Der heutige Dienstag ist ein historischer für die Geschichte des Gamings. Für fast 70 Milliarden US-Dollar will Microsoft Activision Blizzard kaufen und damit etliche weltberühmte Gaming Franchises übernehmen. Diese Meldung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem Activision Blizzard die eigenen Ziele vor lauter Problemen aus den Augen verloren zu haben scheint.

Die Ziele der vielen Studios, die unter Activision Blizzard tätig sind, war es lange Zeit, gute Spiele zu entwickeln. Dies hat in den vergangenen Jahren aber zumeist nicht mehr funktioniert. Ob Call of Duty, World of Warcraft, Diablo oder Warcraft – alle Neuerscheinungen hatten mit immensen Problemen, Bugs, mangelnder Qualität, Serverstabilität und weiteren Dingen zu kämpfen. Die Hoffnung vieler Fans ist nach der Verkündung, dass die 13 übernommenen Studios künftig unter Xbox arbeiten werden, dass dieser Abwärtstrend gestoppt werden kann und künftig wieder Spiele entstehen können, die dem Anspruch der Entwickelnden als auch der Communitys gerecht werden.

Doch bis die Übernahme komplett ist, wird noch einige Zeit ins Land gehen. Microsoft erklärt im Zuge der heutigen Veröffentlichungen, dass der gesamte Deal im Fiscal Year 2023 (FY23) abgeschlossen werden soll. Das Geschäftsjahr 2023 erstreckt sich dabei von Juli 2022 bis in den Juni 2023. Bis dahin wird Activision Blizzard weiterhin komplett unabhängig agieren.

Spannend wird es in der Zeit danach. Denn Phil Spencer, CEO von Microsoft Gaming, betonte im Rahmen der frisch enthüllten Projektpläne, dass im Anschluss an den Kauf so viele Activision Blizzard Spiele wie möglich im Xbox Game Pass als auch PC Game Pass angeboten werden sollen. Vor diesem Hintergrund wollen wir nun beleuchten, welche potenziellen Veränderungen es in den einzelnen Franchises, die bisher bei Activision Blizzard heimisch sind, geben könnte.

Disclaimer: Bei den folgenden Überlegungen handelt es sich um genau solche. Wir spekulieren über unbestätigte Möglichkeiten, die zu diesem Zeitpunkt mehr oder weniger wahrscheinlich erscheinen.

Das nächste Zeitalter

Sobald die Übernahme von Activision Blizzard durch Microsoft abgeschlossen ist, könnte das nächste Zeitalter der gesamten Gaming-Branche anbrechen. Doch der Prozess dorthin, die stetige Entwicklung, hat natürlich schon längst begonnen. Microsofts Siegeszug begann schon vor einigen Jahren und wurde durch einzelne Ereignisse immer wieder besonders deutlich sichtbar. Zu diesen Ereignissen zählt unter anderem der Kauf von Bethesda inklusive aller acht zugehörigen Studios im September 2020.

Aber auch die Entwicklung des Game Pass und das dort stetig wachsende Angebot – auch in Bezug auf Spiele anderer großer Publisher wie EA oder zuletzt Ubisoft, dessen Rainbow Six Extraction zum Launch am 20. Januar im Game Pass verfügbar sein wird – gibt eindeutige Signale.

Der mit Abstand größte Coup in der Firmengeschichte von Microsoft, aber auch in der Geschichte der Gaming-Industrie, ist allerdings logischerweise die Übernahme von Activision Blizzard. Folgende Studios arbeiten künftig zusätzlich unter dem Xbox Dach:

  • Activision Publishing,
  • Blizzard Entertainment,
  • Beenox,
  • Demonware,
  • Digital Legends,
  • High Moon Studios,
  • Infinity Ward,
  • King,
  • Major League Gaming,
  • Radical Entertainment,
  • Raven Software,
  • Sledgehammer Games,
  • Toys for Bob
  • Treyarch

Einen Kauf in dieser Größenordnung hat es in dieser Branche bislang nicht gegeben. Mit diesen Studios wechseln folgende Franchises ins Xbox Portfolio:

  • (World of) Warcraft
  • Diablo
  • Hearthstone
  • StarCraft
  • Overwatch
  • Guitar Hero
  • Spyro
  • Tony Hawk
  • Crash Bandicoot
  • Candy Crush
  • SWAT
  • Skylanders
  • Blackthorn
  • Bubble Witch Saga
  • Empire Earth
  • Farm Heroes Saga
  • Gabriel Knight
  • Geometry Wars
  • Gun
  • Heretic
  • Hexen
  • Interstate 76
  • King’s Quest
  • Pitfall
  • Police Quest
  • Rock N’ Roll Racing
  • Space Quest
  • The Lost Vikings
  • Zork

Während die in dieser Liste weiter oben stehenden Franchises wohl jedem ein Begriff sein dürften, gesellen sich auch einige lange nicht mehr bediente Serien zumindest theoretisch in die Hand von Microsoft. Dies bedeutet natürlich noch lange nicht, dass wir alle diese Spiele in naher Zukunft wiedersehen werden – möglich wäre es aber.

Es gibt einen Hoffnungsschimmer, dass vor allem Studios, die in den vergangenen Jahren unter Activision mehr und mehr als „Call of Duty-Support“ gearbeitet haben, künftig wieder etwas unabhängiger agieren könnten und demnach Arbeit in Projekte investieren, die weder jährlich erscheinen, noch zwingend ein Milliarden-Projekt ergeben müssen. Dieser Fokus auf das jährlich erscheinende Call of Duty könnte unter Xbox aufgeweicht werden und somit Potenziale entfalten, um länger nicht bediente Titel zurück ins Leben zu holen. Viele Fans würden es sicherlich begrüßen, wenn künftig wieder neue Iterationen von Empire Earth, Tony Hawk oder Guitar Hero entwickelt werden könnten.

Vielmehr soll es in diesem Beitrag aber darum gehen, welche der namhaften und „aktiven“ Franchises unter neuer Führung maßgebliche Veränderungen erfahren könnten, die insbesondere für die Spielenden relevant sind.

Exklusivität, Game Pass und Co.

Beginnen wir mit dem Stichwort „Abo-Modell“. Dieses spielt bis heute bei Blizzard, aber auch bei Microsoft eine zentrale Rolle. Bereits bei der Integration von Services anderer Publisher in den Game Pass wurde ein einst alleinstehender Abo-Service in die Funktionalität und das Angebot des Game Pass integriert. So könnt ihr beispielsweise, wenn ihr Abonnent des Game Pass seid, auch die EA Play Dienste ohne Aufpreis nutzen.

Eine ähnliche Entwicklung halten wir auch in Bezug auf das legendäre Blizzard MMORPG World of Warcraft für möglich bis wahrscheinlich. Nachdem die Rechte des Spiels komplett bei Xbox liegen werden, scheint eine Kombination durchaus sinnvoll, um den Game Pass noch attraktiver und unumgänglicher zu gestalten. Viele WoW Fans haben nicht nur aufgrund der sinkenden Qualität und teils fragwürdigen Richtungsentscheidungen aufgehört zu spielen, vor allem die Kombination mit den monatlichen Kosten war häufig der ausschlaggebende Punkt für das Ende aktiver Spielzeit. Sollte World of Warcraft künftig für alle Game Pass Abonnenten „kostenlos“ spielbar werden, wird dies abermals neue Game Pass Abos zur Folge haben, als auch neues sowie wiederkehrendes Publikum in die Spielwelt Azeroth bringen.

Weiter geht es mit dem Thema der Exklusivität. Xbox entfernt sich mehr und mehr von der einstigen Devise, Spielenden die freie Plattformwahl zu lassen. Dies wird durch die anhaltende und immer stärker werdende Fokussierung auf den Game Pass, aber auch durch die Ankündigung der The Elder Scrolls 6 und Starfield Exklusivität deutlich. Dies könnte einschneidende Konsequenzen für alle Fans des Call of Duty Franchise bedeuten.

Bisher war der berühmte First-Person-Shooter primär auf der PlayStation zu Hause, auch der E-Sport wurde größtenteils auf Sonys Konsole gespielt. Vor allem seit der Veröffentlichung des Standalone Battle Royals Warzone sind viele CoD Spielende auf dem PC hinzugekommen oder dorthin gewechselt. Sollte es Microsoft darauf anlegen, könnte das Franchise sich noch weiter von seiner einstigen Heimat entfremden. Es scheint unwahrscheinlich, dass Call of Duty künftig gar nicht mehr auf der PlayStation spielbar sein wird, doch ist selbst das nicht ausgeschlossen.

Wahrscheinlicher erscheint jedoch ein Kompromiss, wie ihn sich auch Autor und Branchen-Insider Jeff Grubb vorstellen kann. Dieser schreibt auf Twitter, dass er denkt, dass Warzone ein Multiplattform-Titel bleiben wird, während das „Main Call of Duty-Spiel“ Xbox exklusiv wird.

Die Verkäufe, die man dadurch von potenziellen Spielenden auf der PlayStation einbüßt, seien Grubbs Meinung nach lediglich ein Investment oder auch als Werbekosten für die Promotion des Game Pass zu werten. Dieser Einschätzung schließt sich auch die bekannte Call of Duty News-Seite CharlieIntel an.

Erweiterungen: Metaverse, Mobile und Co.

Für Microsoft bedeutet der Deal zudem eine Ausweitung der Plattformen, die man aktuell und zukünftig bedienen möchte. Spencer erwähnte in seinem Statement bereits den Fokus und die Beschleunigung des Cloud-Gamings, doch das dürfte noch längst nicht alles gewesen sein. Diverse Medienberichte verweisen auf das Stichwort Metaverse, welches spätestens seit der Umbenennung des Facebook Konzerns in Meta in aller Munde ist.

Meta: Facebook bekommt neuen Namen – Zuckerberg weitet Metaversum aus

Der Kauf von Activision Blizzard könnte entsprechend ebenfalls eine Ausrichtung auf den kommenden Entwicklungsschritt des Internets sein, über den persistente Online-Welten besuchbar und erlebbar gemacht werden sollen. Oftmals wird die Ausrichtung als Wette bezeichnet, auf eine Zukunft, deren Existenz, Größe und Form derzeit noch sehr unklar und vage erscheint. Das Metaverse geht Hand in Hand mit Entwicklungen der Bereiche Kryptowährungen und NFTs, die ebenfalls im Gaming angekommen und äußerst umstritten sind.

Microsoft ist zumindest durch die eigene Hololens-Brille schon etwas in den Bereich der Augmented Reality (AR) eingestiegen und könnte die eigene Orientierung künftig weiter konkretisieren.

Satya Nadella, Chief Executive von Microsoft, sagte dazu:

„Gaming ist heute die dynamischste und aufregendste Kategorie in der Unterhaltung auf allen Plattformen und wird eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung von Metaverse-Plattformen spielen.“ (via Reuters)

Microsoft würde, sollte der Kauf alle nötigen Prüfungen der Aufsichtsbehörden bestehen, zum drittgrößten Gaming-Konzern der Welt werden und sehe nur noch Sony und Tencent vor sich.

Doch nicht nur visionär betrachtet ergibt die Übernahme Sinn. Vor allem im Bereich Mobile Gaming, dem umsatzstärksten Part der Gaming-Industrie, war Microsoft bisher vergleichsweise wenig involviert. Doch betrachtet man den Ruf und die Popularität des Studios King mit seinem international berühmten Titel Candy Crush, welches zahlreiche Genre-Nachahmer nach sich zog, könnte sich dies in Zukunft ebenfalls ändern.

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass Microsoft die Fühler in mehrere Richtungen zeitgleich ausstreckt und in allen betrachteten Segmenten durchaus Chancen besitzt, eine führende Position einzunehmen oder die bestehende Position weiter zu stärken.