Rainbow Six Siege, Ubisofts Taktikshooter, befindet sich derzeit in einer wichtigen Phase. Vieles verändert sich. Die neue Season Operation Crimson Heist ist kürzlich erschienen, Ubisoft vermeldete eine weiterhin wachsende Spielerzahl und der Start der 2021 Saison des professionellen E-Sports steht kurz bevor. Die zwischenzeitlichen Rosterchanges, die wir möglichst vollständig in unserer Transferübersicht zusammenfassen, sowie die Verschiebung des Six Invitationals 2021 motivierten mindestens vier (!) Spieler zum Rücktritt vom Profidasein oder zumindest dazu, sich mit dem Gedanken zu beschäftigen.

Wir berichteten bereits ausführlich über die Rücktritte der Rainbow Six Siege Legionäre Niclas ‚Pengu‘ Mouritzen und Troy ‚Canadian‘ Jaroslawski. Bereits am 03. Dezember 2020 – ein Datum, das bereits in der derzeitigen Off-Season liegt, die erst morgen enden wird – erklärte Kevin ‚Easilyy‘ Skokowski sein Karriereende. Dabei wirkte es, als entwickle sich das Spiel in die Richtung, welche sich die Profis wünschten – weg von der Utility-Meta / dem „Utility-Removal-Simulator“.

Natürlich kann ein Karriereende auch bei E-Sportlern mehrere Gründe haben. Wir schauen uns nachfolgend als Erstes an, was gestern passierte beziehungsweise offiziell verkündet wurde und wer sich deshalb damit beschäftigt seine Karriere zu beenden. Abschließend gehen wir darauf ein, welche Gründe die Profis haben, um an ein Karriereende zu denken. Hierbei wird insbesondere der Faktor Stress wichtig, da dies mehrfach seitens der Betroffenen erwähnt wurde.

Zwingt die Trennung ‚Goga‘ und ‚Fabian‘ zum Karriereende?

Vitality Trennung Goga Fabian 01
Team Vitality gibt Trennung von Goga & Fabian bekannt. Quelle: Team Vitality

Unschöne Trennung: Vitality ersetzt Goga, Fabian und Hungry

Es war bereits seit Wochen geleakt und am gestrigen 16. März, zwei Tage vor dem Start der European League (EUL), gab Team Vitality offiziell bekannt, dass die französische Organisation Daniel ‚Goga‘ Mazorra Romero, Fabian ‚Fabian‘ Hällsten, sowie Lucas ‚Hungry‘ Reich ersetzen wird. Der Grund für die Entscheidung liegt wahrscheinlich unter anderem in der Einfachheit einer einheitlich gleichsprachigen Kommunikation und der Umgehung von möglichen Sprachbarrieren.

Das neue Roster des EUL-Teilnehmers wird durch Axel ‚Shiinka‘ Freisberg, Nicolas ‚P4‘ Rimbaud und Medhi ‚Kaktus‘ Marty vervollständigt. Die bestehenden Spieler des vorherigen Line-ups Bastien ‚BiBoo‘ Dulac und Valentin ‚risze‘ Liradelfo kamen laut Hungry auf die Idee, ein vollständig Französisch sprechendes Team zu gründen. Das Management von Team Vitality unterstützte diesen Gedanken.

Da Goga, Fabian und Hungry noch kein neues Team fanden, das Transferfenster bereits vor Tagen schloss und erst im Mai wieder öffnen wird, sammeln die drei Rainbow Six Legionäre mindestens drei Monate keine Spielpraxis. Während der Vertrag von Goga und Fabian bei Vitality weiterhin gültig ist und sie lediglich nicht mehr eingesetzt werden, wodurch sie immerhin fortlaufend ihr im Vorfeld vereinbartes Gehalt bekommen, ist Hungry ab sofort vertragslos.

„Ich habe im Moment keine andere Wahl, als eine dreimonatige Pause einzulegen, da die Verhandlungen zwischen Vitality und einem potenziellen Käufer nicht zu einer Einigung führen konnten. Was wiederum höchstwahrscheinlich dazu führen wird, dass ich in den Ruhestand gehe.“

Fabian ‚Fabian‘ Hällsten über seine Zukunft und ein mögliches Karrierreende.

Das Karriereende steht im Raum

Mit dem Verlust des Stammplatzes innerhalb eines aktiven EUL-Rosters, so erklärt Fabian in einem Statement, seien seine Chancen auf einen „Buyout“ (dem Herauskaufen aus einem laufenden Vertrag) minimal. Er selbst würde sich aufgrund der wenigen Spielzeit innerhalb der letzten 15 Monate nicht verpflichten. Sollte sich die Befürchtung, dass er im Mai keinen neuen Arbeitgeber findet, bewahrheiten, wird der 26-jährige Schwede seinen Rücktritt bei Vertragsende bekannt geben.

„Ich weiß selbst nicht, ob dies ein Abschied für immer von Competetive (Anm. d, Red.: dem kompetitiven, wettbewerbsorientierten Teil bzw. dem professionellen E-Sport des Spiels) sein wird, oder ob ich irgendwann zurückkehren werde (was ich stark bezweifle). Ich möchte nicht einmal darüber nachdenken, ich bin kein Mensch, der Dinge plant, sondern von Tag zu Tag lebt. Also, ich werde anfangen zu streamen (ja, wirklich), das Spiel genießen und Spaß haben.“

Goga im zugehörigen Twitlonger über seine Zukunft

Die Perspektive von Goga sieht etwas anders aus. Der Spanier sprach davon, dass er ohne den Stress und mit mehr verfügbarer Zeit glücklich sei und noch nicht wisse, ob sein „Goodbye“ an das kompetitive Spielen für immer ist. Weiterhin führt Goga aus, dass er noch gar nicht darüber nachdenken möchte, da er jemand sei, der von Tag zu Tag lebt. Fürs Erste möchte er seine Zeit in den Aufbau seines Streams investieren.

„Ich will die Tür nicht wirklich schließen und sagen, dass ich mich zurückziehe, aber ich bezweifle, dass ich zurückkomme, es sei denn, ich bekomme ein Angebot und bin bereit, mich einem Team zu widmen.“

Yung äußert seine Zweifel bezüglich eines möglichen Comeback und nennt die Voraussetzungen.

Ähnliches gilt für Austin ‚Yung‘ Trexler. Dieser entschied sich, nachdem er bei dem NAL-Team Mirage vorspielte und mit ihnen für die bevorstehende Saison nach Las Vegas reisen wollte, dass er eine Auszeit nehmen müsse. Er möchte nun nach eigener Aussage die Tür nicht vollständig schließen und sagen, dass er als Profi zurücktritt. Er selbst zweifle jedoch ein Comeback an und nannte als Voraussetzung, dass er ein Angebot erhalten müsste und selbst bereit sei, sich einem Team zur Verfügung zu stellen.

Wie groß ist die Belastung der Sportler?

Bei dem Lesen der zahlreichen Statements des gestrigen Tages fällt schnell auf, dass sämtliche Spieler über ähnliche Erfahrungen und ein vergleichbares Leiden berichten. Die Belastung der digitalen Sportler steht zu Debatte. Der Leistungsdruck scheint Stress auszulösen. Die Spieler scheinen ihre Gesundheit zu vernachlässigen.

„Kurz bevor wir die Verträge unterschreiben und den Umzug nach Las Vegas antreten mussten, hat es mich dann voll erwischt und hart getroffen. Zu diesem Zeitpunkt war ich mental ein Wrack und es war scheiße und hoffentlich komme ich nicht wieder an diesen Punkt. Ich bin an diesem Punkt zurückgetreten und habe beschlossen, dass ich mir wirklich eine Auszeit nehme und all die Energie, die ich meinen Teamkollegen und dem Team gebe, auch mir selbst schenken muss. Das habe ich wirklich nicht mehr getan, seit diese Siege-Reise begonnen hat.“

Yung berichtet von seiner mentalen Gesundheit kurz vor der Vertragsunterschrift bei Mirage

Der US-Amerikaner Yung sah sich, wie zuvor bereits berichtet, gezwungen eine Vertragsunterschrift bei Mirage abzulehnen und sich erstmals seit Jahren Zeit für sich selbst zu nehmen. Dies hat nun zur Folge, dass er dem thematisierten Karriereende entgegenblickt. Auch sein spanischer Konkurrent Goga äußerte, dass er stressige Monate hinter sich habe.

Diese seien in den Überlegungen seiner Mitspieler begründet gewesen, die Organisation ohne die nicht französischsprachigen Spieler fortzuführen. Goga wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht, wie seine Zukunft aussieht. Jetzt, wo er weiß, dass er nicht mehr aktiv in dem Team spielen wird, fühle er sich stressfrei und glücklich. Das endgültige Fällen der Entscheidung habe ihn erleichtert.

„Die Entscheidung, Hungry, Fabian und mich auf die Bank zu setzen, wurde vor etwa einem Monat getroffen. Als uns die Entscheidung mitgeteilt wurde, war ich ehrlich gesagt erleichtert. Das waren stressige Monate, in denen ich nichts über meine Zukunft wusste. Danach habe ich eine zweiwöchige Pause vom Spiel genommen und dann angefangen, das Spiel mit meinen Freunden zu spielen. Ich genieße es wirklich, das Spiel wieder zu spielen, auch wenn ich mich auf Twitter über die Cheater beschwere, lmao. Wie auch immer, ich bin wirklich schlecht darin, über meine Gefühle zu sprechen, also werde ich das hier beenden. Ich bin jetzt glücklich, stressfrei und habe mehr freie Zeit, um Dinge zu tun, die ich mag. […]“

Gogas Äußerungen bezüglich des empfundenen Stresses.

Doch die Liste der Stress-bezogenen Äußerungen endet an dieser Stelle noch nicht. Auch Ville ‚Sha77e‘ Palola sprach am gestrigen Dienstag davon, dass er sich äußerst gestresst fühlte, als sein ehemaliges Team (Team Secret) beschloss, andere Spieler als möglichen Ersatz des Finnen zu testen. Er sei unglücklich gewesen. Letztendlich traf er selbst die Entscheidung, das Roster zu verlassen und einen Schritt kürzerzutreten. Anschließend konzentrierte er sich auf das Streamen, welches ihm große Freude bereitete und entschied sich, dass dies erstmal sein Fokus bleiben wird.

„Wir hatten einen sehr guten Start in die EUL-Stage 2 mit den Siegen, die wir errungen haben, aber das bedeutet nicht so viel, wenn die Zeit weitergeht und wir immer noch Kernprobleme innerhalb des Teams hatten und die Ergebnisse unserer offiziellen (AdR.: Matches) begannen, irgendwie besorgniserregend zu werden. Mit der Zeit war ich ziemlich gestresst und unglücklich und hatte das Gefühl, dass irgendwann etwas mit dem Roster passieren wird und als ich das erste Mal hörte, dass vielleicht jemand an meiner Stelle proben wird, steigerte sich mein Stresslevel sehr und ich entschied mich, selbst zurückzutreten.

Zu meiner Zukunft kann ich sagen, dass ich das Streamen im Moment so sehr genieße, ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so glücklich war und ich möchte mich wirklich darauf konzentrieren, weil es mir so viel Freude bereitet und ich motiviert bin, Inhalte zu machen und zu streamen, wer weiß, was in Zukunft passiert, aber im Moment konzentriere ich mich darauf.“

Sha77e über die Entscheidung Team Secret zu verlassen

Dauerhafter Druck bis zum Karriereende

Liest man diese Zitate, kommt wahrscheinlich der ein oder andere auf den Gedanken, dass ein Sport, der vor dem Monitor ausgeübt wird, gar nicht belastend sein kann. Jene Diskussion wollen wir an dieser Stelle gar nicht führen. Es gibt genug Faktoren, die den Körper und vor allem den Geist bei dieser Art des Sports auslaugen. Doch das lassen wir an dieser Stelle außen vor. Der Tenor der getroffenen Aussagen scheint der zu sein, dass die Spieler unter zwei Problemen leiden – Leistungsdruck und Zukunftsangst.

Du musst permanent Leistung auf höchstem Niveau bringen, da selbst ein weiterhin gültiger Vertrag einen Spieler nicht schützt. Denn wenn du keine Spielpraxis sammelst, bist du für andere Organisationen uninteressant. Zusätzlich werden häufig äußerst wenig Informationen mit den Spielern geteilt, wodurch diese sich ihrer Zukunft gegenüber unsicher sind. Bei der Auflösung des eUnited Rosters erfuhr Matthew ‚meepeY‘ Sharples beispielsweise erst über Twitter, dass sein Team zukünftig nicht in der NAL vertreten sein wird. Wenn sogar die Sprache einen Kündigungsgrund darstellt, besitzt man faktisch eine sehr unsichere Arbeitsstelle. Das ist, wie man an den obigen Zitaten erkennen kann, Grund genug für eine ausgeprägte Zukunftsangst.

„Vor allem aber denke ich, dass nach mehr als fünf Jahren, in denen ich alles in dieses Spiel gesteckt habe, mein Verstand ein wenig nachgegeben hat und ich einfach nicht mehr die gleiche Leidenschaft und Motivation für das Spiel habe, die ich einst hatte. Als Folge davon habe ich nicht mehr das Gefühl, dass ich die Leistung erbringen kann, die ich von mir als IGL erwarte, und das hat es für mich nur noch frustrierender gemacht, weiter zu spielen.“

‚Canadian‘ über den Verlust jeglicher Motivation und Leidenschaft

Und selbst wenn ein Spieler über Jahre hinweg die nötige Leistung erbringt und auf höchstem Niveau agiert, spielt er auf diesem Niveau nicht ewig. Es laugt aus. Das Beispiel des Troy ‚Canadian‘ Jaroslawskis ist an dieser Stelle exemplarisch. Er steckte über fünf Jahre seine gesamte Energie in den E-Sport von Rainbow Six Siege und konnte am Ende weder ausreichend Motivation noch Leidenschaft aufbringen.