Liebe Rainbow Six Siege Spieler und Fans der E-Sport-Szene, ihr müsst jetzt ganz stark sein. Setzt euch hin, nehmt einen Schluck Kaffee oder Tee und macht euch gefasst. Nach dem Rücktritt von Niclas ‚Pengu‘ Mouritzen vor zwei Wochen beendet auch dessen ärgster Konkurrent seine Karriere: Troy ‚Canadian‘ Jaroslawski. Dies gab der 24-Jährige gemeinsam mit seinem nun ehemaligen Team bei Spacestation Gaming (SSG) bekannt.

Diese recht überraschende Meldung traf am Samstag, dem Tag der Verkündung, Fans der Rainbow Six E-Sport-Szene hart. Nachdem wir diesen März mit ‚Pengu‘ bereits eine Legende an den Ruhestand verloren, folgt nun die Zweite. ‚Canadian‘ beendet seine Karriere als Weltmeister, das Six Invitational 2021 wird er nach der Verschiebung nicht mehr spielen. Gleiches gilt für die 2021 Season der Northamerican League. Letzteres trifft das ehemalige Team des Kanadiers härter als gedacht. Troy Jaroslawski gab seinen Kameraden bei Spacestation Gaming nicht rechtzeitig Bescheid, dass sein Wille Rainbow Six professionell zu spielen komplett erloschen sei.

Spacestation Gaming steht nun mit dem Rücken zur Wand. Das Transferfenster ist geschlossen und selbst Free Agents, also vertragslose Spieler ohne Team, dürfen nicht verpflichtet werden. Es ist der Organisation nicht gestattet einen Ersatz einzustellen. Eine interne Lösung muss her. Der bisherige Analyst Luke ‚Luke‘ Slota wird einspringen. Jene Rolle übte er schon bei dem DarkZero Esports x NerdStreetGamers Pro-Am am vergangenen Wochenende überraschend zufriedenstellend aus. Glücklicherweise ist ‚Luke‘ selbst ein recht talentierter Spieler und verbringt seine Freizeit des Öfteren in Ranked-Sessions mit Spacestation Gamings Stammspielern Nathanial ‚Rampy‘ Duvall, Dylan ‚Bosco‘ Bosco und Alec ‚Fultz‘ Fultz.

SSG-Coach Lycan twittert, dass ‚Canadian‘ aufgrund von Covid-Regeln bezüglich dem Verschieben von Flügen nicht am Pro-Am teilnehmen werde:

Karriereende kam unerwartet, SSG ist unvorbereitet

Das Karriereende des Fanlieblings kam unerwartet. Noch am fünften März verkündete SSG-Coach Justin ‚Lycan‘ Woods via Twitter, dass ‚Luke‘ bei dem Pro-Am spielen werde, weil Canadian aufgrund der Covid-Regeln nicht in der Lage gewesen sei, seine Flüge nach Las Vegas (Austragungsort der NAL) so zu verschieben, dass eine Teilnahme am Pro-Am möglich gewesen wäre.

‚Lycan‘ selbst schien lange nicht im Bilde zu sein, dass sein Ingame-Leader (IGL) kein Interesse am Fortführen seiner Karriere habe. Erst im August, so schrieb der Coach am Sonntag in einem TwitLonger, teilte ‚Canadian‘ dem Team mit, dass er zunehmend das Interesse an dem Spiel und dem Beruf als Profi verliere. Anschließend, so wirkte es auf ‚Lycan‘, soll ein gemeinsames Team-Meeting das Feuer des Kanadiers wieder entfacht haben. Woods ging davon aus, dass dieser erst nach dem Six Invitational 2021 zurücktreten würde, da man sich auf ein Ende als Champions einigte.

„Als SI2021 verschoben wurde, stellte ich sicher, dass ich ein Meeting abhielt und das gesamte Team sein Engagement für das kommende Jahr bestätigen ließ, und das taten sie alle. Nach dem Meeting hatten wir noch zwei weitere, bei denen das Thema Engagement jedes Mal zur Sprache kam, und alle versprachen, sich weiterhin zu engagieren, also glaubte ich, dass die Bedenken ausgeräumt waren.“

SSG-Coach Justin ‚Lycan‘ Woods über das Engagement des Teams

Doch dann wurde das Six Invitiational 2021 verschoben und ‚Lycan‘ suchte das Gespräch mit seinen Spielern. Er ging sicher, dass weiterhin jeder das nötige Engagement besitzt, um weiterhin für das Team aktiv zu sein und professionell zu spielen. Jeder, auch Troy ‚Canadian‘ Jaroslawski, bejahte dies.

Anschließend folgte das, was bei dem Karriereende des Kanadiers wie ein Dorn im Auge wirkt. Wenige Tage vor dem Pro-Am, eine Woche vor der NAL und bereits Tage nach dem Ende der Transferphase liefen die Scrims des Teams schlecht. Das Team war frustriert. ‚Lycan‘ machte die schlechte Leistung anhand mehrerer Gründe fest. Einer davon soll auch der gewesen sein, dass die sonst antreibende Energie ‚Canadians‘, welche das Team in der Vergangenheit stets über ihre Möglichkeiten hinaus pushte, nicht mehr ausreicht.

In einem anschließend folgenden Gespräch offenbarte der 24-Jährige seinem Coach dann, dass er fertig sei und nicht mehr die gleiche Leidenschaft und das gleiche Engagement aufbringen könnte, wie er es in der Vergangenheit tat. Das ist ein schwerer Schlag für das Team, da dieses Gespräch laut ‚Lycan‘ erst am 12. März, zwei Tage vor dem erklärenden TwitLonger, stattfand. Das bedeutete, wie zuvor bereits geschildert, dass das Transferfenster bereits vier Tage geschlossen war.

„Die letzte Woche der Scrims vor dem DZ x NSG-Turnier war, um ehrlich zu sein, nicht die beste. Die Energie war sehr niedrig, und die Spieler taten sich in der Offensive schwer, so dass das Team frustriert war. Ich habe das auf viele verschiedene Gründe zurückgeführt, aber ich dachte mir auch, dass Troys Energie nicht ausreicht. Ich hoffte, dass er bei einem Match die gleiche verrückte Energie mitbringen würde, die wir alle lieben, und dass dies seine Begeisterung für das Spiel wieder anfachen würde. Nach den ersten Spielen am Donnerstag merkte ich, dass das nicht der Fall war, und ich wollte mit ihm ein Vieraugengespräch führen und herausfinden, wo er mit dem Team und dem Spiel steht.

Durch diese Diskussion entschied Troy, dass er fertig war und nicht mehr die gleiche Leidenschaft und das gleiche Engagement in das Spiel einbringen konnte. Das alles geschah vor zwei Tagen und zwei Tage nach dem Ende des Transferfensters. Zu diesem Zeitpunkt begannen wir, uns darüber Gedanken zu machen, wie die Regeln für Roster Moves aussehen, denn wie ich bereits getwittert hatte, hatten wir nicht geplant, einen Wechsel vorzunehmen.“

SSG-Coach Lycan über die Situation und das Gespräch, welches zu ‚Canadians‘ Karriereende führte

Auch Spieler anderer Regionen bei SSG willkommen

So ärgerlich und negativ das alles klingt und so schwierig es die Situation für SSG hinterlässt, ‚Lycan‘ betont, dass keiner wütend oder verärgert sei und dass das gesamte Team ‚Canadians‘ Entscheidung respektiere und ihn unterstütze. Niemand wolle, dass er spielt, wenn er es nicht möchte. Außerdem beginne fortan die Suche nach einem Ersatz. Des Weiteren müsse SSG einen temporären Analysten einstellen, da ‚Luke‘ bekanntlich vorübergehend ‚Canadian‘ ersetzt.

Außerdem bekam SSGs Assistenzcoach Zachary ‚Sov‘ Sites einen großen Job, erklärte ‚Lycan‘, weshalb auch er sein zeitliches Engagement zurückschrauben müsse. Spacestation Gaming sucht derzeit also einen temporären Analysten sowie einen Spieler, der die offene Rolle ausfüllt und idealerweise als IGL eingesetzt werden kann.

Unterdessen deutete Dylan ‚Bosco‘ Bosco an, dass er gegebenenfalls die Rolle wechseln würde und zukünftig Hardbreach spielt, damit das Team jemanden findet, der den Verlust sinnvoll ausgleicht. Laut ‚Lycan‘ kämen sogar aus anderen Regionen importierte Spieler infrage, sofern man die Visa-Situation in den Griff bekäme.

„[…] Keiner von uns ist wütend oder verärgert über Troy und wir alle respektieren seine Entscheidung, sich zurückzuziehen, und unterstützen ihn bei allem, was er als nächstes tun möchte. […]

In der Zukunft werden wir mit Luke spielen. […] Er ist mit Abstand der beste Analytiker, der das Spiel spielt, ganz ehrlich. Er hat noch eine Menge Arbeit vor sich, aber er freut sich schon darauf und ich werde ihm dabei helfen. Luke ist eine vorübergehende Vertretung und ich weiß, dass er uns stolz machen wird!

Ich hasse es auch, dass dies eine Randnotiz ist, aber unser Assistant Coach (Sov) hat einen großen Job bekommen (juhu!), also hat er sein zeitliches Engagement für das Team reduziert. […]

Außerdem sind wir jetzt aktiv auf der Suche nach einem Ersatz für das permanente Roster […]. Dieses wird für viele Rollen offen sein. Bosco hat angedeutet, dass es für ihn in Ordnung ist, auf Hardbreach zu wechseln, um jemanden unterzubringen, der für uns Sinn macht. Importe sind auch willkommen, wenn wir die Visa-Situation in den Griff bekommen.“

SSG-Coach ‚Lycan‘ über ‚Canadians‘ Rücktritt, ‚Luke‘ als dessen vorübergehnde Vertretung, den Assistenzcoach ‚Sov‘ und die Suche nach einem permanenten Ersatz für ‚Canadian‘

Die Zeit bei Continuum: Der Aufstieg des ‚Canadians‘

‚Canadian‘ ist jedem Fan des Rainbow Six E-Sports bekannt. Trotzdem gehen wir nochmal grob auf die Highlights seiner Karriere ein, ehe wir abschließend einige persönliche Statements von in Rainbow Six bekannten Persönlichkeiten anfügen, die sich zum Rücktritt geäußert haben. Wir starten noch vor dem ersten Erfolg des Kanadiers. Dieser musste seinen ursprünglichen Sport (Eishockey) aufgeben, da für ihn die Ausübung gesundheitlich nicht mehr möglich war. Seinen sportlichen Ehrgeiz, dem er nicht mehr wie gewohnt nachgehen konnte, investierte er fortan in den völlig neuen kompetitiven Taktikshooter Rainbow Six Siege.

Das erste erwähnenswerte Team des Kanadiers war Team Orbit, für das er 2016 agierte. Die große Reise des heute 24-Jährigen begann im Wesentlichen dort. Mit in dem Team waren sein anschließend langjähriger Weggefährte Austin ‚Yung‘ Trexler und der heutige Caster und Fanliebling Michael ‚KiXSTAr‘ Stockley. Dieser war damals Profi in Rainbow Six Siege, obwohl er lediglich auf einem Ohr hören kann.

Noch im selben Jahr gründete ‚Canadian‘ das organisationslose Team „Continuum“. Dieses wurde unter seiner Leitung zum ersten nordamerikanischen Team, dass ein ProLeague Finale gewann. Außerdem gingen sie in die Geschichte des Rainbow Six E-Sports als das Team ein, welches 2017 das erste Six Invitational gewann.

‚Canadians‘ Fall mit Evil Geniuses

Als im Jahr 2017 die nordamerikanische Organisation Evil Geniuses (EG) das Roster übernahm, stellte dies einen großen Schritt für den Rainbow Six E-Sport dar. Eine Organisation dieses Formates war etwas Besonderes. Umso größer war die Enttäuschung der Fans des Teams, als anschließend die Erfolge ausblieben. Mal um Mal nahm das Line-up an wichtigen Finalspielen teil. Mal um Mal verlor das Team um ‚Canadian‘.

Besonders bitter waren die Niederlagen gegen Penta bzw. später G2 Esports. Von der verspielten 2:0 Führung im Finale des Six Invitationals 2018 – das ‚Canadians‘ erbittertster Konkurrent ‚Pengu‘ durch einen 1v2 Clutch nach spannender Aufholjagd Pentas entschied und das Finale 3:2 gewann – bis hin zu der deutlichen 3:0 Niederlage beim Six Major 2018 in Paris.

Als G2 dann 2019 schwächelte, bot sich für das Team von Evil Geniuses die Chance aus dem eigenen Tief zu kriechen und die ProLeague Finals der neunten Saison in Mailand gegen den Zweitplatzierten des Six Invitationals 2019 zu gewinnen. Der Kontrahent damals: Team Empire. Es folgte die größte Schmach des Kanadiers, der heutzutage für das außerordentlich „unglückliche“ Halten einer Position innerhalb des Finales bekannt ist. Die Situation ist bei Fans des E-Sports nicht nur ikonisch, sondern legendär.

Die Rede ist natürlich davon, wie er mit dem Operator „Vigil“ und dessen Zweitwaffe auf den weißen Treppen der Karte „Oregon“ liegt, stirbt und nachfolgend sein komplettes Team eine sicher geglaubte Runde verliert. Mit dieser Runde gab Evil Geniuses das gesamte Match aus der Hand.

Der erneute Aufstieg mit SSG

Die Leidensfigur ‚Canadian‘, der nach dem Oregon-Match gegen Team Empire eine Menge Spott über sich ergehen lassen musste und dem damals bereits viele „Fans“ einen Rücktritt nahe legten, wechselte 2019 fluchtartig zu Spacestation Gaming. Dort erkämpfte sich der ehrgeizige Sportler nach einem schwierigen Start die Spitze zurück.

Das Team gewann die US-Nationals 2019, die ProLeague Season 11 und das Six Invitational 2020. ‚Canadian‘ war zurück und nach ‚Pengu‘ der zweite Spieler, der das Six Invitational zweifach gewann. Wie die Zukunft von Troy Jaroslaswki aussieht, ist derzeit noch ungewiss. Im Gegensatz zu ‚Pengu‘ baute sich der Kanadier kein zweites Standbein im Streaming auf.

Abschließend schauen wir uns noch einige Stimmen von Akteuren aus der Rainbow Six E-Sport-Szene an, die zu dem Rücktritt von ‚Canadian‘ äußerten:

Glaubt ihr, dass noch mehr Profis zurücktreten werden?
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