs:

„In der heutigen Anhörung des Sportausschusses sind die Dynamiken und Entwicklungen des eSports in Deutschland deutlich geworden. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass eSport bis auf wenige Ausnahmen nicht den Ansprüchen einer Sportart genügt.“
– Detlev Pilger, sportpolitische Sprecher der SPD-Fraktion

Man hatte damals fast den Eindruck, als hätte der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hier gute Lobbyarbeit geleistet, schließlich hätte man mit geschlossenen Augen auch glauben können, dass dort ein Vertreter des Verbandes spricht – und nicht der Sportverantwortliche der Sozialdemokraten.

Es gibt aber auch andere Stimmen. Gerade Dorothee Bär (CSU), die Staatsministerin für Digitalisierung, äußerte sich bisher durchweg positiv zum Thema e-Sports, unter anderem mit einem in der Szene berühmten Tweet:

„eSport ist Sport. So einfach ist das“

Wie bei so vielen Themen der Großen Koalition wurde der Wähler mit einem „Was nun?“ zurückgelassen. Dieses Spielchen setzt sich bis heute fort.

Auf der gamescom 2019 äußerten sich viele Politiker dem Thema e-Sports gegenüber sehr zugewandt, darunter beispielsweise Paul Ziemiak (CDU), Lars Klingbeil (SPD), Linda Teuteberg (FDP) und Michael Kellner (Grüne).

Die Reaktion des DOSB ließ nicht lange auf sich warten. Prompt wurde ein Rechtsgutachten präsentiert, das der Verband in Auftrag gegeben hatte. Wie das bei Gutachten so ist, die jemand in Auftrag gibt, wurden auf die eigene Meinung maßgeschneiderte Ergebnisse präsentiert.

Infolge des Gutachtens ruderten Politiker fast aller Parteien wieder zurück. In Deutschland gäbe es eine klare Trennung von Sport und Politik, in die man sich nicht einmischen wolle. Wieder konnte man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass der DOSB hinter den Kulissen fleißig Strippen gezogen hatte.

e-Sports auf Länderebene

In der jüngeren Vergangenheit galt Schleswig-Holstein, das nördlichste Bundesland Deutschlands, in Sachen e-Sports als Vorreiter.

Die Pläne waren groß: Es sollte eine Akademie an der Fachhochschule Westküste etabliert werden, die Schaffung eines Landeszentrums in Kiel war geplant, e-Sports Vereinsheime sollten entstehen, ebenso wie entsprechende Räumlichkeiten bei klassischen Sportvereinen. Insgesamt hatte man Fördergeld in Höhe von 500.000 Euro in Aussicht gestellt.

Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) hatte sich selbst für den e-Sports ausgesprochen, trat gar mit einem e-Sports-T-Shirt beim Wacken Open Air im Full Metal Gaming Bereich vor die Zuhörer.

Dann die Kehrtwende: Beim Verbandstag des Landessportverbandes (LSV) folgte vor gut einem Monat die Drehung um 180 Grad. Nun teile er die Meinung von DOSB und LSV und unterteile e-Sports und eGaming, Ersteres seien Sportsimulationen, Letzteres alles andere. Dass diese Unterteilung unsinnig ist, wurde bereits vielerorts dargestellt. Entscheidend ist, wo Herr Günther seine Kehrtwende verkündet hat: Beim LSV. Das riecht doch wieder sehr stark nach Lobbyarbeit.

Infolge dieses Wortbruchs befindet sich seither die e-Sports Szene im Land zwischen den Meeren in einer Zwischenwelt: Kommt die Förderung? Wenn ja, wann? Viele Planungen und Ideen, die sich über Monate entwickelt hatten und in die viel Arbeit und Zeit gesteckt worden sind, scheinen nun obsolet geworden zu sein – wobei niemand so richtig weiß, woran er gerade ist.

Nach mir vorliegenden Informationen hat das Innenministerium auf Nachfrage von Journalisten herausgegeben, dass lediglich Anträge für die Förderung mit einem Fokus auf Sportsimulationen bei ihnen eingegangen seien. Ob diese Informationen richtig sind oder nicht, kann ich nicht verifizieren. Ich kann allerdings sagen, dass ich aus eigener Erfahrung weiß, dass mindestens zwei Anträge gestellt worden sind, die sich auf den kompletten e-Sports und eben nicht nur auf Sportsimulationen beziehen. Mein Eindruck: Das Innenministerium übernimmt die neue Meinung von Herrn Günther.

Der Systemfehler

Man könnte jetzt grundsätzliche und über den e-Sports hinausgehende Debatten führen, die einen Systemfehler in unserer Demokratie behandeln. Es gibt keine rechtliche oder irgendwie anders geartete Bindung an Wahlversprechen, Aussagen von Politikern oder gar Koalitionsverträge.

Das bedeutet einerseits, dass die eigene Wahlentscheidung gar nicht fundiert getroffen werden kann, weil nicht zwischen „festen“ und „verhandelbaren“ Wahlversprechen und Aussagen in Programmen unterschieden wird, andererseits hängen in Folge dieser Inkonsequenz viele Menschen, Vereine und Projekte in der Luft. Projekte, die über Monate hinweg geplant und ausgearbeitet worden sind.

Ich persönlich finde dieses Verhalten äußerst respektlos gegenüber den vielen ehrenamtlich Engagierten, die ihre Freizeit nutzen, um das Thema e-Sports voranzubringen. Im Grunde kann aber festgehalten werden, dass die Aussagen vieler (nicht aller!) Politiker quasi wertlos sind und man sich nicht auf sie verlassen kann. Das ist gerade für mich, der selbst über sechs Jahre Mitglied einer Partei gewesen ist, äußerst ernüchternd und enttäuschend – und es schadet massiv dieser großartigen Errungenschaft, die wir Demokratie nennen.

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