Gastbeitrag von Timo Schöber.

Disclaimer des Gastautors: Der nachfolgende Beitrag ist auf Basis mir von unterschiedlichen Dritten zugespielter und/oder öffentlich einsehbarer Informationen entstanden. Ich gebe also, trotz gewissenhafter Recherche und Sekundärquellenanalyse, keine Gewähr für die Richtigkeit der Tatsachen. Irrtümer vorbehalten.


Man liest viel darüber, dass der elektronische Sport, also das wettbewerbsorientierte Spielen von Computer- und Videogames, exponentiell wächst. Häufig beruft man sich dabei auf Marktdaten, beispielsweise Zahlen zu Preisgeldern, dem Marktvolumen oder der Anzahl an professionellen Spielern. Während bei all diesen Parametern ein deutliches Wachstum festzustellen ist, gedeiht der E-Sport aber auch abseits der großen Eventbühnen.

Insbesondere in unterschiedlichen Bundesländern hat sich einiges in Sachen E-Sport getan. Zu nennen sind hier insbesondere Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und das Saarland. Es sind offizielle Förderungen ausgelobt, Strukturen geschaffen und Kooperationen mit dem traditionellen Sport etabliert worden.

Vielen gilt dabei das nördlichste Bundesland als Referenz und Blaupause. Die Vorreiterrolle Schleswig-Holsteins ist sogar in einem Buch verarbeitet worden. Im Folgenden wird E-Sport auf Landesebene daher beispielhaft an Schleswig-Holstein betrachtet. Die Ableitungen aus dem Geschriebenen lassen sich aber problemlos auf andere Bundesländer übertragen. Schleswig-Holstein hat hier also Vorbild- und Blaupausen-Charakter.

Die Ausgangslage

Die Chancen des E-Sports sind in Schleswig-Holstein von politischer Seite früher erkannt worden als anderenorts. Besonders die FDP, die Grünen, der SSW und Teile der CDU sowie der SPD haben sich deutlich für den E-Sport positioniert. So kam es Anfang des Jahres 2019 zu einer Anhörung im Innen- und Rechtsausschuss des Landtages in Kiel. Geladen waren vielerlei Organisationen und Personen, die direkt oder indirekt mit dem Thema E-Sport zu tun haben. Dies reichte von reinen E-Sport-Organisationen wie dem eSports Nord e.V. oder dem eSport-Bund Deutschland (ESBD), über Forscher im Gaming-Kontext, bis hin zu sozialpädagogischen und medialen Einrichtungen. Das Spektrum war dementsprechend sehr vielfältig und ganzheitlich aufgestellt, da sowohl Befürworter des E-Sports als auch Gegner des elektronischen Sports zugegen gewesen sind.

Hintergrund der Anhörung war die mögliche Schaffung einer dezidierten E-Sport-Förderung im Land zwischen den Meeren. Diese sollte genutzt werden, um eine umfassende Infrastruktur zu schaffen, Weiterbildungsmöglichkeiten anzubieten und E-Sport in traditionelle Sportvereine zu tragen.

Schlussendlich ist es nach mehreren politischen Prozessen, die in einer Demokratie notwendig und sinnvoll sind, zum Beschluss einer entsprechenden Förderung gekommen. Zur Verfügung gestellt wurde rund eine halbe Million Euro. Mehr noch: Die Förderung konnte nicht nur im Jahr 2019 geschaffen, sondern in den Jahren 2020 und 2021 verstetigt werden, wenn auch in einer geringeren Höhe. Darüber hinaus ist auch für das Jahr 2022 eine entsprechende Förderung beschlossen worden, wie der E-Sport-Verband Schleswig-Holstein (EVSH) jüngst in einer Pressemitteilung angekündigt hat.

Den politischen Vertretern und Verantwortlichen im Norden Deutschlands ist also bewusst, dass E-Sport vielerlei Chancen bietet, die genutzt werden sollten. Zu nennen sind hier etwa das Erlernen und Verstärken von Fähigkeiten und Fertigkeiten, die Nutzung von Synergien zum traditionellen Sport und die Schaffung von Sozialisierungspunkten für junge Menschen.

Was ist mit den erheblichen Fördersummen realisiert worden?

Landeszentrum für E-Sport und Digitalisierung (LEZ SH)

Kernstück der E-Sport-Förderung war die Schaffung einer zentralen, landesweiten Anlaufstelle für Interessierte am elektronischen Sport – seien es Politik, Hochschulen oder Medien. Das Prinzip und die Idee hinter einem Landeszentrum sind sinnvoll. So können Kompetenzen, Know-How und Maßnahmen gebündelt und bestmöglich strukturiert werden.

Nach einer Anlauf- und Umsetzungsphase von rund drei Jahren, die auch trotz Corona in den Augen vieler deutlich zu lang gewesen ist, konnte das LEZ SH im November 2021 den Testbetrieb aufnehmen. Zuvor hatte es bereits diverse Online-Veranstaltungen mit Bildungsangeboten gegeben. Hier konnte das Landeszentrum vielerlei Themengebiete abdecken und Wissen zu unterschiedlichen Aspekten des E-Sports vermitteln, seien es zum Beispiel Trainingskonzepte oder juristische Fragestellungen für Vereine.

lez sh pm testbetrieb
Quelle: eSport in Schleswig-Holstein e.V.

Ein anderes sehr sinnvolles Projekt des LEZ SH ist Breaking Borders. Hierbei vernetzt das LEZ SH zusammen mit der dänischen Bibliothek Næstved die Regionen Schleswig-Holstein und Sjælland, insgesamt also die Fehmarn-Belt-Region. Schleswig-Holstein ist seit jeher eine Region mit großen deutschen, als auch immensen dänischen Einflüssen. Im Land zwischen den Meeren gibt es eine aktive dänische Minderheit, die das Leben in der Region sinnvoll mitgestaltet, unter anderem repräsentiert durch den Südschleswigschen Wählerverband (SSW), der auch drei Sitze im Schleswig-Holsteinischen Landtag hat und sich umfassend für den E-Sport einsetzt. Das Projekt Breaking Borders spiegelt also nicht nur den E-Sport wider, der eben nicht in Grenzen und Nationen denkt, sondern auch das Land Schleswig-Holstein, das in vielerlei Aspekten in „zwei Welten“ zu Hause ist.

Vor Ort in der Schleswig-Holsteinischen Landeshauptstadt Kiel arbeiten viele ehrenamtlich Engagierte am LEZ SH mit. Dies betrifft auch Menschen, die an der nahegelegenen Christian-Albrechts-Universität oder der Fachhochschule Kiel studieren. Ohne diese Mannschaft aus motivierten Personen wäre ein Projekt wie das LEZ SH nicht zu stemmen. Die Einbindung von Menschen aus der Region eines Landeszentrums ist essenziell für dessen Erfolg.

Auch die Ausstattung des LEZ SH kann sich sehen lassen. Hochwertige Hardware, großzügige Räumlichkeiten in Zentrumsnähe und eine umfassende IT-Infrastruktur. Das LEZ SH ist diesbezüglich eine würdige Anlaufstelle für E-Sport im Land.

Ebenfalls positiv zu bewerten ist, dass sich um das LEZ SH eine Community von Spielerinnen und Spielern gebildet hat, die communitygetriebene Turniere und Spieleabende veranstaltet. Diese Art der Zusammenführung und Sozialisierung von Menschen ist eine Kernaufgabe des LEZ SH.

Erstaunlich ist allerdings, dass im Landeszentrum aber kaum Menschen aktiv sind, die langjährig Engagierte in Sachen E-Sport im Land zwischen den Meeren wären. War dies eine Zeit lang noch der Fall, haben sich diese Menschen nach und nach vom LEZ SH abgewandt. An Zeit und Wille kann es nicht liegen, denn diese Menschen sind größtenteils in anderen Projekten aktiv. Hier sollte man einmal die Gründe hinterfragen. Dennoch ist die Schaffung einer Community als auch die Arbeit eines Teams von Ehrenamtlichen eine gute Sache.

Es liegen aber auch einige Dinge im Argen, wenn man das LEZ SH genauer betrachtet. So steht auf der Webseite des LEZ SH Folgendes zur Trägerschaft:
„Der eSport-Bund Deutschland fungiert als Träger des LEZ SH und repräsentiert bundesweit den organisierten eSport sowie seine Sportlerinnen und Sportler in Deutschland. […]“

Das ist inhaltlich nicht richtig und kann schnell zu Spannungsfeldern mit den vor Ort engagierten Menschen führen. Zum einen ist der Träger des LEZ SH nicht der ESBD, sondern der Verein eSport in Schleswig-Holstein e.V. Hier ist der ESBD lediglich eines von mehreren Mitgliedern. Zum anderen wäre der ESBD keine Organisation aus Schleswig-Holstein. Ein Landeszentrum sollte aber immer von den Menschen einer Region getragen werden. Diese kennen ihre Heimat, die Sprache der Menschen und verfügen über regionale Netzwerke, die sie einbringen können. Darüber hinaus ist verwunderlich, dass der Verein mit dem Namen eSport in Schleswig-Holstein e.V. seinen Sitz in Berlin hat (beziehungsweise hatte), also einer Stadt, die weit weg von eben jenem Bundesland liegt. Auch die Mitgliederstruktur des Vereins mutet seltsam an, sind die meisten der Mitglieder keine Personen oder Organisationen aus dem nördlichsten Bundesland. Erfreulich ist aber, dass der Sitz des Vereins zukünftig Kiel sein soll – wohlgemerkt nach mehreren Jahren mit Berlin als Sitz.

Der fehlende Landesbezug beim Landeszentrum ist aber auch an anderen Stellen spürbar. Die Projektleitung kommt nicht aus Schleswig-Holstein und lebt auch nicht dort, sondern in Magdeburg, also Sachsen-Anhalt. Gleiches gilt für führende Projektmitarbeiter, die beispielsweise in Berlin leben. Da wundert es den Betrachter auch nicht, dass die Referenten der weiter oben genannten Bildungsangebote fast durchweg nicht aus Schleswig-Holstein stammen. So wichtig und inhaltsreich diese Angebote sowieso kompetent und fähig die Referenten auch sind, eine gesunde Mischung wäre hier sinnvoller, zumal die Menschen eines Bundeslandes dessen Bedürfnisse am besten kennen.

Es wirkt durchaus komisch, dass das Landeszentrum für E-Sport Schleswig-Holstein an so vielen Stellen wenig bis gar nichts mit Schleswig-Holstein zu tun hat. So sinnvoll der Austausch mit anderen Bundesländern und das Einholen von Wissen aus anderen Regionen auch sein mag: Fokus eines Landeszentrums muss das jeweilige Bundesland sein – nicht nur für die Menschen der Region, sondern auch von diesen Menschen. Das betrifft insbesondere Führungspositionen, die mit strategischen Entscheidungen verbunden sind. Denn auch, wenn E-Sport Grenzen sprengen soll, ergibt sich die Aufgabe eines Landeszentrums schon aus dem Wortteil „Landes“.

Auch müssen sich die Verantwortlichen die Frage gefallen lassen, ob Interessenskonflikte vorliegen. Dass es hier in jüngster Vergangenheit vermehrt zu Problemlagen gekommen ist, sei beispielhaft an zwei Punkten festgemacht.

Der ESBD, der angeblich Träger des LEZ SH sein soll, hat im November 2021 den German Esports Summit veranstaltet. Partner war aber nicht das LEZ SH, sondern unter anderem das E-Sport-Hub Sachsen-Anhalt. Das war im Übrigen auch schon im Jahr 2020 der Fall. Ein anderes Beispiel ist eine Beilage zum Thema E-Sport, die als Bezahlinhalt vor Kurzem beim Handelsblatt dabei gewesen ist. Jemand, der dort einen Artikel haben wollte, konnte sich also einkaufen. Prominent vertreten war auch hier nicht das LEZ SH, das nur in einem Satz erwähnt worden ist, sondern der E-Sport-Hub Sachsen-Anhalt sowie Unterstützer der Einrichtung. Das E-Sport-Hub Sachsen-Anhalt ähnelt dem Landeszentrum Schleswig-Holsteins an vielen Stellen und soll ähnliche Aufgaben wahrnehmen.

Spannend: Das E-Sport-Hub Sachsen-Anhalt wird von der selben Projektleitung geführt, wie das LEZ SH. Da ist es wenig verwunderlich, dass das LEZ SH an vielen Stellen unterrepräsentiert ist, während das E-Sport-Hub aus der Heimat der Projektleitung vielfach Erwähnung findet. Im Volksmund würde man das wohl „auf zwei Hochzeiten“ tanzen nennen. Als Schleswig-Holsteiner muss das ärgerlich sein. Schließlich sind vom Land Schleswig-Holstein und der Stadt Kiel rund eine halbe Million Euro öffentlicher Mittel ins LEZ SH geflossen. Daher: Steuergelder. Da ist es schade, dass die Prioritäten oft anderweitig verteilt zu sein scheinen.

Infrastrukturell hat das LEZ SH das Problem, dass es nicht ebenerdig ist. Darüber hinaus scheint der Zugang für Menschen mit einer Behinderung nicht immer reibungslos gegeben. Da E-Sport aber eine Inklusionssportart ist, an der alle Menschen partizipieren sollen, ist hier dringend Abhilfe zu schaffen. So muss der reibungslose Zugang für Menschen mit schwersten körperlichen Einschränkungen zu jederzeit sichergestellt sein.

E-Sport und traditioneller Sport

Ein Kernthema der E-Sport-Förderung Schleswig-Holsteins ist die Vernetzung von elektronischem und traditionellem Sport. Auch hier haben Fördermaßnahmen gut gegriffen. Verschiedene Sportvereine konnten E-Sport-Angebote schaffen oder Weiterbildungen wahrnehmen. So hat beispielsweise der TSV Neudorf Bornstein E-Sport-Infrastruktur auf dem eigenen Vereinsgelände geschaffen. Der Verein hat zur Aufnahme eines E-Sport-Angebots eigens die Satzung geändert und den gemeinnützigen Aspekt der Jugendarbeit mitaufgenommen. Solche Kniffe sind in Deutschland leider notwendig, da E-Sport weder als eigener Punkt in der Abgabenordnung aufgeführt noch als Sport anerkannt ist, der wiederum in der Abgabenordnung steht. Ohne eine Satzungsänderung hätte der Verein seine Gemeinnützigkeit riskiert. Neben mehreren Räumen samt Gaming-Computern und Spielekonsolen ist die Fördersumme, die der Verein erhalten hat, auch genutzt worden, um das Vereinsheim an einen hochmodernen Glasfaseranschluss zu koppeln.

Wichtig ist hier und bei vergleichbaren Maßnahmen, dass der Erfolg kontrolliert wird. Durch die Fördermittel muss gelebter E-Sport sichergestellt sein. Es reicht nicht, nur ein paar Computer in einen Raum zu stellen. Ob und in welchem Umfang hier nachhaltig gearbeitet wird, gilt es stetig zu prüfen.

Ebenfalls im Bereich des E-Sports sehr engagiert ist der Möllner SV, der dem Bundesland bei der Strukturierung behilflich gewesen ist. Auch weitere traditionelle Sportvereine beschäftigen sich zunehmend mit dem Thema E-Sport. Zu nennen sind hier insbesondere der Kieler MTV und Holstein Kiel.

Eine entsprechende Positionierung der Politik zum Thema E-Sport hat hier mit Sicherheit dazu beigetragen, dass immer mehr traditionelle Sportvereine in den E-Sport einsteigen. Das progressive Denken der Politik, als auch vieler Verwaltungen in Schleswig-Holstein, zu nennen ist hier insbesondere das Innenministerium, hat bewirkt, dass das Land zwischen den Meeren deutschlandweit als Referenz gesehen werden kann.

Vereinsheim und Leistungszentrum des eSports Nord e.V.

In der nördlichsten Stadt Schleswig-Holsteins, namentlich Flensburg, hat der einzige reine E-Sport-Verein des Landes seinen Sitz. Der eSports Nord e.V. versteht sich aber nicht als Flensburger Verein, sondern nimmt Aufgaben in ganz Schleswig-Holstein wahr. So stammen Mitglieder des Vereins nicht nur aus Flensburg, sondern beispielsweise aus Heide, Kiel, Husum, Lübeck und Neumünster. Die Vereinsmitglieder unterstützen den E-Sport im Land bereits seit 2014, in offizieller Form als eingetragener Verein seit 2016.

Schwerpunktthemen des Vereins sind die politische Arbeit zum E-Sport, die gesellschaftliche Aufklärung, die Zusammenarbeit mit Schulen und Hochschulen, die Unterstützung von Jugendringen, die Beratung des traditionellen Sports und das Angebot eines regen und aktiven Vereinslebens. So konnte der Verein über die Jahre zahlreiche Partner gewinnen, unter anderem Weltmarken wie den Sportartikelhersteller hummel. Darüber hinaus unterstützen ein lokales Immobilienunternehmen als auch ein Energieversorger den Verein maßgeblich bei der Unterhaltung des Vereinsheims.

Auch der eSports Nord e.V. hat von der Förderung Schleswig-Holsteins profitiert. Auf diese Weise konnte in Flensburg ein Vereinsheim errichtet werden, das auch als Leistungszentrum in einem deutschlandweiten Netzwerk fungiert. Dabei sei zu erwähnen, dass das Vereinsheim zum größten Teil durch die ehrenamtliche Arbeit der Vereinsmitglieder errichtet worden ist. Auf Gewerke von Drittanbietern konnte weitgehend verzichtet werden, sodass die Fördersumme nachhaltig, bedacht und sparsam eingesetzt werden konnte – schließlich geht es um Steuergelder, die mit Weitblick ausgegeben werden sollten.

Das Vereinsheim dient Vereinen aus dem traditionellen Sport inzwischen als Blaupause. Die Einrichtung ist rund 180 Quadratmeter groß und verfügt über Trainingsräume, eine eigene Serverstruktur, Sozialräume und Präsentationflächen. Das komplette Vereinsheim ist ebenerdig und mit extra breiten Türen ausgestattet, um auch Menschen mit einer Behinderung eine problemlose Teilhabe am Vereinsleben zu ermöglichen. Vollständig eröffnet im Oktober 2020, war es zum damaligen Zeitpunkt die erste entsprechend eröffnete E-Sport-Einrichtung Schleswig-Holsteins.

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Das E-Sport Vereinsheim des eSports Nord wurde am 23. Oktober 2020 feierlich eröffnet. Quelle: eSports Nord e.V.

Darüber hinaus hat der Verein die Facility aber auch für gesellschaftliche Zwecke genutzt. So boten die Vereinsmitglieder älteren Menschen mehrmals Unterstützung bei der Anmeldung zur Coronaschutzimpfung an. Auch das Thema Gleichstellung wird vom Verein gelebt, zum Beispiel durch eine eigens berufene Gleichstellungsbeauftragte, die in diesem Themenfeld auch deutschlandweit zu den meistgesuchten Ansprechpersonen gehört.

Auch beim Thema Jugendarbeit nutzt der Verein seine Räumlichkeiten. So entwickelte der eSports Nord e.V., gemeinsam mit der Aktion Kinder- und Jugendschutz Schleswig-Holstein sowie dem Jugend- und Sportbüro der Stadt Flensburg, den ersten offiziell zertifizierten E-Sport-Jugendgruppenleiterschein Deutschlands. Kurze Zeit danach ist der Verein auch dem Flensburger Jugendring beigetreten.

Berechtigte Kritik schlug dem Verein durch das zeitweise Fehlen eines eigenen Spielbetriebs entgegen. Lange hatte der Verein sich auf die oben genannten Aufgaben fokussiert, ohne eigene Teams vorzuhalten und an Wettbewerben teilzunehmen. Dies hat der Verein entsprechend registriert und Abhilfe geschaffen. So verfügt der eSports Nord e.V. inzwischen über eigene Teams in Counter-Strike: Global Offensive, League of Legends, Rocket League, Super Smash Bros. und Call of Duty. Die Teams werden dabei durch Abteilungsleiter, Teammanager sowie Trainer unterstützt und spielen beispielsweise in der 99damage-Liga und der Prime League.

Jugendarbeit, Stormarn-Liga und League of Legends in Norderstedt

Neben dem Landeszentrum, Sportvereinen und dem eSports Nord e.V. haben auch Jugendorganisationen und -einrichtungen aus der Förderung einen nachhaltigen Nutzen ziehen können. Leuchtturmprojekte konnten hier die Jugendarbeit mittels E-Sport auf andere Regionen Schleswig-Holsteins übertragen, die erzielte Strahlkraft hatte demnach positive Auswirkungen auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.

Das bekannteste Beispiel ist die Stormarnleague des Kreisjugendring Stormarn e.V., die im Spiel Rocket League ausgetragen wird. Durch die Nutzung von eigens angeschafften Gaming-Koffern kann das Ligaerlebnis auch ortsunabhängig geboten werden.

Gaming Koffer Reinbek FitMax
Die Gaming-Koffer bringen Spiele zu Spielenden. Quelle: Kreisjugendring Stormarn e. V.

Das Konzept ist so gut angekommen, dass der Kreisjugendring den Medienkompetenzpreis des Landes Schleswig-Holstein 2021 gewinnen konnte. Derartige Projekte haben Vorbildcharakter. Aber auch andere Organisationen bieten inzwischen umfassende E-Sport-Events und -Inhalte an. Zu nennen ist hier insbesondere die Stadt Norderstedt samt Jugendbüro. Hier wurde ein League of Legends-Turnier veranstaltet, organisiert von Jugendlichen der Region und unterstützt vom eSports Nord e.V.

Gegründet: E-Sport-Verband Schleswig-Holstein (EVSH)

In Schleswig-Holstein ist einer der beiden ersten Landesverbände zum E-Sport gegründet worden, zeitgleich und in Abstimmung mit Nordrhein-Westfalen. Eines wird beim Blick auf den EVSH direkt deutlich. Der Verband kann auf jeden Fall eines vorweisen: Langjährig ehrenamtlich engagierte Schleswig-Holsteiner, die für das Thema E-Sport brennen und eine breite Öffentlichkeit haben. So kennt man die Gesichter beispielsweise noch vom Innen- und Rechtsausschuss 2019, in dem die E-Sport-Förderung verhandelt worden ist.

EVSH Gruendung
Auch Schleswig-Holstein gründete einen neuen E-Sport-Verband. Quelle: EVSH, Logos: Akteure / Organisationen

Die Schaffung eines E-Sport-Verbandes im nördlichsten Bundesland ist von einem Kieler E-Sport-Rechtsanwalt initiiert worden. Nach und nach fanden sich unterschiedliche Personen und Institutionen zusammen, um mit dem EVSH einen zentralen Verband zu gründen, der vor allem der erste Ansprechpartner für Politik und Vereine sein soll.

Zu wünschen wäre, dass der Verband schnellstmöglich mit der operativen Arbeit beginnt. Gerade in Sachen öffentlicher Statements hat der EVSH, in Anbetracht einer zurückliegenden Bundestagswahl, eines Regierungswechsels und einer neuen Zuständigkeit in Sachen Gaming und E-Sport, das ein oder andere Wort vermissen lassen. Immerhin liegt die Gründungsveranstaltung nunmehr sieben Monate zurück.

Befürchtungen, dass der Verband sich zu etwas Bedenklichem entwickeln könnte, was bei Verbänden nicht eben selten ist, sind allerdings unbegründet. Man darf nicht vergessen, dass die im Verband engagierten Personen allesamt hauptberufliche und auch familiäre Verpflichtungen haben, sodass die Mühlen im Ehrenamt oft langsam mahlen. Dass die führenden Mitglieder des EVSH mit Herzblut bei der Sache sind und sehr viel für den E-Sport im Land getan haben, ist jedenfalls unbestritten. Daher kann man zuversichtlich sein, dass der EVSH mittelfristig eine äußerst positive Bereicherung für den E-Sport im Norden sein wird.

Jedenfalls fußen vielerlei gute und etablierte Projekte auf der Arbeit und dem Engagement von Menschen, die sich auch im Verband einbringen. Daher ist davon auszugehen, dass diese Leidenschaft, das Know-how und die Erfahrungen auch in der Verbandsarbeit auf die Straße gebracht werden.

Hochschulgruppen

Schleswig-Holstein verfügt mit Kiel, Lübeck, Flensburg und Heide über vier Hochschulstandorte, teilweise mit mehreren Hochschulen. Erfreulich ist, dass an allen vier Standorten Hochschulgruppen mit E-Sport-Angeboten existieren, teilweise mit einem regen Spielbetrieb.

Die Gruppe des Campus‘ in der Landeshauptstadt heißt University eSports Baltic Kiel. Diese Organisation hat bundesweit die größte Strahlkraft aller Hochschulgruppen im nördlichsten Bundesland. So konnte die Hochschulgruppe nicht nur durch Spielerisches auf sich aufmerksam machen, sondern auch durch eine Zusammenarbeit mit dem LEZ SH. Gerade im Spiel League of Legends und der damit verbundenen Aktivitäten in der Uniliga genießt die Hochschulgruppe bundesweites Ansehen. All das ist positiv zu bewerten, da die Hochschulgruppe mit der Christian-Albrechts-Universität am mit Abstand wichtigsten Campus des Bundeslandes sitzt und dementsprechend deutschlandweit am meisten betrachtet wird. Immerhin gehört die Universität zu gleich zwei Exzellenzclustern des Bundes.

Die zweitgrößte Stadt Schleswig-Holsteins ist die Hansestadt Lübeck, bekannt vor allem für Marzipan und ihre zum UNESCO-Welterbe zählende Altstadt. Die Lübecker Hochschulgruppe fokussiert sich nicht nur auf E-Sport, sondern auch auf das übergeordnete Gaming.

In der nördlichsten Stadt wiederum ist am dortigen Doppelcampus die Hochschulgruppe Flensburg United entstanden, die unter anderem in League of Legends, Rocket League und Overwatch aktiv ist. Wie alle Hochschulgruppen verfügen auch die Flensburger über einen aktiven und communitybildenden Discord-Server und bieten auch Offline-Zusammenkünfte an. Darüber hinaus stellt die Hochschulgruppe auch ein Vorstandsmitglied beim EVSH, engagiert sich also auch auf Landesebene verbandstechnisch. Darüber hinaus kooperieren Flensburg United und der eSports Nord e.V. eng miteinander.

An der Westküste wiederum existieren die Heide Seals, die im Vergleich zu den anderen Hochschulgruppen aber deutlich weniger aktiv sind. Dennoch ist auch für E-Sport-Interessierte abseits der drei großen Städte Schleswig-Holsteins ein Angebot vorhanden.

Kieler Kehrtwende

Dass Politik nicht immer ganz einfach ist, dürfte den meisten Menschen, die sich in demokratischen Prozessen bewegen, bekannt sein. In Schleswig-Holstein gab es beispielsweise das als Kieler Kehrtwende in die E-Sport-Geschichte eingegangene Politik-Wirrwarr.

Beim weltberühmten Wacken Open Air zeigte sich der Ministerpräsident des Landes im Jahr 2018 in einem Gaming-T-Shirt. Ganz nach dem Motto „Fullmetal Gaming“ kündigte man auf dem Event an, dass man so überzeugt vom E-Sport sei, dass Schleswig-Holstein eine eigene Akademie zum Thema erhalten solle.

Die Euphorie in der norddeutschen E-Sport-Szene war entsprechend groß: Ein Spitzpolitiker, auf einem Metalfestival, in einem Gaming-Shirt, der eine E-Sport-Akademie ankündigt. Allerdings war die befürwortende Haltung des Ministerpräsidenten schnell wieder verflogen, nachdem der Landessportverband (LSV) länger mit ihm gesprochen hatte. Mitte des Jahres 2019 verkündete Daniel Günther, dass er die (ablehnende) Haltung des LSV zum Thema E-Sport teilen würde. Dies reichte bis hin zur Übernahme der DOSB-eigenen Wortschöpfung „eGaming“, die außer dem DOSB eigentlich niemand benutzt, weil sie schlicht Unsinn ist.

Nach massiven Protesten der E-Sport-Szene des Landes ruderte Daniel Günther auch von dieser Haltung in Teilen wieder zurück. Die Konfusion war perfekt. Das zeigt, dass auch in einem innovativen und progressiven Land wie Schleswig-Holstein das reaktionäre Denken von einigen Sportverbänden sehr weit reicht. Glücklicherweise gehen viele Parteien, Politiker, Beamte und traditionelle Sportvereine hier einen anderen, aufgeschlossenen und zukunftsgewandten Weg.

Vertane Chance: E-Sport-Akademie in Heide

Wie oben nachzulesen ist, war in Heide an der Fachhochschule Westküste eine E-Sport-Akademie angedacht. Hier sollten Studiengänge zum Thema angeboten, Grundlagenforschung betrieben und Fortbildungsmöglichkeiten konzipiert werden. Ein entsprechendes Konzept war seit Langem fertig und lag der Staatskanzlei in Kiel vor. Erstaunlich ist, dass bis zum heutigen Tag keine entsprechende Akademie existiert. Der Wille der E-Sport-Szene, der Wirtschaft, der Wissenschaft und der Administration in Heide und auch anderenorts, etwa Wacken, Husum und Flensburg, wäre da gewesen. Warum es nicht zur Gründung einer entsprechenden Akademie gekommen ist, kann nur vermutet werden, da eine offizielle Absage nie erteilt worden zu sein scheint. Jedenfalls gab es keine entsprechenden Presseberichte mit einem klaren Statement.

Feststeht: Dass es keine E-Sport-Akademie gibt, ist aber, ganz gleich der Beweggründe, ein schlechtes Signal. Überall in der Republik werden Studiengänge, Schwerpunkte und Wahlpflichtfächer zum Thema gegründet. Von Hamburg bis Stuttgart, von Frankfurt (Oder) bis Siegen. Schleswig-Holstein hätte hier eine Vorreiterrolle einnehmen können, bei guter Umsetzung sogar mit einem internationalen Maßstab. Die Chance, die hier von politischer Seite vertan worden ist, ist kaum in der Kürze eines Gastbeitragsabschnitts unterzubringen – so immens ist sie.

Angelockt: GAMEVENTION 2022 in Neumünster

Mit den Holstenhallen in Neumünster, zentral in Schleswig-Holstein gelegen, bringen Gaming- und E-Sport-Veteranen vor allem eines in Verbindung: Die Northcon, einst größtes LAN-Event Deutschlands. Ab dem kommenden Jahr wird Neumünster mit einem weiteren Großereignis verknüpft werden: Der GAMEVENTION.

gamevention 2022
Quelle: Quinke Networks GmbH / GAMEVENTION 2022

Das Festival, das neben Gaming- und E-Sport-Inhalten auch weitere Bereiche abdecken wird, insbesondere Musik und analoge Spielkultur, ist von Hamburg nach Schleswig-Holstein umgezogen. Das Festival könnte sich, nach dem Wegfall der DreamHack Leipzig, hinter der gamescom als zweitgrößtes Event dieser Art in Deutschland etablieren – und dabei gleichzeitig zusätzliche Inhalte und Mehrwerte bieten. Die mediale Aufmerksamkeit, die Unterstützung durch weite Teile der E-Sport-Szene und der Wille im Land sind jedenfalls immens. Außerdem wird die GAMEVENTION als ganzheitliches Event vielerlei Angebote bieten, die sogar einen Mittelaltermarkt einschließen sollen.

Das Team der GAMEVENTION dürfte sich Schleswig-Holstein auch ausgesucht haben, weil die Politik durch beispielsweise die dezidierte E-Sport-Förderung signalisiert hat, dass man solche Events im Land zwischen den Meeren gerne sehen möchte.

Fazit: Licht und Schatten, aber in Summe sehr positiv

Wie man sieht, hat sich viel im Land zwischen den Meeren getan. Das ist vor allem dem Engagement und der Leidenschaft von vielen Menschen zu verdanken. Denn es existieren nicht nur die genannten Organisationen und Projekte, sondern viele andere vergleichbare Ideen und Angebote. Zu nennen sind hier beispielsweise E-Sport-Job-Sessions bei opencampus.sh oder aber ein monatlich stattfindender E-Sport-Stammtisch, beides organisiert vom IFgameSH e.V. oder aber die Denkfabrik Esportionary.

Darüber hinaus hat Schleswig-Holstein das Glück, dass die Politik sehr progressiv und zukunftsgewandt denkt und handelt. Dies gilt nicht nur für die gewählten Volksvertreter, sondern auch für fleißige und umsichtig agierende Verwaltungsbeamte und Fürsprecher, die im Hintergrund aktiv sind und die Maschine am Laufen halten.

Abseits bestehender Problemlagen, die vorstehend geschildert worden sind, kann Schleswig-Holstein in Sachen E-Sport also eine positive Bilanz ziehen. Sollten etwaige Problemstellungen angegangen und korrigiert werden, dann sieht die Zukunft vermutlich noch rosiger aus. Jedenfalls wäre es etwa zu wünschen, dass im Land zwischen den Meeren auch umfassend zum E-Sport geforscht werden würde, um das Thema E-Sport zu validieren, zu evaluieren und zu fundieren.

Abschließend sei mir als gebürtigem und dort lebendem Schleswig-Holsteiner ein persönlicher Dank gestattet. Vielen Dank an all die engagierten Schleswig-Holsteiner, die Politik und die Verwaltung des Landes und der Stadt Kiel. Ohne Sie/Euch wäre das alles nicht möglich gewesen!