Die Geschichte des frühen Profi-e-Sports ist vor allem verknüpft mit Ländern wie den USA, Südkorea und China. Dabei wird ein von der Einwohnerzahl her kleines Land oft vergessen, obwohl es für den internationalen und vor allem europäischen e-Sports von immenser Bedeutung ist: Schweden.

Die Ursprünge

Schweden hat etwas mehr als zehn Millionen Einwohner, gleichzeitig stellt das Land in einem der wichtigsten eSports-Titel der Geschichte, nämlich Counter-Strike 1.6 (CS), die drei erfolgreichsten Spieler aller Zeiten, wenn es um gewonnene Preisgelder geht, namentlich Patrik ‚f0rest‘ Lindberg, Patrik ‚cArn‘ Sättermon und Harley ‚dsn‘ Örwall. Über alle Turniere gerechnet hat Schweden in Counter-Strike 1.6 circa doppelt so viel an Preisgeldern gewonnen, wie das zweitplatzierte Deutschland, das aber mehr als achtmal so viele Einwohner hat.

Gleichzeitig genießen das schwedische CS-Lineup von SK Gaming aus früheren Zeiten sowie die bis heute aktive Organisation Ninjas in Pyjamas (NiP), die ihren Sitz in Stockholm hat, Kultstatus. Um diesen immensen Erfolg der schwedischen Szene verstehen zu können, sind vor allem zwei Organisationen wichtig: Die Dreamhack und das Inferno Online in Stockholm.

Mit der Dreamhack ist bereits 1994 eine LAN-Party ins Leben gerufen worden, die weltweit als einmalig gilt. Vor allem die südschwedische Stadt Jönköping ist bis heute sehr eng mit dem Namen Dreamhack verbunden, weil dort die wichtigsten LAN-Partys dieser Marke stattgefunden haben. Die Dreamhack gilt als größte LAN-Party der Welt und konnte bereits 2012 mehr als 20.000 Besucher verzeichnen. Inzwischen ist die Marke aber vor allem deshalb interessant, weil weltweit Dreamhack-Turniere veranstaltet werden, wie zum Beispiel in Rumänien, Frankreich, Russland, Spanien, den USA, Kanada, Brasilien und Indien.

Das Inferno Online besteht seit 2003 und ist das weltweit größte Gaming-Center – noch vor den berühmten PC Bangs in Südkorea.

Das bedeutet, dass die globalen Referenzen in Sachen lokalem Gaming aus einem Land stammen, das im Hinblick auf seine Einwohnerzahl relativ klein ist. Auch in anderen Spielen als CS gehören schwedische Athleten zur internationalen Spitze. Wie kommt es dazu?

Offenheit und Zukunftsgewandtheit

Skandinavische Länder gelten traditionell als weltoffen, tolerant und zukunftsorientiert – und als jemand, der selbst in Grenznähe zu Dänemark lebt, kann ich dies nur bestätigen.

Während wir in Deutschland mit reaktionären und veralteten Strukturen eines Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) kämpfen müssen, ist e-Sports in Schweden eine längst anerkannte Sportart. Man kann e-Sports dort gar studieren, es gibt sogar eine e-Sports Highschool. Das macht deutlich: Schweden ist im Kopf viel weiter als Deutschland, für das die Digitalisierung an vielen Ecken leider immer noch „Neuland“ ist.

Diese Mentalität der schwedischen Menschen ist das Fundament für ihren Erfolg. Sie nehmen sich neuen Ideen und Errungenschaften an, setzen auf Kooperationen zwischen Organisationen sowie Marktteilnehmern und schaffen gleichzeitig eigene Strukturen, die im globalen Vergleich häufig als Referenz gesehen werden können.

Der Leitwolf Europas in Sachen e-Sports

Viele Länder haben herausragende Meilensteine für den e-Sports erreicht, darunter auch Deutschland mit Clans wie OCRANA, SK Gaming, mousesports oder PENTA und selbstredend der Electronic Sports League (ESL). Aber kein anderes europäisches Land hat den e-Sports so sehr angenommen, gebündelt und Chancen ergriffen wie Schweden.

Insofern kann das Land im Norden als Fixstern der europäischen Szene gesehen werden, von dem alle Länder viel lernen können, vor allem hinsichtlich dem Zusammenspiel von e-Sports, Menschen, Gesellschaft, Unternehmen, Politik und Sport.

Über Timo Schöber

Als Consultant veröffentlichte Timo Schöber bereits mehrere Publikationen zum Thema eSports und ist neben seiner neuen Position als freier Autor bei Gaming-Grounds.de derzeit weiterhin als Head of Esportionary.net sowie Pressesprecher des eSports Nord e.V. aktiv. Zu seinen Veröffentlichungen zählt auch das Buch „Bildschirm-Athleten: Das Phänomen e-Sports“.

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